Flüchtlinge an der griechisch-türkischen Grenze im Erstaufnahmelager Fylakio Foto: dpa

Was passiert, wenn Deutschland tatsächlich seine Grenzen dicht macht? Der Landtags-Innenausschuss informiert sich in Athen. Was er dort erlebt hat, schildert unser Landtagskorrespondent.

Athen - Flüchtlinge? Für die meisten Griechen gibt es gerade Wichtigeres, zum Beispiel, ob das Nachbarland „Nordmazedonien“ heißen darf. So, wie es die Regierungen in Athen und Skopje kürzlich vereinbarten. Auch dass die Renten wieder sinken, treibt sie um. Und im Fernsehen läuft natürlich die Fußball-WM. Dabei hätte Griechenland allen Grund, besorgt auf die Flüchtlingsfront zu schauen.

„Auf den Inseln haben wir in diesem Jahr mehr als 8100 irreguläre Ankünfte, das ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um mehr als 50 Prozent“, sagt Grigorios Apostolou von der europäischen Grenzschutzagentur Frontex. An der Landgrenze zur Türkei am Fluss Evros ist der Anstieg noch deutlicher. Und dann gibt es ja noch die Debatte in Deutschland, wo die Regierung drauf und dran ist, all jene Flüchtlinge abzuweisen, die irgendwo in Südeuropa schon einmal registriert wurden oder gar Asyl erhielten – was dramatische Folgen für die Griechen hätte.

Bilder von überfüllten Booten, schreienden Kindern, Toten

Der Innenausschuss des Landtags hat für seine Informationsreise nach Athen also einen passenden Zeitpunkt erwischt – und die Gesprächspartner aus Parlament, Regierung und Hilfsorganisationen sind voll im Bild, was sich da zusammenbraut. Der EU-Deal mit der Türkei, die illegale Zuwanderer zurücknehmen müsste, funktioniert nur leidlich. Und wie es auf Lesbos, Samos und anderen Inseln zugeht, wo all die Afghanen und Syrer nach ihrer abenteuerlichen Überfahrt ankommen, ist bekannt. Immer wieder explodiert in den überfüllten Camps die Gewalt. „Griechenland hat eine übergroße Last zu tragen, doch noch immer sperrt sich Europa gegen ein gemeinsames Vorgehen“, sagt Panagiotis Kouroumplis, der Minister für Schifffahrt und Inselpolitik. Er wünscht mehr Hilfe für den Grenzschutz – denn das Land hat 18 000 Kilometer Küstenlinie zu bewachen. Da nehmen sich 600 Frontex-Polizisten aus anderen EU-Staaten – davon 61 aus Deutschland – bescheiden aus.

In einem Video sieht die Delegation, darunter Landes-Innenminister Thomas Strobl, was sich allnächtlich abspielt auf den Fluchtrouten der Ägäis. Bilder von überfüllten Booten, schreienden Kindern, Toten. Grenzschutz reduziert sich da auf Lebensrettung. „Wenn wir 1000 Bundespolizisten und 500 Beamte aus den Ländern abordnen würden, könnten wir Italien und Griechenland spürbar helfen“, so Strobl.

Sind die Flüchtlinge erst einmal da, beginnt für sie das lange Warten. „Zwei Jahre bin ich schon in Griechenland“, klagt Maqsoodi M., ein junger Mann aus dem Iran, und erzählt in gebrochenem Englisch von seinen Problemen mit der Religionspolizei in seiner Heimat. Jetzt lebt er seit drei Monaten im Camp Schisto bei Piräus – und gehört damit schon zu den Privilegierten, denn hier aufs Festland dürfen nur Schwangere, Alte und unbegleitete Minderjährige. Es ist sauber, sieht aus wie auf einem Campingplatz, und sogar eine Grundschule gibt es. Kein Vergleich mit Lesbos oder Kos. Doch das Warten zermürbt Flüchtlinge wie Maqsoodi.

Das Ächzen unter dem Flüchtlingsdruck mündet nicht in Ausländerfeindlichkeit

Wo er hinwill? Da druckst er herum. Die meisten wollten nach Nordeuropa, sagt Joannis Koukouvitekis von der Einwanderungspolizei. In Griechenland fänden sie ja keinen Job. Vertreter von Hilfsorganisationen wie dem Danish Refugee Council, mit denen sich die Abgeordneten treffen, versichern, sie versuchten die Flüchtlinge zum Bleiben zu bewegen und zu integrieren. Doch Koukouvitekis sagt: „Die suchen das Paradies in Deutschland oder Schweden.“

Was also, wenn diese Länder alle Flüchtlinge dorthin zurückschicken, wo sie Asyl beantragt und vielleicht sogar erhalten haben – so wie es Bundesinnenminister Seehofer vorschlägt? Dann werde es für sie noch schwerer, lassen die Griechen keinen Zweifel. „In Europa ist eine Lastenverteilung nötig“, sagt Migrationsminister Dimitrios Vitsas. Auch Abgeordnete des griechischen Parlaments artikulieren diesen Appell. Und man hofft auf Familiennachzug, denn viele der Neuankömmlinge haben bereits Verwandte im Norden. Immer wieder hören die Besucher, wie wichtig es sei, Fluchtursachen zu bekämpfen. „Wenn der Tschad-See, an dem 30 Millionen Menschen leben, austrocknet, werden noch viel mehr kommen“, warnt Vitsas: „Die Lösung finden wir nicht auf der Landkarte Europas, sondern außerhalb.“

Dass dies viele Jahre, wenn nicht Generationen dauern wird, ist jedem in der Delegation klar. Eine Erfahrung nehmen die Abgeordneten auf jeden Fall mit nach Hause: Das Ächzen unter dem Flüchtlingsdruck mündet nicht in Ausländerfeindlichkeit. „Wir haben eine lange Tradition als Gastland“, sagt Minister Vitsas. Wie lange dieser Kredit noch reicht, darauf will von den Athener Politikern aber niemand eine Wette abschließen.

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