Die Stuttgarter Künstlerin Florina Leinß zeigt ab Sonntag, 14. Januar, unter dem Titel „Five Miles Out“ ihre Arbeiten im Galerieverein Leonberg. Im Gespräch erzählt sie, was das Fliegen mit ihren Werken zu tun hat und wie sie Digitales in analoge Kunst verwandelt.
Ihre Arbeiten hätten immer einen Bezug zur Alltagswelt, betont Florina Leinß. Und damit haben sie bei der Stuttgarter Künstlerin auch einen Bezug zum Digitalen. „Meine Arbeiten sind eigentlich immer ungegenständlich,“ sagt Leinß.
In der Tat ist auf ihren Bildern meist nichts Bekanntes zu erkennen. Und dennoch fällt dem Betrachter hier und da immer wieder etwas auf, dass ihn an etwas Gegenständliches erinnert. Die Fantasie wird angesprochen, Assoziationen geweckt. Das Faszinierende ist: Je länger man vor einer der Arbeiten steht, desto mehr entdeckt man darin. Ein anderer Betrachter wird andere Dinge „erschauen“.
Die Ausstellung ist mit „Five Miles Out“ überschrieben. Es gebe ein Lied von Mike Oldfield mit demselben Titel, aber die Schau sei „nicht unbedingt eine Referenz darauf“, sagt die Künstlerin. Aber dann verweist sie auf die Bedeutung des Begriffs in der Sprache der Piloten, die auch in dem Oldfield-Song eine Rolle spielt. Leinß erklärt, es gehe bei „Five Miles Out“ darum, dass eine Grenze überschritten wird – nicht viel, aber so, dass es schon entscheidend sein könne. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass in vielen ihrer Kunstwerke Flügelformen zu finden sind. „Meine Arbeiten haben also viel mit dem Thema Flug zu tun“, so Florina Leinß.
„Meine Arbeiten haben viel mit dem Thema Flug zu tun“
Spricht die Künstlerin vom Bezug zur Alltagswelt, kommt sie zu den Tast-Erfahrungen, die der Mensch mit dem Digitalen macht. Beispielsweise über die Touchpads von Smartphones. „Es sind unsichtbare Bewegungen, die eine sichtbare Form enthalten,“ macht sie deutlich. Das Digitale spielt eine große Rolle in ihren Kunstwerken. Es ist Teil ihrer künstlerischen Arbeit, oder man stößt auf Anspielungen in ihren Werken.
Im Erdgeschoss des Galerievereins zieht eine Arbeit die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich: eine Holzfaserplatte bildet den dunklen Untergrund, der zum großen Teil mit einem Viereck aus schwarzem Autolack bemalt ist – ein Viereck ohne Ecken, stattdessen abgerundet wie bei einer App auf dem Handy. Es ist faszinierend, wie sich der Betrachter in dem Schwarz spiegelt und auf diese Weise in das Bild reingezogen und mit einbezogen wird. Die Malerei bekommt durch die Spiegelung nicht nur Tiefe. Das Bild öffnet sich dadurch, und es entsteht ein Raum – auf einer Fläche.
Der Betrachtende wird in das Bild mit einbezogen
Leinß erzählt, dass sie schon im Studium mit Lackflächen zu arbeiten begonnen hat. „Mich interessiert die industrielle Materialität“, verrät sie. Und sie löse so etwas gerne los vom Eigentlichen. Ihre Materialien sind vielseitig und doch wiederkehrend. Von Lack über Öl- und Acrylmalerei bis hin zu Dispersionsfarbe oder Grafit ist alles dabei. Damit entstehen oft monochrome Farbflächen.
Im Kabinett des Galerievereins finden sich Kunstwerke, die Florina Leinß auf einem Schwarzwaldhof schuf, auf dem sie mit anderen Künstlern gemeinsam arbeitete. „Da ist die Umgebung mit eingeflossen,“ betont sie. Deshalb hat sie diese Arbeiten bewusst im Kabinett mit seinen alten quaderartigen Steinen platziert. Leinß erklärt, dass die Farben, die sie dafür verwendet hat, durch die naturgeprägte Landschaft im Schwarzwald inspiriert seien. Die leuchtenden Farben verwiesen auf die von Menschen eingebrachten Farben.
Außerdem im Kabinett: kleine Radierungen, alles Unikate. Die Formen, die dort zu sehen sind, hat die Künstlerin mit dem Finger auf einem Tablet gezeichnet, und das, was dabei entstand, in Aquatinta-Radierungen übersetzt. „Bei diesen Farbradierungen begegnen sich Digitales und Analoges.“ Wenn Florina Leinß davon spricht, spürt man ihr die Begeisterung für ihre Arbeit an. An dieser Stelle gibt sie zu: „Auch das Experimentieren interessiert mich.“
Auch das Experimentieren interessiert die Künstlerin
Im ersten Stock angekommen, fällt der Blick des Betrachtenden auf ein langes Kunstwerk gleich rechts, das aus mehreren einzelnen Teilen besteht. Die kühlen Farben springen ins Auge. „Die Farben sind zufällig entstanden, intuitiv“, erzählt Leinß. „Sie haben vielleicht mehr mit einer technischen Farbwelt zu tun.“ Die Farben, für die die Künstlerin Acryl- und Dispersionsfarben verwendet hat, haben sich im Prozess entwickelt. In dem sie Farbflächen drüber- und abgeklebt hat, hat sich ein Hinten und ein Vorne ergeben. Eine Besonderheit der Bilder ist das Matte einzelner Farbflächen oder dass sie ein wenig Struktur haben. Bei diesem großen Kunstwerk trifft man wieder auf abgerundete Formen. „Ich habe so etwas nicht von vornherein im Kopf. Ich mache dazu Skizzen“, sagt die Künstlerin über diese große Arbeit. „Eine Handzeichnung steht immer am Anfang“, sagt Leinß. Der Computer sei für sie ein Hilfsmittel. Ab Sonntag, 14. Januar, sind zahlreiche Kunstwerke von ihr – Bilder, ein Objekt und ein Video – im Leonberger Galerieverein zu sehen.
Die Künstlerin und ihre Arbeit
Vernissage
Florina Leinß zeigt von Sonntag, 14. Januar, an ihre Arbeiten im Galerieverein Leonberg, Zwerchstraße 27, unter dem Titel „Five Miles Out“. Die Vernissage beginnt um 11.15 Uhr. Die Einführung übernimmt Susanne Jakob vom Kunstverein Neuhausen. Die Ausstellung ist Mittwoch, Donnerstag, Samstag und und Sonntag jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet.
Gespräch
Ein Gespräch mit der Künstlerin ist am Sonntag, 28. Januar, um 15.30 Uhr im Galerieverein geplant. Eine Führung gibt es am Sonntag, 18. Februar, um 15.30 Uhr.