Amtsarzt Martin Priwitzer begutachtet Röntgenbilder der Tuberkuloseuntersuchung von Flüchtlingen. Die zusätzliche Aufgabe bringt das Amt an den Rand des Machbaren Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Flüchtlinge müssen binnen weniger Tage medizinisch untersucht sein. Eigentlich. Doch in der Praxis dauert das oft Monate – gerade beim wichtigen Tuberkulose-Test. Größere Impfaktionen gibt es trotz diverser Infektionen sogar nur in Ausnahmefällen.

Stuttgart - Alles im Griff. Diese einfache Botschaft sollte am Dienstag ihren Weg in die Öffentlichkeit finden. Da schritten Innenminister Reinhold Gall und Integrationsministerin Bilkay Öney zufrieden durch das neue Registrierungszentrum des Landes in Heidelberg. In der früheren US-Wohnsiedlung sollen künftig Tausende Flüchtlinge die ersten Schritte in Baden-Württemberg durchlaufen. Fotografieren, Akte anlegen, Fingerabdrücke – und Röntgenuntersuchung. Die gefährliche Tuberkulose soll dabei entdeckt werden. Und nebenbei die anderen Erstaufnahmestellen des Landes Entlastung finden.

Dass insbesondere die gesundheitlichen Untersuchungen der Neuankömmlinge künftig geregelter ablaufen, hofft man auch in vielen Gemeinden des Landes. Denn bisher kommt das Land seiner Verpflichtung, alle Flüchtlinge möglichst schnell auf die Lungenkrankheit zu untersuchen, nicht nach. Im Stuttgarter Gesundheitsamt hat man bereits zu Jahresbeginn, noch vor den ganz großen Flüchtlingsströmen, das Land kritisiert. Die städtischen Mediziner mussten damals rund die Hälfte aller Röntgenuntersuchungen der Asylbewerber vornehmen – eine Aufgabe, die Zeitrahmen und Budget gesprengt hat.

Daran hat sich nichts Wesentliches geändert. „Die Lage ist sehr wechselnd“, sagt Amtsarzt Martin Priwitzer. Zwar laufe es in den Erstaufnahmestellen des Landes prinzipiell besser, aber es kämen immer wieder große Sonderaufgaben auf das Gesundheitsamt zu. So sind zuletzt etwa 370 Flüchtlinge im Haus Martinus, die die Stadt vom Land übernommen hat, in den Zuständigkeitsbereich der kommunalen Amtsärzte gefallen. Allein deren Tests werden neben dem normalen Betrieb zwei Monate dauern. Eigentlich eine viel zu lange Zeit. Eine Herausforderung für die Ärzte sind auch die vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. 1000 von ihnen sollen allein in diesem Jahr nach Stuttgart kommen. „Diese große Zahl wird zum Problem“, sagt Priwitzer.

Zunahme bei Tuberkulosefällen

Tuberkulosefälle tauchen immer wieder auf. „Es gibt sicher eine Zunahme“, weiß der Amtsarzt. Die Flüchtlinge brächten Infektionen bereits aus den Heimatländern mit. Die Krankheiten brechen dann durch den Fluchtstress und die Anstrengung aus. Jüngst ist ein infizierter Asylbewerber gar aus einer Klinik in Schwäbisch Gmünd geflohen. Allerdings kommt Tuberkulose in Deutschland generell hier und da vor. Meist stecken sich die Betroffenen im Urlaub im Ausland an.

Ein Thema ist allerdings nicht nur der Stau bei den Tuberkulose-Untersuchungen. Auch andere ansteckende Krankheiten machen Medizinern Sorgen. Im Notquartier in der Landesmesse am Flughafen gab es jüngst knapp 30 Fälle der durch Milben übertragenen Hautkrankheit Krätze, dazu einen Fall von Ruhr und einen von Windpocken. Bedroht davon sind angesichts der Enge in den Massenunterkünften vor allem die Flüchtlinge selbst. „Eine Infektionsgefährdung der Allgemeinbevölkerung sehen wir derzeit nicht“, heißt es beim Berliner Robert-Koch-Institut. Empfänglich seien vor allem geschwächte Asylsuchende. In der Messehalle sind als Reaktion die meisten Kinder gegen Windpocken geimpft worden – sofern deren Eltern das zugelassen haben.

Das war allerdings eine Einzelmaßnahme. Das Landesgesundheitsamt rät gerade Flüchtlingen angesichts des bevorstehenden Winters auch zur Grippe-Schutzimpfung. Weit reichende Impfaktionen in den Unterkünften plane man allerdings selbst nicht, sagt ein Sprecher. Das überlasse man den örtlichen Gesundheitsämtern. Die entschieden selbstständig und hätten im einen oder anderen Fall bereits reagiert.

Diese Aussage löst beim Stuttgarter Gesundheitsamt allerdings Verwunderung aus. „Wir haben schon einige größere Impfaktionen gemacht. Allerdings kann das nur anlassbezogen geschehen“, sagt der Amtsleiter Hans-Otto Tropp. So gab es in einer Stuttgarter Unterkunft nach Masern-Fällen Impfungen. Mehr sei allerdings nicht möglich: „Wir würden gerne mehr tun, aber das ist für uns nicht zu leisten. Das ist ein großes logistisches Problem und derzeit sind einfach andere Dinge wichtiger“, sagt Tropp. Er hofft, dass viele Flüchtlinge möglichst schnell in die Behandlung von regulären Hausärzten übergehen und dann dort und auch von den Heimleitungen auf Infektionskrankheiten und mögliche Schutzimpfungen hingewiesen werden.

Immerhin ein wenig Abhilfe ist in Sicht: 0,7 zusätzliche Personalstellen soll das Gesundheitsamt für die medizinische Untersuchung der vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge bekommen. Ein Tropfen auf den heißen Stein zwar nur, aber besser als nichts. Für den großen Rest bleibt nur eine Hoffnung: Dass das neue Registrierungszentrum in Heidelberg tatsächlich Abhilfe schafft. Und möglichst viele Asylbewerber so schnell untersucht werden, wie es eigentlich sein müsste.

Hintergrund: Empfohlene Schutzimpfungen

Hintergrund

Empfohlene Schutzimpfungen

Das Berliner Robert-Koch-Institut schätzt „die Möglichkeit des Imports von hierzulande seltenen Infektionskrankheiten durch Asylsuchende als gering ein“. Allerdings sind Flüchtlinge häufig von Krankheiten betroffen, die es in Deutschland bereits gibt und gegen die man sich schützen kann. In einem Konzept fordert das Institut die frühzeitige Impfung von Asylbewerbern möglichst innerhalb der ersten Tage noch in der Erstaufnahmeeinrichtung. Auch unabhängig davon seien verschiedene Schutzimpfungen für die Gesamtbevölkerung immer sinnvoll.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt besonders Schutzimpfungen gegen Tetanus, Diphterie, Kinderlähmung und Keuchhusten. Für alle nach 1970 Geborenen kommen Masern, Mumps und Röteln hinzu. Speziell Älteren wird zwischen September und November zu einer Schutzimpfung gegen Influenza, also die schwere Form der Grippe, geraten. Wer ins Ausland fährt, sollte sich vorab über weitere sinnvolle Impfungen informieren.

Angesichts der bevorstehenden Grippesaison empfehlen die Experten zudem einige Verhaltensweisen für den Alltag. Dazu gehören regelmäßiges und gründliches Händewaschen mit Seife sowie Husten und Niesen in die Ellenbeuge oder in ein Taschentuch. Zu erkrankten Personen sollte möglichst Abstand gehalten werden. Regelmäßiges Lüften von Räumen reduziert die Ansteckungsgefahr. Und wen es richtig erwischt hat, der sollte zu Hause bleiben und sich gründlich auskurieren. (jbo)

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: