Eva Lemaire inszeniert an der Esslinger Landesbühne „Heimatlos auf hoher See“ von Susanne Beck und Thomas Eifler – nach einer wahren historischen Begebenheit: der Irrfahrt der St. Louis mit mehr als 900 jüdischen Flüchtlingen aus Nazideutschland an Bord.
Lautes Klirren. Ein Schreck zuckt durchs Publikum im Esslinger Schauspielhaus. Zu Recht! Der Klang von zersplitterndem Glas ist in Eva Lemaires Inszenierung Echo der Reichspogromnacht des 9. November 1938. Zu Bruch geht, menschheitsgeschichtlich, die Menschlichkeit. Die Plünderung, Zerstörung und Brandstiftung in den Synagogen war das letzte Pogrom im nationalsozialistischen Deutschland. Es folgte der industrialisierte Massenmord.
Aktualität wächst dem Stoff von selbst zu
Es war für die deutschen Juden das letzte Signal, bevor sie die umfassende Vernichtungsmaschinerie nicht mehr entkommen ließ. Wer es sich leisten konnte, dachte an Flucht. So stachen 937 jüdische Menschen mit dem Hapag-Schiff „St. Louis“ am 13. Mai 1939 von Hamburg Richtung Kuba in See. Trotz gültiger Einreisepapiere verweigerte die Karibikinsel aber die Aufnahme. Auch US-Präsident Roosevelt gewährte kein Asyl, ebenso wenig der kanadische Ministerpräsident King. Lateinamerikanische Länder wehrten ab. Allerorten migrationsfeindliche Stimmung, Roosevelt befand sich im Wahlkampf. Klingt wie Europawahl. Aktualität wächst dem Stoff von selbst zu.
Daniel Kehlmann hat die wahre historische Begebenheit in seinem Drama „Die Reise der Verlorenen“ zu einer rasant geschnittenen Szenenfolge verdichtet. Susanne Beck und Thomas Eifler gehen in „Heimatlos auf hoher See“, ursprünglich eine Fernsehdokumentation, einen anderen Weg. Die Fassung des Esslinger Dramaturgen Alexander Schreuder, die an der Landesbühne uraufgeführt wurde, greift in Eva Lemaires Regie auf, was das reale Geschehen dem Theater des Absurden zuspielt: zum einen die Hermetik, in der die Flüchtlinge gefangen sind wie Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ in der Hölle. Zum anderen die endlose Wiederholung. Die Hermetik ist eine doppelte: erst das Eingeschlossen-Sein im Nazi-Todessystem, dann im Schiff, das nirgends landen darf. Und dessen Geschichte sich unendlich wiederholt, damals wie heute. Verlogen klingen da die späten Entschuldigungsworte des kanadischen Ministerpräsidentin Justin Trudeau von 2018, die mit „never again“ enden. Realität ist: ever again. Zum Drama der Stunde macht das Stück zudem der Antisemitismus, der seit dem Terrorüberfall der Hamas auf Israel und dem von ihr erzwungenen Krieg überall seine Fratze zeigt, an Unis, in der Kultur, in einschlägig politisierten Milieus.
Tätige Humanität
Lemaire inszeniert das Geschehen zwischen Opfergedenken und Heldenepos, denn wundersamerweise hat die Absurdität des Grauens einen Helden – Kapitän Gustav Schröder, halb Odysseus, halb Sisyphos, da klug und bedachtsam auf seinen Irrfahrten an ein dann doch stets unerreichbares Ziel. Aber er wächst über die mythischen Vorbilder hinaus durch tätige Humanität auf seinem Seelenverkäufer. Nichts anderes ist die „St. Louis“, wenn auch in speziellem Sinn: Hier werden Seelen verkauft an korrupte Minister, deren ausgestellte Visa nichts wert sind. Hier profitieren die kleinen Schergen durch sexuelle Erpressung. Hier kassiert die Hapag ab mit stolzen Fahrpreisen, die Nazis kassieren mit ihrer „Reichsfluchtsteuer“ und schlachten die Irrfahrt gleich noch propagandistisch aus. Sie zeige, dass die Juden in aller Welt so unerwünscht seien wie in Deutschland, wird Hitler in einer seiner Reden dröhnen.
Eine Rolle, viele Rollenspiele
Kapitän Schröder aber weiß zwischen Menschen und Verbrechern zu unterscheiden. Und er wird wider alle Nazibefehle das Schiff niemals zurücksteuern nach Deutschland, in den sicheren Tod der Passagiere. Auch wenn er in böser Andeutung gewarnt wird, er habe doch einen „lebensunwerten“ Sohn, den er über alles liebt. Ihm erzählt der „Papitän“ quasi in reflektierenden Monologen (Postkarten, die er schicken will) das eigene Epos. Solche Selbsterzählung ist das theatrale Darstellungsmittel für die Einsamkeit als Preis der heldenhaften Humanität. Christian A. Koch als Kapitän, der auch in äußerster Ratlosigkeit stoisch gefasst bleibt, ist deshalb die einzige wirkliche Rolle in Lemaires Regie. Alles weitere ist Rollenspiel des Kollektivs, das wie eine szenische soziale Erinnerungsskulptur (so Lemaire selbst) für Überlebende und Ermordete steht, dessen Mitglieder zugleich Kinder und Erwachsene, alt und jung sind. Und in die gegensätzlichsten Figuren schlüpfen: Eva Dorlaß ist Mutter und deren kleine Tochter, Marcus Michalski ihr Gatte und der sie missbrauchende Nazizöllner. Oliver Moumouris ist der jüdische Rechtsanwalt Loewe und der zynische Hapag-Agent, Elif Veyisoglus gibt Frau Loewe und das surreale Kind Ava. Auch Reyniel Ostermann und Kim Patrick Biele treten als Schiffsoffizier Ostermeyer und Bordnazi Schiendick aus der Gemeinschaft der Geflüchteten heraus. Nicht die Psychologie der Figuren macht hier schauspielerische Qualität aus, sondern die Reibung von dokumentarischer Distanz und traumatherapeutischer Rollenpantomime, die als Bewegungschor wie mit jüdischen Gebetsgesten beginnt. Lemaire entfaltet damit größere Intensität als mit brüllender Drastik. Wenn sich dann in Nora Johanna Gromers Bühnenbild die hermetische Schiffswand zu Rettungsbooten öffnet, scheint denn doch ein Ziel nahe. Tatsächlich konnten die Flüchtlinge in Antwerpen an Land gehen. Wenig später kamen Krieg und Wehrmacht. Nur knapp über die Hälfte der Passagiere hat den Holocaust überlebt.
Die nächsten Vorstellungen: 22. Juni und 20. Juli sowie nach der Sommerpause.