Mit der Tanzgruppe „Happy People“ feiert Marie den ersten Platz bei der Special Olympics Landesmeisterschaft. Foto: privat

Die erste Zeit in Deutschland traute sich Marie kaum aus dem Zimmer. Aber dann fing sie an zu tanzen – und machte dank Aktion Weihnachten eine ganz besondere Erfahrung.

Maries Augen leuchten, sie strahlt, wenn sie vom Tanzen und von ihrer Tanzgruppe „Happy People“ erzählt. „Wenn ich tanze, fühle ich mich frei“, sagt die 31-Jährige. Nichts davon ist selbstverständlich – nicht, dass Marie überhaupt tanzt, nicht, dass sie Freude empfindet, nicht, dass sie sich frei und sicher fühlt. Ja nicht einmal, dass sie ihr Zimmer verlässt und mit Menschen spricht, die sie nicht kennt. Doch das Tanzen bei dem inklusiven Projekt „Zeit zum Tanzen“ hat ihr Leben verändert.

Vor knapp drei Jahren, Anfang 2023, kam Marie, die in Wirklichkeit anders heißt, in Deutschland an. Ihr Heimatland Kamerun verlassen hatte sie aber schon im Jahr 2018. „Kamerun ist kein gutes Land zum Leben“, sagt sie. Wo sie aufgewachsen ist, gab es keinen Laden, sie konnte nicht zur Schule gehen, Mädchen und Frauen seien „nicht frei“ gewesen, es habe Zwangsheiraten gegeben. Zu Fuß führte sie ihr Weg über mehrere afrikanische Länder bis nach Marokko. Dort arbeitete sie als Haushaltshilfe – wobei sie nie sicher sein konnte, dass sie dafür auch bezahlt würde.

Schließlich hielt Marie es nicht mehr aus, „wegen der Frauenrechte“. Frauen aus Kamerun seien in Marokko diskriminiert worden. Es begann der vermutlich gefährlichste Teil ihrer langen Odyssee: über das Mittelmeer nach Spanien. Drei Tage lang sei sie auf dem Wasser gewesen, bis sie schließlich gerettet wurde. Mehr möchte Marie zu diesen Erfahrungen nicht sagen.

Nach drei Monaten in Spanien bestieg sie im Januar 2023 einen Bus nach Deutschland, kam in die Landeserstaufnahmestelle in Ellwangen, im Frühjahr dann in eine Unterkunft nach Stuttgart. Sie beantragte Asyl in einem Land, von dem sie keine Ahnung hatte, dessen Sprache sie nicht verstand und nun mühsam lernt – für eine Analphabetin ein doppelt schwieriges Unterfangen. In Kamerun hatte sie nicht die Möglichkeit, lesen und schreiben zu lernen. Das holt Marie jetzt nach, besucht Sprachkurse und geht in die Bibliothek, um dort mithilfe von Kinderbüchern die Sprache und das Lesen zu üben. „Da gefällt es mir“, sagt sie.

Die Tanzgruppe ist wie eine Familie

In der ersten Zeit nach ihrer Ankunft wäre das für sie ein Ding der Unmöglichkeit gewesen: Zunächst konnte sie nicht einmal ihr Zimmer in der Unterkunft verlassen, war nicht in der Lage, mit anderen zu sprechen. „Ihr ging es nicht gut, sie war deprimiert und durcheinander“, erzählt die Sozialarbeiterin von der Evangelischen Gesellschaft, die Marie unterstützt und ihr hilft, sich dem Leben zu öffnen und Fuß zu fassen. Sie war es auch, die Marie auf die Tanzgruppe „Happy People“ – ein rein ehrenamtlich organisiertes Angebot – aufmerksam machte. Seit rund einem Jahr geht Marie nun regelmäßig dorthin. Das Tanzen gibt ihr Halt und Lebensfreude, die etwa 20 Tänzerinnen und Tänzer aus verschiedenen Ländern sind für sie heute „wie eine Familie“.

Und mit ihr verbindet sie neben dem Tanzen selbst ein ganz besonderes Erlebnis: Im Mai durfte Marie mit ihrer Gruppe zu der Special Olympics Landesmeisterschaft im Tanzsport nach Mannheim fahren – was für sie nur durch eine Spende von Aktion Weihnachten möglich war. Es war das erste Mal seit ihrer Ankunft, dass sie Stuttgart verlassen hat. „Wir haben in einem Hotel übernachtet, wir sind essen gegangen“, erzählt sie – noch immer fast ungläubig, dass ihr so etwas Außergewöhnliches ermöglicht wurde. Doch damit nicht genug: Die „Happy People“ holten Gold. „Wir haben geweint vor Freude“, berichtet Marie.

Schutz vor Abschiebung

„Deutschland hat mir Türen geöffnet. Diese Möglichkeit bekommen nicht alle“, das ist Marie bewusst. Umso dankbarer ist sie. Ihr Traum ist es, sich hier ein Leben aufzubauen. Die ersten Schritte hat sie schon gemacht: Seit Kurzem wohnt sie nicht mehr in der Unterkunft, sondern in einer privaten WG; und zusätzlich zum Sprachkurs übt sie mit ehrenamtlicher Unterstützung Deutsch. Außerdem darf nicht abgeschoben werden. In der Regel würden Asylanträge aus Kamerun nicht akzeptiert, das Land gelte als sicher, erklärt die Sozialarbeiterin. Bei Marie liege der Fall anders, aufgrund ihrer Geschichte bekam sie einen Aufenthaltstitel.

Nun hofft Marie, dass sie mit ihren Deutschkenntnissen gut vorankommt. Ihr Ziel eine Ausbildung, etwa bei der Bahn oder als Helferin in der Altenpflege.

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