Fast ein Dutzend junger unbegleiteter Ausländer aus dem Heim in der Strombergstraße haben einen Ausbildungsplatz. Andere stehen vor der Abschiebung. Foto: Archiv/dpa

Seit anderthalb Jahren gibt es in Ludwigsburg ein Wohnheim für 52 unbegleitete minderjährige Ausländer. Dort werden sie intensiv auf ein Leben in Deutschland vorbereitet. Manche haben gute Perspektiven, doch andere stehen vor der Abschiebung.

Ludwigsburg - Sie kommen aus neun Nationen, sieben Pädagogen und fast 30 Ehrenamtliche kümmern sich fast rund um die Uhr um sie, und zumindest manche von ihnen haben wohl Bleibeperspektiven: 52 unbegleitete minderjährige Ausländer, ausschließlich junge Männer, leben seit anderthalb Jahren in einem Jugendwohnheim in der Ludwigsburger Strombergstraße. Sie bilden ein Sechstel der unbegleiteten minderjährigen Ausländer im Kreis. Derzeit sind es nach Auskunft von Landratsamtssprecher Andreas Fritz 290.

Im Durchschnitt sind die jungen Leute in dem Wohnheim, das früher ein Bürogebäude der Telekom war, 19 Jahre alt, also mittlerweile nicht mehr minderjährig. Das heißt, dass das Heim auch bald nicht mehr so engmaschig und personalintensiv betreut wird. Es soll deshalb – und weil nicht mehr so viele minderjährige Flüchtlinge alleine nach Deutschland kommen – in ein normales Wohngebäude für die gleiche Zielgruppe umgebaut werden. Die sozialpädagogische Vor-Ort-Betreuung entfällt dann. Doch auch junge Volljährige haben je nach persönlicher Situation Anspruch auf Hilfe. „Die Anbindung an Beratungsstellen bleibt erhalten“, sagt Andreas Moos, der beim Landratsamt für die Jugendsozialbetreuung zuständig ist. „Die Bewohner werden weiter unterstützt.“

„Es gibt keine Sprachbarrieren mehr“

Bei den Biografien und Persönlichkeiten der jungen Männer geht die Schere weit auseinander. Moos nennt exemplarisch zwei Beispiele: Hier der junge Mann, der nach Hauptschulabschluss und Vorqualifizierungsjahr eine Ausbildungsstelle gefunden hat und demnächst eigenständig wohnt, dort der impulsiv-aggressive Heranwachsende, der in seiner Heimat nur drei Jahre Koranschule genoss und suchtmittelabhängig ist. Das Kreis-Sozialdezernat sieht es als Erfolg, dass schon zehn Schützlinge in eine eigene Wohnung ziehen konnten, elf eine Ausbildung begonnen haben und manche kurz vor der Aufnahme in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis stehen. Andere besuchen noch Vorbereitungsklassen. „Deutsch“, so Moos, „können inzwischen alle. Es gibt keine Sprachbarrieren mehr.“

Jeder hat im Heim seine Pflichten und muss sich hauswirtschaftlich beteiligen, denn neben schulischer und beruflicher Förderung steht die Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben im Fokus. Deshalb gehören auch Sexualität, Rollenverständnis von Mann und Frau, Gewalt- und Drogenprävention auf dem Curriculum der Einrichtung. Kooperationen mit Sportvereinen, etwa der Leichtathletikabteilung des SV Salamander, oder mit Schulen wie dem Otto-Hahn-Gymnasium helfen den jungen Ausländern dabei, in der deutschen Lebenswirklichkeit Fuß zu fassen.

Mancher fragt sich: Wozu das alles?

Doch nicht für alle sind die Prognosen günstig. „Wir haben junge Afghanen, deren Asylantrag abgelehnt wurde. Das ist eine sehr große Herausforderung “, sagt Moos. Sie seien monatelang darauf vorbereitet worden, hier ein eigenständiges Leben anzufangen. „Jetzt fragen sie sich: Wozu das alles?“ Solche Schicksale fechten auch die Betreuer an, weiß er. „Sie können stabilisieren und unterstützen, aber sie müssen den jungen Männern auch verständlich machen, dass sie für asylrechtliche Entscheidungen nicht zuständig sind.“

Neben dem vom Kreis unterhaltenen Jugendwohnheim in der Strombergstraße gibt es eines in Murr (Betreiberin: Caritas) und ein Haus mit Wohnungen in Freiberg (Betreiber: Verein Raupe). In Ludwigsburg entsteht derzeit auf der Karlshöhe ein Wohnheim für unbegleitete minderjährige Ausländer in Kombination mit studentischem Wohnen. Andere leben in stationären Wohngruppen, in betreutem Jugendwohnen oder Gastfamilien im Landkreis.

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