Ariane Müller-Ressing sagt, Corona habe vieles verschärft in der Asylunterkunft. Foto: Caroline Holowiecki

In Baden-Württemberg kommen immer weniger Flüchtlinge an, Corona hat den Trend noch verstärkt. In der Asylunterkunft in Stuttgart-Heumaden merkt man davon wenig. Dafür hat die Pandemie vollkommen neue Probleme aufgeworfen.

Sillenbuch/Heumaden - Wäsche trocknet auf einem Ständer in der Sonne, daneben liegt eine Decke im Gras. Ein Mann schlurft vorbei, zieht seine Schlappen geräuschvoll über den Boden, ein anderer schiebt ein Kinderrad. Ansonsten liegt in der Mittagszeit Stille über den Wohnblocks der Heumadener Asylunterkunft. Doch die Ruhe trügt. Die knapp 200 Plätze sind nahezu voll belegt. Auf etwa 85 Prozent schätzt Ariane Müller-Ressing, die Sprecherin des örtlichen Flüchtlingsarbeitskreises, den Belegungsgrad. Menschen aus 23 Nationen leben hier. Zwei neue Familien sollen in Kürze ankommen, andere konnten die Unterkunft jüngst verlassen und in Wohnungen ziehen.

Das alles mag zunächst verwundern, ist doch der Strom jener, die in Deutschland Asyl suchen, weitgehend abgerissen. Dem Land Baden-Württemberg wurden zwischen Januar und Juni nur knapp 3000 Personen zugewiesen. Im ganzen Jahr 2015 waren es noch knapp unter 100 000 gewesen, 2019 immerhin mehr als 10 000. Das heißt aber längst nicht, dass keine Menschen ihre Heimat verlassen. Im Gegenteil. Nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks waren im vergangenen Jahr 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht; knapp neun Millionen mehr als 2018. Allerdings hängen viele von ihnen in den großen Auffanglagern in der Türkei, in Griechenland oder Afrika fest. Die Grenzen sind zu. Wegen einer restriktiveren Flüchtlingspolitik, aber auch wegen Corona.

Gab es mal eine Art Flaute in Stuttgart-Heumaden?

In der Konsequenz ist in den Unterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen im Land grundsätzlich weniger los. Aktuell sind sie laut Innenministerium zu nicht mal 30 Prozent belegt. In Stuttgart und den umliegenden Kreisen ist die Auslastung höher, nämlich bei 60 bis 80 Prozent. Ariane Müller-Ressing glaubt, dass ein bestimmter Grund mitspielt: „Wer kann eine Unterkunft verlassen? Derjenige, der abgeschoben wird oder Wohnraum findet“, sagt sie, in Stuttgart gebe es aber kaum freie Wohnungen.

Hinzu kommt, dass die Einrichtung nahe der Stadtbahn-Haltestelle Bockelstraße eine Sonderstellung in der Landeshauptstadt einnimmt. Hier stehen 24 Einzelzimmer für psychisch stark belastete Frauen und Männer bereit, ein extra Sozialarbeiter kümmert sich um sie. Zwar kämen seit der Pandemie auch in Sillenbuch weniger Leute an, „aber bis kurz vor Corona waren wir voll bis zum Kragenknopf“, sagt Ariane Müller-Ressing. Gab es überhaupt mal eine Art Flaute in Heumaden? Die Ehrenamtliche lacht kurz auf. „Ja, mal zwei Wochen.“

Dennoch hat Corona vieles verändert. Im negativen Sinn. Ariane Müller-Ressing spricht von einem Arbeitskreis, „der sich langsam verdünnisiert“. Grundsätzlich nehme das Interesse, zu helfen, ab, das Virus habe die Situation aber verschärft. Von ehemals 80 Mitgliedern hätten elf den Kontakt abgebrochen, vier hätten Corona zum Anlass genommen aufzuhören, und weitere vier wollten erst wiederkommen, wenn es einen Impfstoff gebe. Sprich: Ein Viertel der Ehrenamtlichen ist weggebrochen. „Das sind schon viele“, sagt sie. Andere wollten, könnten aber nicht. So habe das Gros der 20 Lernunterstützer beim Online-Homeschooling vor der Technik kapitulieren müssen.

Die Ehrenamtliche hat eine große Sorge

Zu Beginn der Pandemie durften Ehrenamtliche sowieso gar nicht aufs Gelände. Was sonst Freiwillige machen, blieb zwangsläufig an den fünf Sozialarbeitern hängen. Projekte entfielen ersatzlos. „Das war schon heftig, diese Hilflosigkeit“, sagt Ariane Müller-Ressing, die mit Anfang 70 selbst zur Risikogruppe gehört. Bis heute ruht vieles. Die Kleiderkammer ist ebenso zu wie das Containercafé. Auch das nagelneue Repair-Café konnte den Betrieb nicht aufnehmen.

Wann wieder Normalität in der Heumadener Unterkunft einkehren wird, ist unklar. „Ich kann nur hoffen als Ehrenamtliche, dass man nicht dasselbe macht wie nach dem Jugoslawien-Krieg“, sagt Ariane Müller-Ressing, damals sei die Zahl der Flüchtlingsunterkünfte sukzessive abgebaut worden.

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