Sieht in Zuwanderung eine Chance: Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Den Arbeitsdirektor von Daimler bringt nichts mehr so schnell aus der Ruhe: „Als Personalvorstand hat man alles schon mal erlebt.“ Wilfried Porth über den Abgasskandal bei VW, seine Probleme mit der Frauenquote und das Potenzial von Flüchtlingen.

Herr Porth, Daimler will Flüchtlinge als Praktikanten beschäftigen. Prompt kommt von Ökonomen wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn die Kritik, dass Daimler eben Bandmitarbeiter braucht und die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzt. Was sagen Sie dazu?
Das ist Unsinn. Wir sehen in der Zuwanderung eine Chance: Für die gesamte Gesellschaft, für die Wirtschaft und für die Flüchtlinge. Die Menschen haben ihr soziales Umfeld verloren, ihr ganzes Leben umgekrempelt und sich auf den gefährlichen Fluchtweg nach Deutschland begeben. Diese Menschen sind hochmotiviert, aus ihrem Leben etwas zu machen. Gleichzeitig wissen wir, dass wir in den nächsten Jahren einen Mangel an Facharbeitern haben werden. Und da geht es nicht nur um Daimler, sondern um die ganze Industrie. Der Wohlstand in Deutschland beruht zum Großteil auf der industriellen Produktion. Um diese Arbeitsplätze zu halten, brauchen wir natürlich langfristig auch Facharbeiter.
Allerdings haben 22 Prozent der Bürgerkriegsflüchtlinge keinen Schulabschluss. Sehen Sie die Gefahr, dass das Potenzial von Flüchtlingen derzeit romantisiert wird?
Diese Zahl schwankt immer je nachdem, wer sie gerade mit welchen Interessen erhebt. Fakt ist, dass Menschen lernen können. Und wir haben sowohl in den Schulen als auch in der Industrie die Möglichkeit, Flüchtlinge auf unsere Wirtschaft vorzubereiten. Es gibt Förderklassen, in denen Flüchtlinge ihren Schulabschluss nachholen können, und es gibt später unterschiedliche Unterstützungsmöglichkeiten.
Und wer zahlt das?
Wir sind bereit, unseren Beitrag zu leisten. Bei uns starten in wenigen Tagen die ersten Flüchtlinge ein Brückenpraktikum. In den ersten sechs Wochen übernimmt die Bundesagentur für Arbeit die Personalkosten und danach wir. Außerdem zahlt Daimler über den ganzen Zeitraum von 14 Wochen die Kosten für den Deutschunterricht. Der findet jeden Tag bei uns im Betrieb statt und dauert dreieinhalb Stunden.
Wie viel Flüchtlinge werden davon profitieren?
Wir starten am 9. November mit 40 Praktikanten in Untertürkeim. Wenn sich unser Konzept bewährt, weiten wir es auf andere Standorte aus. Insgesamt sollen durch die Praktika mehrere hundert Flüchtlinge für einen Arbeitsplatz in der deutschen Industrie qualifiziert werden. Erfolgreiche Teilnehmer werden nach dem Brückenpraktikum an Unternehmen, in die Zeitarbeit oder in eine Berufsausbildung vermittelt.
Kanzlerin Angela Merkel wird derzeit heftig für ihre Flüchtlingspolitik und ihren Satz „Wir schaffen das“ kritisiert. Zu Recht?
Wer glaubt, dass wir unsere Grenzen dichtmachen können, hat wenig verstanden. Die Menschen werden dann andere, noch ­gefährlichere Wege finden. Wir haben hier als Deutsche eine Verantwortung. Und wir können das stemmen. Da bin ich mit Kanzlerin Angela Merkel einig. Die Unternehmen haben Möglichkeiten, die Gesellschaft hat Möglichkeiten. Die Bürger zeigen ein ­enormes ehrenamtliches Engagement. Das alles gibt mir das Gefühl, dass wir das schaffen können. Trotzdem muss es unser langfristiges Ziel sein, dass Menschen eben nicht aus ihrer Heimat fliehen. Diese Aufgabe bleibt.
Dem Fachkräftemangel soll auch begegnet werden, indem man noch mehr auf das Potenzial von Frauen setzt. Im nächsten Jahr gilt die Frauenquote in Aufsichtsräten. Hat es Sie überrascht, dass ausgerechnet Ihr Betriebsrat gegen die Quote revoltiert hat?
Wir haben im Aufsichtsrat auf der Arbeitgeberseite die Quote von 30 Prozent bereits erfüllt. Auf der Arbeitnehmerseite sind es 20 Prozent. In der Belegschaft haben wir einen Frauenanteil von 17 Prozent. Gemessen an der Belegschaft ist die Quote von 30 Prozent also gar nicht repräsentativ. Diese Gleichmacherei ist es, die uns alle an der Quote stört. Denn es ist natürlich ein Unterschied, ob man 30 Prozent Frauenanteil im Aufsichtsrat eines Modeunternehmens oder bei einem Automobilhersteller darstellen soll. Wir haben mit unserer Selbstverpflichtung, die besagt, dass wir bis 2020 einen Frauenanteil von 20 Prozent in den Führungspositionen haben wollen, in den vergangenen Jahren Hunderte Frauen in Verantwortung gebracht.
Bei einem Frauenanteil in der Belegschaft von 17 Prozent. Ist das eine Benachteiligung von Männern?
Auf keinen Fall: Wenn der Frauenanteil in Führungspositionen 20 oder 30 Prozent beträgt, heißt es ja immer noch, dass die übrigen 70 beziehungsweise 80 Prozent Männer sind. Es ist aber schon eine riesige Aufgabe. Für uns bedeutet unser selbstgestecktes Ziel, dass 30 bis 35 Prozent aller Beförderungen jedes Jahr Frauen betreffen müssen. Gleichzeitig beträgt der Anteil der Absolventen bei technischen Berufen nur zwischen 15 und 20 Prozent.
Dann muss viel schieflaufen, damit eine Frau, die sich einigermaßen gut anstellt, bei Daimler keine Karriere macht. Da bei Männern kein Mangel herrscht, muss man bei ihnen nicht so intensiv hinschauen.
Zu diesem Schluss könnte man kommen, er ist aber falsch. Die Potenzialquote bei Frauen und Männern bei gleichem Maßstab ist gleich. Frauen sind sogar noch einen Tick besser. Es ist also nicht so, dass wir bei den Qualifikationen Abstriche machen würden.
Warum musste es dann soweit kommen, dass eine Frauenquote überhaupt ins Gesetz geschrieben worden ist?
Diese Frage sollte der Gesetzgeber beantworten. Wir sind der Überzeugung, dass unsere Selbstverpflichtung von 20 Prozent Frauen in Führungspositionen über alle Hierarchieebenen hinweg, mehr bewegt als eine Quote, die sich lediglich auf den Aufsichtsrat weniger, großer Unternehmen bezieht.
Warum sollte eine freiwillige Selbstverpflichtung etwas bringen?
Die Selbstverpflichtung reagiert auf die individuellen Voraussetzungen bei unterschiedlichen Unternehmen und ist kein zahnloser Tiger: Bei uns ist die Steigerung der Frauenquote vom Vorstand gewollt und in den Zielvereinbarungen der Führungskräfte verankert. Die Vergütung der Manager hängt also von der Förderung von Frauen ab. Darüber hinaus bieten wir beispielsweise deutschlandweit 600 Kindergartenplätze an, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. Wir haben derzeit 3400 Beschäftigte in Elternzeit, davon sind 73 Prozent Männer.
Die allerdings meistens nur zwei Monate aussetzen.
Klar ist die Elternzeit bei Männern kürzer, aber sie machen es. Das war zu meiner Zeit noch undenkbar. Meine Frau und ich waren beide berufstätig. Wir hatten eine Tagesmutter, die sich liebevoll um unseren Sohn gekümmert hat, und er hat keinen Schaden davon getragen.
Und haben Sie je überlegt, ob Sie genügend Zeit mit Ihren Kindern verbringen?
Ich glaube, dass ich ausreichend Zeit mit meinen Kindern verbringe. Ehrlich gesagt finden es meine Kinder manchmal auch klasse, wenn sie nichts mit ihrem Vater machen sollen. Ich fand als Kind ja auch nicht jeden Familien-Sonntagsausflug in den Schwarzwald spannend.
Inwiefern liegt die geringe Zahl an Chefinnen an den Frauen selbst? Wollten Sie schon mal eine Frau befördern – und die wollte gar nicht?
Als Personalvorstand hat man alles schon mal erlebt. Und ja: Es gibt Frauen, die lehnen eine Beförderung ab. Frauen sind tendenziell eher defensiv. Sie sehen in der nächsten Aufgabe eher eine Herausforderung. Wer das in einem Bewerbungsgespräch offen ­reflektiert, bietet dem Chef eine tolle ­Entschuldigung, sich für den männlichen Mitbewerber zu entscheiden. Also müssen Frauen eher ermutig werden. Und man darf es nicht als Ausschlusskriterium sehen, wenn jemand Respekt vor einer Aufgabe hat.
Wie sehr schmerzt es, dass Ihnen mit Christine Hohmann-Dennhardt auch noch die einzige Frau aus dem Vorstand abhandenkommt?
Ich habe mit der Kollegin sehr gern und intensiv zusammengearbeitet, weil unsere Verantwortungsfelder sehr nah beinander liegen.
Lässt Daimler sie so einfach zu VW gehen, weil man sie in Stuttgart nicht mehr braucht, oder weil durch den Abgasskandal tatsächlich die ganze Branche in Gefahr ist?
Ich bedauere es sehr, dass sie geht. Aber wenn man in Deutschland nach jemandem sucht, der genau das kann, ist es nicht besonders schwer, auf die Kollegin zu kommen. Und natürlich haben wir bei Daimler auch ein Interesse daran, dass dieses Thema aufgearbeitet wird. Beim Thema Integrität haben wir bei Daimler jetzt zwar eine gute Basis, aber Integrität hört ja nicht auf.
Wie groß ist die Gefahr, dass der VW-Skandal auf die Branche ausstrahlt?
Unser Vertrieb sagt, dass wir keine Auswirkungen haben. Wir müssen jetzt vor allem schnell zu einer differenzierten Diskussion zurückkommen. Auf der einen Seite gibt es die Verfehlungen, die natürlich inakzeptabel sind. Das andere ist aber, dass wir in der Automobilindustrie seit Jahren an Grenzwerten arbeiten, die technologisch sehr schwer zu erreichen sind und die natürlich auch Kosten verursachen. Diese Kosten werden steigen, wenn wir noch strengere Grenzwerte und andere Testzyklen entwickeln. Gleichzeitig sind die Kunden aber noch nicht bereit, Elektrofahrzeuge in größerer Zahl zu kaufen.
Glauben Sie, dass sich das jetzt ändert?
Ich glaube, man muss jetzt vor allem aufpassen, dass man keine Schnellschüsse macht. Es kann nicht sein, dass man jetzt eine ganze Technologie verteufelt. Bei uns wurde nicht und wird nicht manipuliert. Und nur weil das Thema Elektromobilität jetzt verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert wird, sind die Kunden doch nicht plötzlich bereit, die höheren Kosten dafür zu tragen. Wenn die Kunden bereit sind, werden wir auch die Produkte haben.
Bei einem weiteren Thema wird es in den nächsten Monaten um Geld gehen: Bei den Tarifverhandlungen. Wo liegt da Ihre Schmerzgrenze?
Wir haben in den vergangenen Jahren ­Abschlüsse gemacht, von denen Mitarbeiter anderer Branchen nur träumen können. Wir liegen weit über der Inflationsrate und ­verzeichnen Reallohnzuwächse. Der Flächentarifvertrag trägt diesen Namen, weil er für die Fläche gilt. Aber nicht jedes Unternehmen steht so gut da wie Daimler. Bei den kleinen und mittleren Unternehmen ist die Schmerzgrenze bereits überschritten. Es ­besteht die Gefahr, dass diese Betriebe weitere Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.
Das heißt: Ein Plus von 3,4 Prozent wird es beim nächsten Abschluss nicht mehr geben?
Davon träumt nicht mal die IG Metall.
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