Der gefährliche Weg bis in die Region Stuttgart führt viele Flüchtlinge über das Mittelmeer und durch halb Europa. Oft werden sie dabei von kriminellen Schleusern ausgenommen Foto:  

Immer mehr Flüchtlinge drängen nach Deutschland – auch auf illegalen Wegen aus anderen EU-Ländern und ohne Papiere. Baden-Württemberg und die Region Stuttgart stehen in der Liste der Ziele weit oben. Die Schleuserbanden lernen dabei ständig dazu.

Stuttgart - Es ist eine bunte Truppe, die sich da übers vergangene Wochenende am Stuttgarter Hauptbahnhof eingefunden hat: Erwachsene und Kinder. Aus Eritrea, Syrien, Pakistan, Guinea, Ägypten, Marokko, Albanien und Afghanistan stammen die 25 Leute, die sich bei der Polizei oder der Bahnhofsmission gemeldet haben. Flüchtlinge aus Zügen, in denen sie ohne gültige Aufenthaltspapiere für Deutschland gar nicht hätten sitzen dürfen. Und in die sie mutmaßlich nicht ohne fremde Hilfe gestiegen sind.

Auf legalen Wegen nach Deutschland zu kommen ist schwierig – das wird von kriminellen Schleusern gnadenlos ausgenutzt. Nicht nur an den Ufern des Mittelmeeres. Aus anderen EU-Ländern und ohne Papiere bringen sie Tausende Menschen über die Grenzen. Bei den Methoden sind sie nicht zimperlich. „Rücksichtslos, organisiert, strukturiert, oft unter menschenverachtenden Bedingungen“ – so fasst es Cora Thiele zusammen. Die Sprecherin der Bundespolizeidirektion Stuttgart, die für ganz Baden-Württemberg zuständig ist, betont, dass es den Behörden nicht in erster Linie darum gehe, bettelarme Flüchtlinge zu verfolgen: „Der Schwerpunkt liegt auf Ermittlungen gegen die Schleuserorganisationen.“

"Schleuser reisen nicht mehr bis Deutschland"

Dabei gibt es reichlich zu tun. Vor zwei Jahren hat die Bundespolizei die Kontrollen verstärkt. Seither gehen reichlich Kriminelle ins Netz, vor allem an den Grenzen des Landes. Im ersten Halbjahr 2014 sind es 67 gewesen, ein riesiger Anstieg. Doch jetzt zeichnet sich eine Trendwende ab. Zwar steigen die Zahlen der Eingeschleusten weiter, doch die Geschäftemacher lassen sich seltener erwischen. 44 sind es in den ersten sechs Monaten dieses Jahres gewesen. „Der Grund für den Rückgang ist, dass Schleuser oft nicht mehr bis Deutschland mitreisen“, weiß Cora Thiele. Sie kassieren vorher und schicken die Flüchtlinge alleine ins Ungewisse.

An die Hintermänner heranzukommen ist ohnehin schwierig. „Die Drahtzieher sitzen überwiegend im Ausland und lassen die Drecksarbeit vor Ort durch Handlanger erledigen“, sagt Helmut Mutter von der Bundespolizeiinspektion Weil am Rhein. Dort im Dreiländereck zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz sind die Zahlen besonders nach oben geschnellt. Über 1000 illegal eingereiste Flüchtlinge wurden dort in den ersten sechs Monaten gezählt. In Offenburg waren es 900, in Stuttgart mehr als 800. Manche melden sich von alleine, andere sind eigentlich nach Schweden oder in die Niederlande unterwegs und deshalb wenig begeistert davon, bei Kontrollen in Zügen oder Autos gefunden zu werden.

Flüchtlingszahlen steigen weiter

Wer erwischt wird, den überprüft die Polizei, erfasst ihn im System und leitet ihn an eine der Landeserstaufnahmestellen weiter. Bisher reicht das Personal der Bundespolizei im Land dafür noch aus. In Bayern waren zuletzt Diskussionen darüber aufgekommen, dass die Beamten mit dieser Aufgabe angesichts der Zahl der Asylbewerber inzwischen überfordert sind. „In Baden-Württemberg besteht dieses Problem noch nicht, weil das Flüchtlingsaufkommen nicht so hoch ist wie in Bayern“, sagt Cora Thiele.

Gleichwohl schießen die Zahlen weiter in die Höhe. 4500 illegal eingereiste Asylsuchende hat die Bundespolizei im Land im ersten Halbjahr registriert. In den ersten sechs Monaten 2014 sind es 3300 gewesen, ein Jahr zuvor lediglich 1000. Im gesamten vergangenen Jahr waren es in Baden-Württemberg 8900 Menschen. Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen, so dass Experten mittlerweile davon ausgehen, dass mindestens die Hälfte der Flüchtlinge bereits in einem anderen EU-Land einen Antrag auf Asyl gestellt haben und eigentlich dort bleiben müssten. Für die Schleuser opfern sie in der Regel ihre gesamte Habe oder verpflichten sich zu Arbeitsdiensten.

Die bunte Gruppe am Stuttgarter Hauptbahnhof dürfte deshalb nicht die letzte gewesen sein. Nur auf eines werden die Beamten in Zukunft wohl seltener stoßen: die kriminelle Begleitung, die die Hand aufhält, um die Ärmsten der Armen auszunehmen.

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