Ein Klassenraum der Volkshochschule am Rotebühlplatz: Derzeit ist das Kursangebot für Flüchtlinge in Stuttgart überschaubar Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Hunderte gut ausgebildeter Flüchtlinge landen in der Landeshauptstadt und scheitern an der Sprache. Das Angebot an speziellen Sprachkursen ist laut Experten zu gering – die Landesregierung steuert nun gegen, mit einem neuen Förderprogramm.

Stuttgart - Mohammed K. hat ein Lehrbuch vor sich aufgeklappt, die heutige Unterrichtsstunde behandelt Kapitel zwei. Der Titel des Kapitels: „Alte Heimat, neue Heimat“. Die Themen: Länder und Kontinente. Heute lernen die Teilnehmer des Sprachkurses bestimmte und unbestimmte Artikel. Außerdem steht auf dem Programm ein Wort, das für die 16 Kursteilnehmer große Bedeutung hat. Das Fragepronomen „Wo“. Wo kommen sie her, die Deutschschüler, die sich an einem Donnerstagmittag in der Volkshochschule im Stadtzentrum versammelt haben?

Aus Syrien, so wie der 32-jährige Mohammed, aus Afghanistan, Nigeria, Kamerun, Eritrea, Algerien und dem Sudan. Ein Drittel der Flüchtlinge hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Mehr als die Hälfte mindestens eine Ausbildung. Nur die wenigsten haben keinen Schulabschluss.

Nur vier spezielle Sprachkurse an Volkshochschule

Die Volkshochschule (VHS) Stuttgart ist die größte Trägerin für Sprachkurse in der Landeshauptstadt. „Und trotzdem reicht das Angebot bei weitem nicht aus, um alle Flüchtlinge zu versorgen“, sagt Renata Delic, Fachbereichsleiterin Deutsch und Integration an der VHS. Zwar ist die Bandbreite des Angebots groß: Sie reicht von der Alphabetisierung über Grundkurse bis zu solchen, die sich auf dem Niveau von Muttersprachlern bewegen.

Doch die Zahl der Grundkurse für Flüchtlinge, die rudimentäre Fähigkeiten vermitteln, war im vergangenen Jahr überschaubar: Lediglich vier dieser Kurse mit jeweils 16 Teilnehmern hatte die VHS in ihrem Angebot.

Es gibt große Unterschiede zwischen den Sprachkursen. Die 200 Stunden für zwei Grundkurse wie an diesem Donnerstag stehen allen Flüchtlingen offen. Die vom Bund finanzierten Integrationskurse hingegen dürfen nur Menschen besuchen, die bereits ein Bleiberecht haben. Sie fördert die Stadt.

„Bedarf bei weitem nicht gedeckt“

„Momentan reicht das Angebot wegen fehlenden Budgets nicht aus, um die Flüchtlinge wirklich fit für den Arbeitsmarkt zu machen“, sagt Renata Delic. „Im letzten Jahr sind 26 000 Flüchtlinge nach Baden-Württemberg gekommen. Natürlich gibt es noch andere Träger neben uns. Wir können den Bedarf aber auch gemeinsam bei weitem nicht decken“, sagt die Koordinatorin.

Dass es mehr Kurse braucht, sehen auch die Verantwortlichen in der Abteilung für Integration der Stadt Stuttgart. Die Zahl der Deutschkurse für Flüchtlinge hat sich vom ersten Halbjahr 2014 zum zweiten zwar verdoppelt. Doch zeigen die absoluten Zahlen, wie ausbaufähig das Angebot ist: Insgesamt förderte die Stadt im ersten Halbjahr neun Kurse, im zweiten waren es 17.

Der Gemeinderat hat im Doppelhaushalt 140 000 Euro für die Sprachförderung insgesamt bewilligt. Laut Abteilung für Integration reicht das allerdings nicht aus. „Bisher bezahlt das Land einen Betrag von 91,36 Euro für die Sprachförderung von Flüchtlingen“, so eine Mitarbeiterin. Den Rest bezahlt die Stadt. Das Land steuert nun gegen. Mit dem neu aufgelegten Förderprogramm „Chancen gestalten“ fließen 4,4 Millionen Euro in Sprachkurse für Flüchtlinge. Die Kosten übernimmt das Land aber nur zum Teil. 40 Prozent muss die Stadt beziehungsweise die Kommune bezahlen, ansonsten fließt kein Geld aus dem neuen Fördertopf.

Gut ausgebildet, doch es fehlt an Deutschkenntnissen

Mohammed K. schlägt das große Lehrbuch auf Seite 47 auf. Der Kurs bespricht die Hausaufgaben. Es geht um die Uhrzeiten. „Wie spät ist es jetzt?“, fragt die Lehrerin Ulrike Mantel und hält einen Pappteller mit Minuten- und Stundenzeiger in den Raum. Mohammed K. muss sich alles mühsam aneignen, die Grammatik, die Aussprache, ein Gefühl dafür, wie die Menschen in seiner neuen Heimat ticken.

In seiner Heimat Syrien hat er die vergangenen Jahre in der Hauptstadt Damaskus gewohnt. Dort studierte er erst Marketing, später arbeitete er in einem Telekommunikationsunternehmen. Telekommunikationsunternehmen: auch ein langes, sperriges Wort, das der 32-Jährige lieber auf Englisch ausspricht und nicht auf Deutsch.

Der Grundkurs, den er besucht, neigt sich bereits dem Ende zu, es sind nur noch wenige Sitzungen, die anstehen. Der junge Syrer sagt, dass die Kenntnisse aus seiner Sicht noch lange nicht dafür reichen, um sich ernsthaft auf einen Job zu bewerben.

Mit den zusätzlichen Landesmitteln sind künftig neben den 200 Stunden Grundkurs-Unterricht noch 400 Stunden Aufbaukurs vorgesehen.

Renata Delic von der VHS begrüßt das Förderprogramm. „Es wird dringend Zeit, dass qualifizierte Flüchtlinge die Sprache so lernen, dass sie bei der Bewerbung beim Arbeitgeber nicht benachteiligt sind“, sagt Delic. Zwar dürfen sie offiziell mittlerweile bereits nach drei Monaten arbeiten. Doch bleibt das meist Theorie. „Viele auch gut ausgebildete Zugezogene scheitern nicht erst an der sogenannten Vorrang-Prüfung, die deutsche Bewerber bevorteilt“, sagt Delic. Sondern sie überwinden eine andere Hürde nicht: die sprachliche.

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