In Gruppen sitzen die Fanny-Schüler mit den Flüchtlingen zusammen. Die Atmosphäre ist ruhig und konzentriert. Foto: Rebecca Stahlberg

Mit Gleichaltrigen ist die Hemmschwelle niedriger: In einer Nachmittags-AG bringen Schüler des Fanny-Leicht-Gymnasiums in Stuttgart-Vaihingen minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen Deutsch bei.

Vaihingen - „Wir kohen.“ „Nein, es muss heißen kochen, ko-chen.“ „Was für ein Gemüse ist dieses hier?“ Das Mädchen zeigt auf eine Abbildung eines orangefarbenen Gemüses in einem Lernheft. Der junge Mann antwortet, ein wenig mühsam fügt er die ungewohnten Silben aneinander: „Ka-ro-tte. Karotte.“ Ein Tisch weiter; Im Aufgabenheft steht die Frage: „Was machst du?“ Die Antwort, mit etwas ungelenker Betonung vorgetragen: „Ich lerne Dutsche – I learn German.“

Knapp ein Dutzend Flüchtlingsjungs und fast genauso viele Schüler des Fanny-Leicht-Gymnasiums sitzen an diesem Nachmittag in kleinen Gruppen zusammen in einem Klassenzimmer. Seit Ende des vergangenen Schuljahrs findet dort jeden Nachmittag die sogenannte Flüchtlings-AG statt. Minderjährige Asylbewerber, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen sind und unter anderem im ehemaligen Hotel Gambrinus an der Möhringer Landstraße untergebracht sind, kommen zum Lernen dorthin. Unterrichtet werden sie von den Schülern – alles auf freiwilliger Basis.

Erst das deutsche Wort, dann das persische

„Ich versuche Deutsch zu lernen, weil es wichtig ist“, sagt Rostam. Der 16-Jährige stammt aus Afghanistan; er ist seit einem Monat in Deutschland. Zusammen mit Clara sitzt er über das kleine Heft mit unzähligen Abbildungen gebeugt. Stück für Stück gehen sie alle gezeigten Gemüse- und Obstsorten durch. Bei einer Frucht zögert das Mädchen. Was soll das eigentlich sein? Es wird gekichert. Egal, das nächste Bildchen. Rostam schreibt alles auf ein Blatt Papier, erst das deutsche Wort, direkt dahinter dann auf Persisch.

Die Klasse 10d und deren Lehrerin Anne Franke haben die AG ins Leben gerufen. „Es ist ein bewusst niederschwellig gestaltetes Angebot“, sagt der Lehrer Notker Häußler. Er unterrichtet Physik, Mathe und Informatik am Fanny. „Solange die Schüler mitziehen, versuchen wir das weiterlaufen zu lassen.“ Etwa 80 Schüler beteiligen sich; im Schnitt nimmt jeder einmal die Woche an der AG teil. Die Zahlen der Flüchtlinge schwanken stark. Von lediglich zwei Jungs bis 30 Teilnehmern sei schon alles dabei gewesen, sagt der Englischlehrer Matthias Riesch. Das angestrebte Verhältnis von Flüchtling und Schüler-Lehrer sei Eins zu Eins; das klappe aber freilich nicht immer.

Das Lernniveau ist sehr unterschiedlich

Seit die Flüchtlingszahlen so stark angestiegen seien, habe sie gerne helfen wollen, sagt Clara. Doch sie habe nie so recht gewusst, wie eigentlich. „Als die AG startete, dachte ich, das ist eine gute Möglichkeit“, sagt die 16-Jährige. Am Nebentisch sitzen Amir und Paula. Der 17-Jährige aus Pakistan schreibt mit langsamer Handbewegung Buchstabe für Buchstabe in ein Lernheft. Die fremdartigen, so anders geformten Lettern gehen ihm offenbar schon recht flüssiger von der Hand. „Schreiben ist leicht, das Sprechen ist viel schwieriger“, sagt Amir. Paula korrigiert ihn an einer Stelle. „Es heißt ‚Ich höre’ und nicht ‚Ich hören’, der letzte Buchstabe muss weg“, erklärt sie. Amir streicht vorsichtig das „n“ zu viel durch. „Ich finde es schön, dass ich hier helfen kann“, sagt die 15-Jährige.

Das Lernniveau der Jungen ist unterschiedlich. Manche üben sich in den deutschen Zahlen und Buchstaben, andere können schon die schwierigeren Aufgaben in den Lernheften lösen. Auch die Fluktuation ist groß. Oft bleiben die Jugendlichen nur wenige Wochen in den Unterkünften für unbegleitete Minderjährige und ziehen dann um.

„Man muss sich jedes Mal neu darauf einstellen, was man zusammen lernen kann“, sagt Elias. Die Familie des 17-Jährigen stammt aus Pakistan, er selbst ist aber in Stuttgart geboren. Dass er zweisprachig aufgewachsen ist, hilft ihm beim Unterrichten. Denn er muss nicht den Umweg über das Englische machen, wenn etwas unklar ist. „Ich hätte einer von ihnen sein können, wenn meine Eltern später ausgewandert wären“, sagt er. Das Helfen ist selbstverständlich für ihn.

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