Die Familie Anouz bewohnt ein früheres Patientenzimmer Foto: Peter Petsch

Mit Infografik - Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Stuttgart. Bei der verzweifelten Suche nach Unterkünften sind mittlerweile vielfältige Ideen gefragt. Derzeit leben fast 160 Asylbewerber vorübergehend im Gebäude des früheren Olgahospitals.

Stuttgart - An der Wand hat Felix eine Botschaft hinterlassen. Der Junge bedankt sich beim Personal für die gute Betreuung im Olgahospital. Felix ist nicht mehr dort. Stattdessen kommen Menschen aus gut einem Dutzend verschiedener Länder aus den Zimmern oder gehen hinein. Auf dem Gang riecht es nach exotischem Essen.

Das Kinderkrankenhaus ist Geschichte. Am Eingang an der Hasenbergstraße im Stuttgarter Westen weist ein Schild darauf hin, dass das Olgäle, über lange Zeit eine der besten medizinischen Adressen in Deutschland, Ende Mai in den Neubau am Katharinenhospital umgezogen ist. Mit Ärzten, Pflegekräften und Patienten. Die alten Gebäude sollen Ende des Jahres abgerissen werden und Wohnungen Platz machen. Bis Ende August leben nun Flüchtlinge übergangsweise dort. Eine andere Unterkunft stand nicht rechtzeitig zur Verfügung.

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„Kinderorthopädie“ steht auf einem Zettel an einer Tür. Tritt man ein, erinnern nur noch die vielen technischen Anschlüsse an der Wand an ein Patientenzimmer. In einer Ecke parkt ein kleines grünes Fahrrad mit der Aufschrift „Polizei“. In der anderen Ecke steht ein Kinderbettchen. Dazwischen ein Kühlschrank, dazu zwei Betten und ein kleiner Tisch mit drei Stühlen. Das neue Zuhause der Familie Anouz aus der Nähe von Damaskus.

Flüchtlinge hoffen auf Sicherheit und Frieden

„Ich war in Syrien Tankstellenbesitzer. Bis das Regime uns alles weggenommen hat“, erzählt Familienvater Alaa Anouz. Anfang Juni ist er mit Frau und Sohn nach Deutschland geflohen. Und findet sich jetzt in einer ehemaligen Kinderklinik wieder, zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen aus aller Welt. „Das ist ungewohnt und hart, wir sind noch nie zuvor mit solch einer Situation konfrontiert gewesen“, sagt Anouz. Mehr Privatsphäre würde er sich wünschen – und ist dennoch zufrieden. Denn er hat auch die drückende Enge in der Landeserstaufnahmestelle in Karlsruhe erlebt. Wenn dem Asylantrag stattgegeben wird? „Dann möchte ich in der Logistik- oder Tankstellenbranche arbeiten“, sagt er. „Vor allem aber hoffen wir auf Sicherheit und Frieden.“

Das tun alle 156 Menschen, die derzeit auf drei Stockwerken in den früheren Patientenzimmern leben. „Viele kommen aus Syrien, Eritrea, Nigeria oder Gambia“, weiß Denis Bieler. Er ist einer von vier Sozialarbeitern, die die Flüchtlinge betreuen. Die Arbeitsgemeinschaft Dritte Welt und die Evangelische Gesellschaft teilen sich diese Aufgabe. „Im Großen und Ganzen funktioniert das Zusammenleben“, sagt Bieler. Kleinere Konflikte gebe es immer mal. Und Feueralarme. Weil die Brandmeldeanlage hochempfindlich auf jeglichen Rauch reagiert, rückt immer wieder die Feuerwehr an. Jetzt soll die Technik geändert werden, um unnötige Einsätze zu vermeiden.

Laut Oberbürgermeister Fritz Kuhn wären als Unterkünfte nur noch Turnhallen infrage gekommen, wenn die Stadt das leer stehende Krankenhaus nicht genutzt hätte. „Das war eine pragmatische und vernünftige Idee“, sagt Günter Gerstenberger vom Sozialamt. Derzeit leben 2140 Flüchtlinge in Stuttgart. Praktisch täglich kommen neue hinzu. „Am Jahresende, sagen die Prognosen, sollen es 2800 sein“, so Gerstenberger. Es könnten auch mehr werden.

Systembauten und private Unterkünfte für Flüchtlinge

Deshalb schafft die Stadt derzeit Unterkünfte, wo auch immer sie möglich sind. An sechs Standorten im Stadtgebiet werden sie in Systembauweise errichtet. Die ersten sollen in wenigen Wochen in Plieningen fertig sein. Dorthin wird in den ersten Septembertagen ein großer Teil der Leute aus dem Olgäle umziehen. Zusätzlich „bringen wir Menschen in privaten Unterkünften unter“, sagt Sozialamtsleiter Walter Tattermusch. Gasthöfe, Pensionen oder Wohnungen werden belegt. Auf dem engen Stuttgarter Wohnungsmarkt ist das freilich schwer. Nicht nur für Flüchtlinge, deren Verfahren noch läuft, sondern auch für solche, die bleiben dürfen – und dann in der Massenunterkunft verharren, weil sie keine Wohnung finden.

Proteste wie an manchen anderen Standorten hat es in der Umgebung des früheren Olgahospitals nicht gegeben. Die Nachbarschaft nimmt wenig Notiz von den Flüchtlingen – oder hilft ehrenamtlich. Zum Beispiel in der Kleiderkammer, die reichlich gefüllt ist. „Die Leute kommen oft nur mit einer Tüte in der Hand hier an“, sagt Gerstenberger – und erzählt von einem Eritreer, der an diesem Tag vor der Tür stand. Mit nichts als den Kleidern, die er am Leib trug.

So wie auch ein Mann aus Nigeria, der auf dem Flur seine Geschichte erzählt. Mit Frau und Kind ist er in Stuttgart gestrandet. „Mein Bruder hatte nicht so viel Glück. Er ist auf der Flucht gestorben, als unser Boot vor der italienischen Insel Lampedusa gekentert ist und wir vier Stunden im Wasser trieben“, erzählt der Mann. Die völlig überfüllten Auffanglager in Italien seien der blanke Horror für die Flüchtlinge, berichtet er. Man werde komplett sich selbst überlassen: „Die Leute sind gezwungen zu betteln und bekommen gesagt, sie sollen ihre Frauen auf den Strich schicken.“ Das braucht er in Stuttgart nicht zu befürchten.

Felix’ Botschaft an der Wand ist nicht mehr allein. „Syria forever“, hat einer ein paar Meter daneben hingekritzelt. Für immer Syrien. Vielleicht hinterlässt der ein oder andere Flüchtling beim Auszug auch ein paar lobende Worte über das ehemalige Olgahospital. So wie einstmals Felix.

Zahl der Flüchtlinge steigt

Hintergrund

Nach Deutschland strömen so viele Flüchtlinge wie seit den 90er-Jahren nicht mehr. Diejenigen, die in Baden-Württemberg ihren Asylantrag stellen, werden von der zentralen Aufnahmestelle in Karlsruhe aus nach einem festgelegten Schlüssel auf die Landkreise und Städte verteilt. Auf Stuttgart entfallen gut fünf Prozent. Im vergangenen Jahr sind das 761 Neuankömmlinge gewesen – Tendenz weiter steigend.

Dementsprechend leben derzeit in der Landeshauptstadt so viele Flüchtlinge wie seit Jahren nicht mehr. Noch Ende 2010 sind es lediglich 641 gewesen, zum Jahresende 2014 wird mit mindestens 2800 Menschen gerechnet. Angesichts der vielen gewalttätigen Konflikte weltweit könnte diese Zahl eher noch steigen.

Alle Stadt- und Landkreise stoßen bei der Suche nach neuen Unterkünften längst an Grenzen. Speziell in der Region Stuttgart, in der Wohnraum knapp und teuer ist, lassen sich kaum noch neue Standorte finden. Die über 60 bisherigen Standorte in Stuttgart reichen bei weitem nicht mehr aus.

Deshalb hat die Stadt beschlossen, 21 Millionen Euro in sogenannte Systembauten an sechs verschiedenen Standorten im Stadt-gebiet zu investieren. Die Größe wird von 78 bis 243 Plätze reichen. Als erste Unterkunft wird die Im Wolfer in Plieningen demnächst fertig. Von September an folgt die Zazenhäuser Straße in Zuffenhausen. Noch in diesem Jahr stehen der Bad Cannstatter Neckarpark und der Lautlinger Weg in Möhringen an. 2015 sind die Wagrainstraße in Mühlhausen und der Standort Schelmenäcker-Süd in Feuerbach geplant. (jbo)