Im Bezirk Möhringen soll eine Flüchtlingsunterkunft entstehen. Die Skepsis ist groß, denn der Stadtbezirk hat schon sehr viele Menschen aufgenommen.
Laut Statistik der Stadt (Stand 31. August 2023) leben in Möhringen 1321 Geflüchtete in städtischen Unterkünften – so viele wie in keinem anderen Stadtbezirk in Stuttgart. Nun soll mit dem ehemaligen Hotel Körschtal an der Richterstraße eine weitere dazukommen. Es liegt zentral, deshalb sehen die Mitglieder des Bezirksbeirats ein hohes Konfliktpotenzial mit den Anwohnerinnen und Anwohnern, beispielsweise wegen Ruhestörungen. Im Stadtteil geht das Gerücht um, dass unbegleitete junge Flüchtlinge in das Gebäude einziehen, weil es als ehemaliges Hotel ungeeignet für Familien sei. Manch einer will deshalb bereits eine Bürgerinitiative gründen.
Fakt ist aber, dass frühestens 14 Tage vor der tatsächlichen Belegung feststeht, wer in das Gebäude einzieht. Zudem betont Sven Matis, der Pressesprecher der Stadt: „Wir belegen die Unterkünfte in der Regel mit zwei Dritteln Familien und einem Drittel alleinstehender Personen. Damit machen wir seit Beginn sehr gute Erfahrungen.“ Geplant sind im Hotel Körschtal 80 oder sogar 120 Plätze. Als es tatsächlich noch ein Hotel war, waren es 60 Betten, mehr waren aus Brandschutzgründen nicht möglich.
„Für die Belegung mit bis zu 80 Personen ist ein Bauantrag zu stellen, weil die Nutzung eine andere sein wird. Damit einher gehen auch brandschutztechnische Auflagen, die zu erfüllen sind“, sagt Sven Matis. Demnach soll der Bauantrag noch in diesem Monat eingereicht werden. Parallel dazu würden die Küchen, Waschmaschinen- und Trocknerplätze sowie die Inbetriebnahme des Aufzugs geplant. Bis Ende des ersten Quartals 2024 soll alles fertig sein, sagt Matis. Ob dann aber bereits Geflüchtete einziehen können, sei offen und hänge auch davon ab, wie lange das Genehmigungsverfahren dauere und welche Auflagen sich noch aus dem Bauantrag ergeben.
Das Gebäude ist in einem guten Zustand
Sven Matis sagt, dass die Stadt das Objekt regulär erworben habe, es habe kein Vorkaufsrecht gegeben. Das Gebäude sei in gutem Zustand, für die Stadt sei dies ein wichtiges Kriterium in der Abwägung gewesen. „Das macht es auch perspektivisch interessant. Denkbar wäre bei einem möglichen Rückgang der Flüchtlingszahlen eine Anschlussnutzung, etwa für städtisches Personal“, sagt der Pressesprecher.
Dass es in Möhringen so viele Plätze für geflüchtete Menschen gibt, erklärt Sven Matis mit dem Stuttgarter Weg. „Wir wollen geflüchtete Menschen weiterhin möglichst dezentral und kleinräumig unterbringen. Immer deutlicher wird, in den nächsten Wochen und Monaten wird jeder verfügbare Platz benötigt werden. Die Verwaltung sucht deshalb mit Hochdruck stadtweit nach möglichen Plätzen.“
Das Dormero-Hotel in Möhringen ist eine Notunterkunft
In Möhringen gibt es aktuell drei Standorte mit Systembauten, und zwar an der Landhauskreuzung, am Lautlinger Weg und und am Ehrlichweg im Fasanenhof. Hinzu kommt das Dormero-Hotel im SI-Centrum als große Notunterkunft, dort leben aktuell etwa 620 Menschen. Das Zusammenleben dort funktioniere, betont Matis und ergänzt: „Hin und wieder gibt es kleinere Unstimmigkeiten. Im Großen und Ganzen ist es ruhig, insbesondere unter Berücksichtigung der großen Anzahl an Menschen, die in diesem Hotel untergebracht sind, und dem Platz, der jeder Person bereitsteht.“
Betreffend der Skepsis gegenüber der Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft im Hotel Körschtal sagt Matis. „Wir erleben es bei vielen Unterkünften, dass die Nachbarinnen und Nachbarn im Vorfeld Bedenken äußern. In den allermeisten Fällen lösen sich diese nach Bezug der Unterkunft auf.“ So sei es zum Beispiel auch bei der Unterkunft Im Wolfer in Plieningen gewesen. Der Pressesprecher verweist zudem darauf, dass „in allen Unterkünften sowohl eine Hausleitung als auch ein sozialpädagogischer Dienst vor Ort ist, mit dem die Geflüchteten ihre Anliegen besprechen können.“ Zum Aspekt der Sicherheit sei die Verwaltung in engem Kontakt mit der Landespolizei. Für die Unterkünfte der Stadt werde die Sicherheitslage jeweils individuell bewertet und bei Bedarf ein Sicherheitskonzept entwickelt, um die Anwohner und Anwohnerinnen ebenso zu schützen wie die Bewohner und Bewohnerinnen in der Unterkunft.
Freundeskreise sollen bei Integration helfen
Aus Sicht der Stadt geht es aber vor allem um Integration: Statistik und Erfahrungswerte würden zeigen, dass für straffälliges Verhalten unter anderem die vermittelten Werte und die Teilhabechancen am gesellschaftlichen Leben relevante Faktoren seien. Diese Faktoren seien unabhängig von der Staatsangehörigkeit und kulturellen Aspekten. „Deshalb ist es unser großes Anliegen, den geflüchteten Menschen ebenso wie anderen Zielgruppen den Zugang zur Teilhabe am gesellschaftlichen Alltag möglichst zu erleichtern und sie dabei zu unterstützen. Außerdem unterstützen wir Engagierte dabei, vor Ort einen Freundeskreis zu gründen“, sagt Matis.
Aktuell gebe es in Möhringen keinen Freundeskreis oder andere Initiativen. „Es haben sich allerdings bereits Interessierte gemeldet, die sich gerne ehrenamtlich engagieren würden. Im Zusammenhang mit der Belegung dieser neuen Unterkunft wird deshalb mit Unterstützung der Bezirksverwaltung ein neuer Freundeskreis gegründet werden“, kündigt Matis an. Das Bezirksamt werde zu einem Termin einladen. Wer Interesse habe, könne sich vorab melden.
Geflüchtete Menschen in Stuttgart
Statistik
Laut Statistik (Stand 31. August 2023) leben in den städtischen Unterkünften in Möhringen 1321 Geflüchtete. In Bad Cannstatt sind es 1141, in Weilimdorf 1094, in Zuffenhausen 861 und in Feuerbach 859 Menschen. Dann folgt mit deutlichem Abstand Stuttgart-Nord, wo 578 Menschen in städtischen Unterkünften leben.
Tatsächliche Zahlen
Die Statistik gibt lediglich die Zahl der geflüchteten Menschen an, die in den Unterkünften der Landeshauptstadt Stuttgart untergebracht sind. Wie viele geflüchtete Menschen in der Summe im jeweiligen Stadtbezirk leben, kann daraus nicht abgeleitet werden. Denn nicht erfasst sind die Geflüchteten, die in regulären Wohnungen, bei Familie oder Bekannten leben.