Spracherwerb ist der erste Schritt zur Integration – dieser Satz wird im Nödinger Hof ernst genommen. Foto: Natalie Kanter

Der Nödinger Hof in Leinfelden-Echterdingen wird bis auf Weiteres eine Unterkunft für Asylsuchende bleiben. Dort herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Das hat auch Auswirkungen auf die Arbeit der Flüchtlingshelfergruppe FIS.

Leinfelden-Echterdingen - Schnee liegt auf den Feldern der Filder. Die Luft ist schneidig kalt. Im Nödinger Hof, einst Hotel – mittlerweile Unterkunft für Asylsuchende, ist wohlig eingeheizt. Eine Handvoll Bewohner hat sich versammelt, um Deutsch zu lernen. Ehrenamtliche Kräfte der Stettener Flüchtlingsinitiative FIS helfen ihnen dabei. Nebenbei erzählen Bewohner ihre Fluchtgeschichte. Während die einen noch hoffen, in Deutschland bleiben zu dürfen, kämpfen andere gegen ihre Abschiebung oder blicken trotz Bleiberecht in eine unbekannte Zukunft. „Wir fragen nicht nach den Fluchtgründen, einige aber wollen dennoch erzählen“, sagt Annemarie Renftle, die Sprecherin der FIS. Vielmehr zähle das Ankommen im Moment.

Hale und Özgür – ein junges Ehepaar aus der Türkei – haben Widerspruch gegen die amtliche Post eingelegt, die bescheinigt, dass sie nicht bleiben dürfen. Solange Präsident Recep Tayyip Erdoğan an der Macht ist, wollen die beiden nicht zurück in die Heimat. „Wenn es hier in Deutschland nicht klappt, versuchen wir es in Kanada“, sagt der Krankenpfleger.

Warten auf die richtige Schule

Gemeinsam mit einem anderem türkischen Paar und einem zwölfjährigen Junge aus dem Iran haben Hale und Özgür gerade einen Text korrigiert. Ein Diktat stand ebenfalls auf dem Stundenplan. „Das war schon schwer“, sagt Nikan. Eigentlich sollte der Zwölfjährige, der vor wenigen Wochen in der Flüchtlingsunterkunft angekommen ist, in der Schule Deutsch lernen. Der Junge muss aber noch auf einen Schulplatz warten. „Die Schule ist voll“, sagt Nikan. Deshalb lernt er bei einer der Sprachlehrerinnen der FIS nun Kleidungsstücke zu benennen, die man braucht um sich vor der Winterkälte zu schützen, „Mütze, Schal, Pulli, Weste“, zählt er auf.

Auf dem Flur steht derweil Bashir. Der junge Mann verliert seit neun Jahren immer mehr von seinem Augenlicht. Er kann die Buchstaben einer Tageszeitung mittlerweile nur noch mit einem Lesegerät entziffern. Für ihn und seine Frau Fayse steht am nächsten Tag dennoch ein großer Schritt an. Das Paar wird– obwohl es seit drei Jahren verheiratet ist – zum ersten Mal in eine eigene Wohnung ziehen. Diese liegt viele Kilometer vom Nödinger Hof entfernt. Will heißen die beiden müssen erneut neu anfangen. Nun wird sich zeigen, wie stark die Freundschaften sind, die sie in Stetten geknüpft haben. Bashir ist noch skeptisch, seine Frau freut sich auf den Neuanfang.

In der Flüchtlingsunterkunft Nödinger Hof leben mittlerweile etwa 100 Menschen. Viele kommen aus der Türkei und Afrika, aber auch weiterhin aus dem Iran, dem Irak und Syrien. „Die ganze Weltpolitik spielt hier rein“, sagt Renftle. Insbesondere Familien leben in dem ehemaligen Hotel. Die Helferin zählt sechs Schulkinder, vier Kindergartenkinder und 15 Kleinkinder auf.

Ständiges Kommen und Gehen

Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Die Helfer von der FIS haben schon viele menschliche Schicksale miterlebt. Will heißen: Das Helfen fängt immer wieder von vorne an. Ausgabe von Kleidern und Fahrrädern, Alphabetisierung, Sprachkurse, Ausflüge für Kinder, Vermittlung von Praktika in Firmen und Information über Sportangebote in Vereinen. „Das wird auch in Zukunft unsere Arbeit prägen“, sagt Annemarie Renftle. Das ehemalige Hotel wird vorerst eine Unterkunft für Asylsuchende bleiben. Das hat der Landkreis vor wenigen Wochen bekannt gegeben. Auf diese Tatsache müssen die Helfer ihre Arbeit abstimmen. Dazu gehört auch, sich von dem Ehrenamt nicht auffressen zu lassen. „Man muss schon schauen, dass alle vier Räder dranbleiben“, sagt Mariann Mohrenweiser, die mit Renftle im Leitungsteam der FIS sitzt.

Annemarie Renftle (l.) und Mariann Mohrenweiser

Das Team kümmert sich darum, dass es den Ehrenamtlichen gut geht. Renftle rät, sich nicht Hals über Kopf in die Arbeit zu stürzen, klare Regeln aufzustellen, sich Grenzen zu setzen. „Immer wieder für eine begrenzte Zeit zu helfen, ist besser als ein Strohfeuer“, sagt sie.

Aufregung im Flecken

Die Gruppe, der bis zu 60 Helfer angehören, hat sich vor knapp drei Jahren unter dem „Deckmäntelchen der evangelischen Kirche“ gegründet, wie sich Mariann Mohrenweiser ausdrückt. Damals war bekannt geworden, dass sich das Hotel in eine Unterkunft für Asylsuchende wandeln wird. Diese Nachricht hatte im Flecken Aufregung ausgelöst. Der Landkreis hatte den Beherbergungsbetrieb gekauft und umgebaut. „Die Anlieger wurden überrumpelt“, sagt die Ehrenamtliche. Mittlerweile ist der Friede im Dorf zurückgekehrt. „Die besorgten Bürger sehen, dass wir gute Arbeit leisten“, sagt sie. „Wir haben ihnen die Angst genommen.“

Im Dezember 2015 kamen die ersten Flüchtlinge. „Wir hatten ein halbes Jahr Zeit, uns darauf vorzubereiten“, sagt sie. Die Initiative hat sich eine Struktur gegeben, die trägt. Laut Annemarie Renftle musste die Polizei in der ganzen Zeit kaum zum Nödinger Hof fahren. Sie spricht von einem friedlichen Haus. Nur am Anfang gab es immer wieder Feuerwehreinsätze. Die Bewohner hatten in den Zimmern gekocht, Brandmelder schlugen Alarm. Die Kleiderkammer ist fast schon professionell geführt. Die Sachen werden via Bons herausgegeben. „Das alles hat zur Befriedung beigetragen“, sagt Renftle.

Die Initiative sucht Helfer. Telefon: 0711/796836; www.fis-stetten.de

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