Es soll nur eine Notlösung sein: Am Sonntagnachmittag haben 92 Flüchtlinge die Zeltunterkünfte in Neuenstadt am Kocher bezogen. Glücklich ist mit dieser Lösung niemand, weder die Flüchtlinge noch die Behörden. Doch es gibt keine Wahl.

Ellwangen/Heilbronn - Ahmad Hame schaut sich etwas irritiert in dem dunklen Zelt um. Es ist warm und stickig. Draußen sind es fast 30 Grad. Unerbittlich knallt die Sonne auf die weißen Plastikplanen. Hame wirft seinen kleinen, schwarzen Rucksack auf eines der Metallbetten. „Tagsüber werden wir gegrillt, in der Nacht werden wir frieren“, sagt der 27-Jährige trocken. Er nimmt die Situation gelassen. Und das, obwohl er erst vor wenigen Minuten erfahren hat, dass sein Zuhause für die kommenden Tage ein Zeltlager ist.

Hier, auf dem Gelände der ehemaligen Autobahnmeisterei in Neuenstadt am Kocher, wird Hame sich das Zelt mit fünf weiteren Männern teilen. Es ist eines von insgesamt 35 provisorischen Unterkünften, die ehrenamtliche Helfer in der vergangenen Woche aufgebaut haben. Sechs Doppelbetten aus Metall stehen in jedem der engen Zelte, auf den unteren Matratzen liegen eine Bettdecke, ein Handtuch, Zahnpasta und Toilettenpapier – ein ungewöhnlicher Willkommensgruß.

„Es ist besser als nichts. Besser als manch anderer Schlafplatz, den wir seit unserer Flucht aus Syrien hatten“, sagt Hame gelassen. Vor ein paar Wochen ist er aus Damaskus geflohen. Dort hatte er als Arzt in einem Krankenhaus gearbeitet – bis sich die Situation für Regimekritiker wie ihn zuspitzte. „Man konnte sich nicht mehr sicher fühlen. Ich musste Angst haben, jeden Moment verhaftet zu werden“, sagt Hame. Mit dem Flugzeug setzte sich der Arzt in die Türkei ab. Von dort aus gelangte er zu Fuß nach Deutschland – und landete in der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) Ellwangen.

Statt der vorgesehenen 1000 Flüchtlinge sind es 1650

Lange bleiben konnte er dort aber nicht: Die Unterkunft in Ellwangen ist völlig überfüllt. „Statt der vorgesehenen 1000 Flüchtlinge leben hier momentan rund 1650“, sagt Berthold Weiß, Leiter der LEA Ellwangen. Zur Mittagszeit sitzen auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne Dutzende Geflüchtete vor einem Verwaltungsgebäude. Im seinem Schatten unterhalten sich junge Männer auf dunkelblauen Plastikbänken, einige Kinder spielen auf dem großen Platz Fangen. Drei Neuankömmlinge sind gerade eingetroffen – sie schauen noch etwas verunsichert.

„Seit Mai ist die Unterkunft ausgelastet. Insbesondere in den letzten Wochen ist der Zustrom an Geflüchteten nicht abgerissen“, sagt Weiß. Auch die anderen Erstaufnahmestellen im Land seien überfüllt. „Die Zeltunterkünfte in Neuenstadt am Kocher sind eine Notlösung.“ In Ellwangen habe man die Möglichkeiten der Unterbringung ausgeschöpft: Neben einem Aufenthaltsraum für die Bediensteten wurde sogar der Raum für die Kinderbetreuung der Asylsuchenden in einen Schlafraum umgewandelt. 140 neue Betten – aber auch die waren nicht genug.

92 Männer mussten deshalb an diesem Sonntagnachmittag umziehen. Sie kommen aus Syrien, Pakistan, Indien und dem Westbalkan. In zwei großen Reisebussen haben sie die 106 Kilometer von Ellwangen nach Neuenstadt zurückgelegt. Ein bisschen ratlos schauen viele, als sie aus dem Bus steigen. Die meisten haben nicht damit gerechnet, dass sie die nächsten Tage in einem Zelt verbringen werden. Mit ihren prall gefüllten Plastiktüten, kleinen Rucksäcken und abgewetzten Rollkoffern verteilen sie sich auf die Zelte. In nur wenigen Minuten ist der triste Betonplatz wie leer gefegt.

"Versuchen, so schnell wie möglich feste Unterkünfte zu finden"

„Wir wissen schon, dass das Ganze nicht optimal ist“, sagt Sabine Beck vom Regierungspräsidium Stuttgart. Familien sollen deshalb nicht nach Neuenstadt ziehen. „Wir versuchen, so schnell wie möglich feste Unterkünfte zu finden.“ Einige Gebäude habe man bereits im Auge: An diesem Montag will das Land die LEA in einer Kaserne in Sigmaringen in Betrieb nehmen. Dort sollen bis zu 1000 Menschen unterkommen können. Zudem will das Regierungspräsidium Stuttgart über die Pläne zur Umwandlung der Polizeiakademie in Wertheim (Main-Tauber-Kreis) informieren.

„Die Zuströme an Flüchtlingen sind zurzeit so hoch, dass uns nichts anderes übrig bleibt, wenn wir Obdachlosigkeit vermeiden wollen“, so Beck. Die Asylsuchenden werden, „wenn möglich“, maximal eine Woche in Neuenstadt verbringen – aber auch darüber hinaus werden die Zelte sozusagen als Rückabsicherung auf dem umzäunten Gelände an der Autobahn A81 stehen bleiben. Bis zum Wintereinbruch sollen sie dann spätestens ganz ausgedient haben.

In einer der Hallen der alten Autobahnmeisterei bereiten einige Helfer schon das Abendessen vor. Frische Brötchen stapeln sich in braunen und roten Plastikboxen, auf dem Tresen stehen Wasserkocher und Kaffeekannen. Draußen haben sich ein paar der Flüchtlinge in den Schatten der umstehenden Gebäude gesetzt. Die Gemeinschaftsräume in einer ausgedienten Garage sind erst im Aufbau. Langeweile.

„Hier gibt es nicht einmal Strom, um unsere Handys aufzuladen“, sagt Youssef Alshalal. „Meine Familie weiß seit Tagen nicht, wo ich bin.“ Für ein paar Tage findet der 21-jährige Syrer die Unterkunft „völlig okay“ – eine Woche oder länger hält er für schwierig: „Kein Internet, keine Privatsphäre.“ Dabei würde Alshalal gerne richtig in Deutschland ankommen, Deutsch lernen und sein Architekturstudium fortsetzen.

Bis das soweit ist, müssen Alshalal, Hame und die anderen Männer sich wohl noch gedulden. Vielleicht kommen sie schon in ein paar Tagen zurück nach Ellwangen, wenn sich dort die Situation etwas entspannt hat.

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