Die Politik habe einiges richtig gemacht in der Altenpflege. Aber manches auch falsch: Die Branche leide an überbordender Bürokratie und zu viel Regulierung, sagt Florian Bommas, der ehemalige Geschäftsführer der Diak-Altenhilfe in Stuttgart.
Mehr als ein Jahrzehnt führte Florian Bommas die Geschäfte der Diak-Altenhilfe in Stuttgart. Nun geht er. Im Rückblick sagt er: Die Politik habe in der Altenpflege einiges richtig gemacht. Ein Zukunftskonzept aber fehle. Und die Branche leide an Bürokratie und sei überreguliert.
Herr Bommas, was hat sich in den 13 Jahren, als Sie Geschäftsführer der Diak-Altenhilfe waren, besonders verändert?
Das sind zwei Dinge: Die Gewinnung von Mitarbeitern ist schwieriger geworden, die Bürokratie hat in einem nur noch schwer erträglichen Maß zugenommen.
Dem steigenden Bedarf an Personal wird man nun nicht mehr gerecht?
Das Problem ist, dass wir den demografischen Wandel auch bei den Pflegekräften erleben. Auch in der Altenpflege gehen die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand. Die Frage ist, ob es uns gelingt, überhaupt diese Verluste auszugleichen.
Das Anwerben ausländischer Pflegekräfte hat lange gut geklappt. Jetzt nicht mehr?
Die Neueintritte beim Personal sind zu 70 bis 80 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund, die direkt aus dem Ausland kommen oder schon einige Zeit hier leben. Das wird so weitergehen. Deutschland ist ein attraktiver Arbeitsmarkt und Stuttgart sowieso. Es gibt Länder, in denen recht gut ausgebildet wird, wo die Pflegekräfte aber keine oder keine gut bezahlte Arbeit finden. Aber in der Vergangenheit sind viele Pflegekräfte aus Osteuropa oder aus Südeuropa gekommen. Jetzt werden die Wege weiter, nun kommen die Menschen aus Afrika oder Asien. Wir haben einige Pflegekräfte aus Madagaskar. Die kulturellen Unterschiede werden größer. Das bedeutet für alle Seiten Herausforderungen.
Wie hat sich die neue Ausbildung mit der Zusammenlegung von Krankenpflege und Altenpflege ausgewirkt?
Wir haben noch keine richtig zuverlässigen Zahlen. Unser Eindruck ist aber, dass wir – die Ausbildung ist schwieriger geworden – etwas mehr Abbrecher haben und ein bisschen mehr Abwanderung ins Krankenhaus.
Aktuell wird wieder über die gestiegenen Pflegekosten diskutiert. Was sind die Hauptkostentreiber?
Mit Abstand der größte Kostenfaktor ist und bleibt das Personal. Auch dadurch, dass man in den vergangenen Jahren, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen, die Vergütung überproportional verbessert hat. Und dann sind die Kosten für Energie und Lebensmittel stark gestiegen. Der Investitionskostenanteil ist bei neuen Heimen in kurzer Zeit auch um zehn Euro am Tag gestiegen.
Was würde in dieser Lage helfen?
70 bis 80 Prozent der Pflegebedürftigen in den Heimen leiden an Demenz. Das sind die Menschen mit den langen Verweildauern. Wenn die Alzheimerforschung Fortschritte machen würde und die Krankheit heilen oder wenigstens aufhalten könnte, würden mehr Menschen länger zuhause leben und die Nachfrage würde signifikant zurückgehen.
Was müsste die Politik tun?
Zuallererst möchte ich sagen: Die Politik hat auch Gutes auf den Weg gebracht. In den vergangenen 15 Jahren haben wir deutlich mehr Personal in die Pflegeheime bekommen, auch wenn es in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen wird. Es sind Zusatzbetreuungskräfte dazugekommen und noch weitere Stellen. Die Erhöhung der Zahl der Pflegekräfte liegt insgesamt bei etwa 20 Prozent. Und man hat auch Demenzerkrankungen als pflegerelevant anerkannt. Auch die Pflege zuhause hat man deutlich gestärkt. Der Anteil der Menschen, die ins Pflegeheim kommen, geht zurück. Das hat sicher auch mit einem Mangel an Pflegeheimplätzen zutun, aber eben auch damit, dass die häusliche Versorgung besser geworden ist.
Wo liegen dann die Probleme?
Es mangelt an einem grundsätzlichen Konzept. Wie soll es weitergehen angesichts der stark zunehmenden Zahl von pflegebedürftigen Menschen. Darauf hat die Politik meiner Ansicht nach nicht reagiert, sondern einfach weitergemacht wie bisher.
Stichwort Bürokratie: Ist die Altenpflege zu stark reguliert?
Das Land und sein Sozialministerium haben sehr genaue Vorstellungen, wie Pflege sein muss. Das beginnt mit der Heimbauverordnung und geht mit einer ganzen Reihe von Verordnungen weiter, Personalverordnung, Heimmitwirkungsverordnung, und, und, und. Aber die Pflegeheimbetreiber haben selbst viel Kompetenz und Ideen, wie Pflege anders und an der einen oder anderen Stelle auch effizienter sein könnte. Wenn das Land hier mehr Freiheiten geben würde, käme es zu mehr Wettbewerb und auch teils zu besseren und effizienteren Lösungen.
Wie belastend ist der bürokratische Aufwand im Alltag der Altenpflege?
Im Einzelfall klingen die Vorschriften nicht so schlimm, in der Summe sind sie es aber schon. Und es wird immer schlimmer. Vor Jahren hat man noch überlegt, mit welchen Konzepten können wir die Dinge zum Vorteil der Bewohner verbessern. Dieser Innovationsgedanke ist inzwischen stark verloren gegangen, heute ist man nur noch mit den Vorgaben von außen beschäftigt.
Stuttgart hat die Berechnung des künftigen Bedarfs an stationären Pflegeplätzen geändert. Nun heißt es, man werde 2030 nicht mehr brauchen als heute. Das hat mit dem steigenden Bedarf an ambulanten Hilfen zutun, aber auch damit, dass man für zusätzliche Plätze ohnehin kein Personal finden würde.
Ich finde, man sollte den künftigen Bedarf richtig ermitteln und dann überlegen, wie man ihn befriedigen kann. Wenn das nicht gut gelingt, gehört das zur Ehrlichkeit dazu.
Braucht Stuttgart weitere Pflegeheimplätze?
Da gibt es unterschiedliche Auffassungen, auch im Kollegenkreis. Manche sagen, die Nachfrage sei nicht mehr so groß. Doch wir bekommen täglich in jedem Haus fünf bis zehn Anrufe, die wir nicht bedienen können. Zum Teil sind die Menschen recht verzweifelt. Die Suche nach einem Pflegeheimplatz ist schon sehr schwierig. Mein Eindruck ist, das sagen auch die Zahlen, dass es mehr Pflegeheimplätze braucht.
Unterstützt die Stadt Stuttgart die Heimträger auch genug?
Die Kommunen können im Grund am wenigsten machen. Die Stadt kann nur unterstützen bei Fragen wie der Bereitstellung von Grundstücken. Allerdings dauert es immer sehr lange, bis man eine Baugenehmigung bekommt, das ist eine Katastrophe. Und der zweifellos wichtige Umwelt- und Naturschutz bekommt häufig Priorität, was oft nicht mehr nachvollziehbar ist. Aber das Interesse bei der Stadt, das gut zu machen, ist da, das spürt man.
Diak-Altenhilfe in Stuttgart
Zur Person
Florina Bommas war 13 Jahre als Geschäftsführer bei der Diak-Altenhilfe in Stuttgart. Nun wechselt der 58-Jährige aus privaten Gründen in die Nähe von Berlin. Dort wird er in ähnlicher Position als Kaufmännischer Leiter eines Trägers der Kinder- und Jugendhilfe tätig sein.
Heimträger
Die Diak-Altenhilfe betreibt in Stuttgart das Pflegezentrum Bethanien in Möhringen und den Paulinenpark in der Innenstadt. Zusammen haben diese Einrichtungen 220 Pflegeheimplätze und die gleiche Zahl an Beschäftigten. Die Diak-Altenhilfe ist in der günstigen Lage, dass sie über rund 120 Personalwohnungen in Möhringen verfügt und Zugriff auf Wohnungen ihres Gesellschafters, der Diakonissen-Anstalt, hat.