Aus Nordkorea nach Stuttgart: Das Ehepaar Kim wohnt seit kurzem am Stadtrand Foto: Leif Piechowski

Die Kims aus Nordkorea müssen aus der Heimat flüchten, obwohl sie regimetreu sind. Die zwei sind einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine Familientragödie, die nun in Stuttgart weitergeht.

Die Kims aus Nordkorea müssen aus der Heimat flüchten, obwohl sie regimetreu sind. Die zwei sind einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine Familientragödie, die nun in Stuttgart weitergeht.

Stuttgart - Moae Kim sitzt in einem kleinen Zimmer und kann das Telefon nicht mehr loslassen. Die Verbindung ist schlecht. Aber die Mutter kann die Stimme ihres 13 Jahre alten Sohnes zwischen den Störgeräuschen heraushören. Ehemann Bujeong sitzt daneben. Es ist kein einfaches Gespräch. Wie erklärt eine Mutter ihrem Kind, dass es von nun an Tausende Kilometer von den Eltern entfernt leben muss? Dieser Moment vor mehr als einem Jahr hat sich tief ins Gedächtnis der Mutter eingebrannt. Sie erinnert sich immer wieder daran. Auch jetzt, wo sie ein neues Leben in Stuttgart hat.

Die Geschichte von Moae Kim und ihrem Ehemann spielt in Nordkorea, in einem verborgenen Arbeitslager in Sibirien und in der russischen Hauptstadt Moskau. Und seit kurzem auch in einer Notunterkunft am Stadtrand von Stuttgart.

Moae Kim öffnet die Tür, den Zugang in eine kleine Parallelwelt. In der Küche schneidet eine Frau in schwarzer Burka Gemüse. Im Eingang riecht es nach frisch aufgehängter Wäsche. Frau Kim verneigt sich lächelnd und weist den Weg in ihr Zimmer. Nur das Nötigste ist in dem kleinen Raum vorhanden: eine dünne Schaumstoffmatratze, ein Tisch, auf dem ein Wasserkocher und zwei Töpfe stehen, und ein Wandschrank mit zwei Koffern obendrauf.

Kim erzählt von den Stationen der Flucht, zu der sie und ihr Ehemann gezwungen waren. Für die Arbeit war das Ehepaar im Jahr 2008 freiwillig von Nordkorea nach Sibirien gegangen, in ein Holzfällerlager. Später stellte sich heraus: Es war der falsche Ort und die falsche Zeit.

Angst vor der Sippenhaft

„Mein Mann hat in der Heimat im Staatsdienst gearbeitet. Er hatte eine gute Stellung, ein Einkommen als Sekretär, von dem man leben konnte“, sagt Moae Kim, die im Schneidersitz auf dem Boden sitzt. Ein Dolmetscher übersetzt. Das Ehepaar will nicht viel Persönliches preisgeben, um die Verwandtschaft in Nordkorea zu schützen. Denn wer aus dem isolierten Staat flieht, dessen Familie wird in der kommunistischen Heimat in Sippenhaft genommen. Sogenannten Landesverrätern drohen Straflager, Folter und Zwangsarbeit.

Die Namen in dieser Geschichte sind daher geändert. Ausgesucht haben sie die Eltern selbst. Moae bedeutet „Mutterliebe“, Bujeong „Barmherzigkeit des Vaters“. Der Sohn heißt Kanghae („Sei stark“).

In Sibirien leitete Bujeong Kim ein Team von 60 Arbeitern. Nahe der südsibirischen Stadt Akaban schlagen Nordkoreaner dort seit Jahrzehnten Holz für ihren Staat. Herr Kim verdiente als Staatsbediensteter mehrere Tausend Won im Monat, ein paar Hundert Euro, sagt Frau Kim. „Wer besser verdienen will, der geht nach Sibirien und arbeitet eine Zeit lang dort.“

Seit Ende der sechziger Jahre betreibt das kommunistische Land in Russland Holzfällerlager, in denen Tausende Nordkoreaner arbeiten. Die Lager sind kleine Staaten im Staat, in denen Hunderte Menschen für höhere Löhne arbeiten. Der Zugang aber ist begrenzt.

Mittlerweile dürfen nur noch regimetreue Bürger in die Arbeitslager. „Wir mussten Monate auf die Erlaubnis warten“, sagt Frau Kim. Als die Erlaubnis zur Ausreise kam, war die kleine Familie überglücklich: drei Jahre gutes Geld verdienen in der Taiga. Danach zurück zu Sohn Kanghae. Die Zeit der Trennung von Eltern und Kind war absehbar. Zu diesem Zeitpunkt.

Die Kims gerieten in ein Dilemma

„Irgendwann aber fehlte im Arbeitslager einer seiner Arbeiter in der Gruppe. Dann ein zweiter. Immer mehr Männer kehrten nicht ins Hauptlager zurück“, sagt Frau Kim. Die Männer, berichtet die Mutter, bestachen die Sicherheitsleute mit Geld. Ihr Ticket in die Freiheit.

Herrn Kim jedoch brachte das in eine ausweglose Situation. In ihr liegt die Tragik seiner Geschichte: „Wer eine solche Schwäche seiner Männer zulässt, die Flucht, der wird zur Rechenschaft gezogen.“ Das folgt der Logik des kommunistischen Systems: Eine Führungskraft wie Bujeong, der seine Arbeiter nicht von der Flucht abhielt, gilt als Verräter. Zurück in Nordkorea, hätte ihm und der Familie mindestens Gefangenschaft gedroht – obwohl er selbst nie fliehen wollte. Wie unerbittlich das Regime mit Verrätern umgeht, zeigte sich wieder vor wenigen Wochen, als der 30-jährige Diktator Kim Jong-un seinen angeheirateten Onkel wegen Hochverrats hinrichten ließ. Das Ehepaar Kim zog Konsequenzen, bevor Schlimmeres passierte: Sie flohen im August 2012 aus dem sibirischen Lager nach Moskau – ein Kontaktmann half ihnen dabei.

Seither sind sie getrennt von ihrem Sohn Kanghae. Damals in Moskau sprachen sie das letzte Mal miteinander. Zehn Minuten telefonierte die Mutter mit ihrem Sohn. Wie geht es der Familie, wie der Großmutter und Tante? Das will Frau Kim am Hörer wissen. Dann knistert die Verbindung wieder, und die Leitung ist tot. So berichtet sie es.

Der Sohn schlug sich zur chinesischen Grenze durch

Der 13-jährige Sohn, erzählt Kim, war in großer Gefahr zu diesem Zeitpunkt. Denn ein Gespräch aus dem abgeschotteten Staat ist eine kleine Unmöglichkeit. Wer sprechen will, muss reisen: Kanghae musste eine zweiwöchige Tour auf sich nehmen, um telefonieren zu können. Von der Hafenstadt, in der er mit den Großeltern lebt, begleitete ihn die Tante bis zur chinesischen Grenze. Im Grenzgebiet haben Banden ein lukratives Geschäftsmodell etabliert: Sie vermieten an Nordkoreaner für kurze Zeit chinesische Handys. Die Geräte nutzen das Mobilfunknetz des Nachbarlandes – auf diese Weise sind Telefonate mit dem Ausland möglich. Das kurze Gespräch mit den Eltern kostete mehr als ein Monatsgehalt des Vaters, rund 700 Euro.

Die Kims zählen in Deutschland zu einer Minderheit, die kaum messbar ist. Im Jahr 2011 hat laut dem Bundesministerium für Migration nur eine Person aus der Demokratischen Volksrepublik Antrag auf Asyl gestellt. Im Jahr 2012 waren es immerhin acht.

„Wenn Flüchtlingen die Todesstrafe droht, haben sie selbstverständlich sehr gute Chancen auf Asyl“, sagt Bernd Mesovic von der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl. „Dass es so wenige Flüchtlinge gibt, liegt in erster Linie an der Abschottung des Landes“, sagt Mesovic. Der Fluchtweg führe zumeist in die direkt angrenzenden Länder, also nach Südkorea oder China. Nach Schätzungen flohen im Jahr 2012 rund 1500 Menschen.

Das Zimmer in der Notunterkunft, eine Woche später: Die evangelische südkoreanische Nambu-Gemeinde, der auch der Übersetzer angehört, hat den Kims einen Fernseher geschenkt. Auf dem Sender Arte läuft eine Dokumentation: „Korea – für immer geteilt?“ Ein Zweiteiler. Geschildert wir der Konflikt zwischen Nord und Süd, der seit mehr als 60 Jahren schwelt – seit dem Waffenstillstand 1953. Immer wieder herrscht akute Kriegsgefahr.

Das Ehepaar entdeckt die neue Heimat

Moae Kim lächelt. Sie versteht die Sprache nicht, aber die Bilder und erzählt, dass sie sich häufig fragt, wie es wäre, wenn das Regime irgendwann doch zusammenbricht.

Das Ehepaar hat sich in der Landeshauptstadt ein neues Leben aufgebaut. Um 7 Uhr wird aufgestanden. Dann gibt es Frühstück. Oft fahren die beiden mit der Straßenbahn durch Stuttgart. Von der Gemeinde haben sie ein Monatsticket bekommen. Sie spazieren über die Königstraße, gucken sich die Schaufenster der Geschäfte an. Sie wollen einmal die Wilhelma besuchen. Pläne gibt es jedenfalls genug. Auch Deutsch lernen ­gehört dazu.

Der südkoreanische Pfarrer der Nambu-Gemeinde lädt die Kims oft zum Abendessen ein. Sie sprechen über die Heimat. Das Ehepaar kann die alte Heimat nicht recht hassen, aber sie verteidigen geht auch nicht.

Was vom früheren Leben im Kommunismus bleibt? Frau Kim erhebt sich aus dem Schneidersitz und geht zum Schrank mit den Koffern. Sie zieht ein Foto aus einer Reißverschlusstasche. Das Bild zeigt den Sohn Kanghae mit einem Kuscheltier im Arm. Auf der Rückseite steht in verblasster Schrift: „Lieber Sohn, wir vermissen Dich!“

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