Sie flüchten vor Krieg, Diktatur und Armut: Tausende Menschen kommen in diesen Tagen nach Deutschland. Was passiert, nachdem sie in Stuttgart aus dem Zug steigen? Unsere Autorinnen begleiten drei junge Syrer bei ihren ersten Schritten. Ein Langzeitprojekt.

Karlsruhe - In seiner Vorstellung sah Deutschland ganz anders aus. Von einsamen Straßen und menschenleeren Innenstädten hatte er gehört. Darüber muss Abdul heute ein bisschen lachen. „Auf den Straßen begegnet man vielen Menschen“, sagt der junge Syrer. Vor der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Karlsruhe jedenfalls spazieren an diesem sonnigen Herbsttag jede Menge Passanten über den Bürgersteig. Das Bild, das Abdul von Deutschland hatte, ist sieben Tagen nach seiner Ankunft am Stuttgarter Hauptbahnhof ein anderes.

Abdul, sein Bruder Mazen (Name geändert) und sein Cousin Hasssan sitzen unter rauschenden Bäumen auf einer Bierbank im Hof der Kriegsstraße 200 in Karlsruhe – eine von zehn Unterkünften der Landeserstaufnahmestelle (LEA) für Flüchtlinge. Manche Überraschung, die Baden-Württemberg in den letzten Tagen für sie bereit hielt, finden die drei Syrer nicht zum Lachen. „Die Organisation ist hier manchmal chaotisch“, sagt Mazen – und kann es selbst kaum glauben. „Wir sind schließlich in Deutschland!“, sagt der 25-Jährige. Chaos? Hier? In diesem Land? Auch das konnten sich die drei Männer bis vor Kurzem nicht vorstellen.

Anfang September sind Abdul, Mazen und Hassan in Stuttgart aus dem Zug gestiegen. Sie kamen aus Budapest, als Ungarn Flüchtenden den Weg gen Westen vorübergehend freigab. Begonnen hatte ihre Flucht aus Syrien schon vor Monaten. Es war es die Voraussicht, bald in die Armee des syrischen Diktators Baschar al-Assad eingezogen zu werden, die sie aus ihrem Heimatland vertrieb, sagen sie. Der 26-jährige Abdul hat in Aleppo Management studiert, sein 25-jähriger Bruder Mazen schloss vergangenes Jahr sein Pharmazie-Studium ab. Hassan, 24 Jahre alt, studierte Wirtschaft in Damaskus.

Mehrere Stunden warten täglich hunderte Flüchtlinge in der LEA Karlsruhe auf ihre Registrierung

Neben Abdul, Mazen und Hassan sind vergangene Woche rund 3200 weitere Flüchtlinge in Baden-Württemberg angekommen. Für viele von ihnen ist die LEA in Karlsruhe – eine von derzeit drei solcher Stellen im Land – für die ersten Wochen das neue Zuhause. Mehr als 400 geflüchtete Menschen kommen jeden Tag in der LEA in Karlsruhe an, in der vergangenen Woche waren es täglich teilweise bis zu 1000. Das Land ist derzeit so überfordert, dass es am Mittwoch vorübergehend keine Flüchtlinge aus dem überlasteten Bayern mehr aufnahm.

Im Wartesaal der Registrierungsstelle herrscht auch an diesem Tag Trubel. Koffer und Tüten stehen aufgereiht am Rand der Halle, zwischen langen Sitzreihen rennen Kinder umher. An den Wänden hängen große Bildschirme. Noch sind sie schwarz. Bald soll hier angezeigt werden, welcher Schalter gerade frei geworden ist, damit die Registrierung schneller geht – so ähnlich wie im Reisezentrum der deutschen Bahn. Auch, wenn viele die Sprache noch nicht können: Zumindest das Nummern ziehen lernen Flüchtlinge nach wenigen Tagen in Deutschland. Mehrere Stunden warten die Menschen hier zum Teil, um an einem der kleinen Schalter nebenan ihre Fingerabdrücke abzugeben, sich fotografieren zu lassen und im System registriert zu werden.

„Die Registrierung erfolgt in den ersten Tagen nach der Ankunft“, sagt Jens Nottermann vom Regierungspräsidium Karlsruhe. Der Jurist sitzt in einem aufgeräumten Büro im Hauptgebäude der LEA, zwei Stockwerke über dem Wartesaal. Und erklärt geduldig, wie die bürokratische Maschinerie den Weg der Flüchtlinge regelt. Bei der Registrierung, sagt Nottermann, bekommen die Geflüchteten vorläufige Papiere – zum Beispiel einen „Laufzettel“. Auf dem ist genau festgehalten, welche Termine für wen als nächstes anstehen. Etwa der Gesundheitscheck, der ein paar Tage nach der Registrierung folgt.

Lange Wartezeiten beim Asylverfahren, überfüllte Unterkünfte

Diesen Termin haben Abdul, Mazen und Hassan schon hinter sich. Ein entscheidender fehlt aber noch: Der Tag, an dem die drei jungen Männer ihren Asylantrag stellen. Am 16. Dezember ist es soweit, so steht es auf dem Zettel von Abdul – also mehr als drei Monate nach seiner Ankunft in Deutschland. Erst dann beginnt das Verfahren, in dem sein Bleiberecht geprüft wird.

Normalerweise können Asylbewerber den Antrag schon nach vier bis sechs Wochen stellen, sagt Jens Nottermann vom Regierungspräsidium. Längere Wartezeiten kämen nur in Ausnahmefällen vor. Warum dann diese lange Wartezeit bei Abdul und seinen Verwandten? Die Zeiten zwischen Registrierung und Antragsstellung können „aufgrund der hohen Zugangszahlen variieren“, teilt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf Anfrage mit. Abdul macht die Aussicht auf die nächsten Wochen Angst: „Ich habe 100 Tage Warten vor mir“, sagt er.

Nicht nur die Wartezeiten sind wegen der hohen Flüchtlingszahlen lang. Auch die Betten werden knapp. „Mit unseren Unterbringungskapazitäten sind wir am Anschlag“, sagt Verwaltungsexperte Nottermann. Rund 600 Menschen leben in der Unterkunft von Abdul, Hassan und Mazen. Als sie ankamen, schliefen sie in einem Schlafsaal mit etwa 100 Betten, sagen sie. Angst um ihre Handys hätten sie gehabt, weil bei so vielen wildfremden Menschen viel geklaut worden sei.

Sicherheit und Frieden – dafür fliehen viele Menschen nach Deutschland

Arbeit finden, Deutsch lernen, sich eine Zukunft aufbauen? Das große Ganze geriet für die drei Syrer in den ersten Tagen Deutschland schnell aus den Augen. Jetzt geht es darum, erst einmal zurechtzukommen: „Wir konnten in kleinere Zimmer wechseln“, sagt Hassan. Abdul und Mazen schlafen nun mit zwei fünfköpfigen Familien, einem Vater und seinem Sohn zusammen in einem Raum. 12 Zimmernachbarn statt 100 – allein diese Veränderung bedeutet viel für die jungen Männer. „Es geht uns nicht gut“, hatten sie noch vor wenigen Tagen per Handy-Kurznachricht geschrieben. An diesem Nachmittag aber sitzt Hassan grinsend auf der Bierbank, zwinkert und sagt: „Ich liebe Deutschland.“

Immerhin – hier gebe es Sicherheit, sagt auch Mazen. Und Frieden. Dafür sind die drei jungen Männer geflohen. „In Syrien wusste man nie, ob man im nächsten Moment noch lebt.“ Die Geräusche des Krieges seien ständig präsent gewesen, sagt Mazen. Auch auf der Flucht haben sie ihn nicht losgelassen: „Jedes Mal, wenn ich in Istanbul ein Flugzeug hörte, hatte ich Angst“, sagt Mazen. Ein paar Monate hatten die drei auf ihrer Flucht in der türkischen Metropole als Übersetzer in einem Kleiderladen gearbeitet – um neues Geld für die Weiterreise zu bekommen. Eine Zukunft mit Studium hätten sie dort aber nicht gehabt, sagen die Männer.

Hier, am Ende der langen Reise, wollen sie ankommen, sagen sie. Und sich einbringen: „Ich möchte kein Geld vom deutschen Staat bekommen, sondern es mir mit meinen Händen erarbeiten“, sagt Mazen. Dass die nächsten Wochen so ungewiss sind, macht ihn ungeduldig – denn über viele kleine Dinge entscheiden in diesen Tagen nicht sie selbst, sondern der Zufall. Zum Beispiel, wo sie leben sollen. Landen sie in Stuttgart, Strümpfelbach oder Sindelfingen? In einigen Wochen werden Abdul, Mazen und Hassan einer Kommune für die Anschlussunterbringung zugeteilt – welcher, das entscheidet sich allein per Quote.

Bis zum Asylantrag bleibt viel Zeit – zum Beispiel um Deutsch zu lernen

Spätestens dann wollen die Syrer ihren Weg endlich selbst bestimmen, statt ihn weiter dem Zufall zu überlassen. Mazen will einen Pharmazie-Master absolvieren und in einer Apotheke arbeiten. „Oder im Krankenhaus.“ Hassan überlegt schon, woher sie warme Jacken für den Winter bekommen können. Und Abdul will so schnell wie möglich Deutsch lernen. Ein Mini-Programm fürs Deutschlernen hat er sich schon auf sein Handy geladen – und die Sicherheitskräfte in der Unterkunft gebeten, ihm ein paar Wörter aufzuschreiben. Zeit zum Üben wird er reichlich haben. Bis er seinen Asylantrag stellen darf, werden nach derzeitigem Stand noch Monate vergehen.

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