Junge Flüchtlinge in der Stuttgarter Notunterkunft Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Stimmen aus dem Jugendamt, die mehr muslimische Pflegeeltern fordern, sind förderlich für die städtische Asylpolitik. Muslime, die mitten in der Gesellschaft stehen und sich für Christen, Juden und Muslime einsetzen, würden ein starkes Signal aussenden, kommentiert Leon Scherfig.

Stuttgart - „Der Islam gehört zu uns, weil wir hier Millionen von Muslimen haben“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in dieser Woche. Er übernahm damit sinngemäß eine Formulierung, die vor ihm schon andere gewählt hatten, Angela Merkel und Christian Wulff etwa.

Aber auf Baden-Württemberg und Stuttgart trifft diese Aussage ganz besonders zu. Etwa jeder zehnte Einwohner der Landeshauptstadt ist ein Muslim, prozentual ist der Anteil so hoch wie sonst fast nirgendwo in Deutschland. Zur Teilhabe an der Stadtgesellschaft gehört allerdings, dass den Muslimen daraus auch einige Pflichten erwachsen.

Beispielhafte Debatte

Das zeigt sich beispielhaft an der Debatte über den Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen, die ohne Eltern nach Deutschland kommen. Das Jugendamt ist überfordert. Zumindest befristet bis Ende dieses Jahres rechnet die Behörde mit knapp 37 Personalstellen allein für die Betreuung der unter 18-Jährigen, die der Krieg nach Deutschland getrieben hat.

Befristet sind diese Einsatzzeiten, weil kein Mensch vorhersehen kann, wie sich die Flüchtlingszahlen entwickeln. Die Beamten, Sozialarbeiter und Seelsorger treffen auf eine Situation, die einen Augenblick später eine völlig andere sein kann. Flexibilität gehört zur alltäglichen Arbeit mit Flüchtlingen.

Es sollten also alle Register gezogen werden: Die Stimmen aus dem Jugendamt, die mehr muslimische Pflegeeltern fordern, sind förderlich für die städtische Asylpolitik. Bemerkenswert ist die Vehemenz, mit der einige Mitarbeiter jetzt Muslime in die Pflicht nehmen. Sonst vorsichtige Formulierungen – „wir würden es begrüßen, wenn . . .“ – gewinnen nun an Schärfe. Nun heißt es: Die Muslime sollen Brückenbauer sein, weil sie ihre Kultur oft mit den Flüchtlingen teilen.

Hilfe ist kein Frage des Glaubens

In dieser Klarheit liegt eine Chance. Einen Ausblick, welche Kräfte ein solches Denken längerfristig entfachen könnte, bot vor einigen Tagen die Debatte auf der Deutschen Islam Konferenz (DIK) in Berlin. Dort forderten die Experten einen islamischen Wohlfahrtsverband nach dem Vorbild von Diakonie und Caritas. Stuttgarter Muslime könnten hier vorangehen.

Es wäre ein starkes Signal. Muslime, die mitten in der Gesellschaft stehen und sich für Christen, Juden und Muslime einsetzen. Das ist vorerst eine Vision. Doch es lohnt, sie im Blick zu behalten. Das Argument, nur die christliche Kirche könne eine Wohlfahrt, die sich um die Schwachen und Armen bemüht, aufbauen, geht indes fehl. Zwar bilden christliches Menschenbild und die Nächstenliebe das Fundament für die Hilfe in Not. Doch finden sich auch im Koran Suren, die Solidarität mit Mitmenschen loben.

Wenn muslimische Familien Flüchtlinge aufnehmen, zeugt das von sozialer Teilhabe. Minderjährige Flüchtlinge gelten nach internationalem Recht als besonders schutzbedürftig. Dieser Schutz darf keine Frage des Glaubens sein.

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