Florence Welch Foto: Tom Beard

Mit dem Album „How Big, How Blue, How Beautiful“ hat Florence Welch eine große, mächtige, theatralische Pop-Platte abgeliefert. Im Covent-Garden-Hotel in London erzählt die 28-jährige Britin von selbstzerstörerischen Tendenzen, Partys mit Beyoncé und Dantes „Göttlicher Komödie“.

Mrs. Welch, das Album beginnt mit dem Song „Ship To Wreck“. Welches Schiff fahren Sie da zu Schrott?
Mich selbst! Wen denn sonst? In mir steckt die Fähigkeit, Dinge zu erschaffen, sowie die beträchtliche Fähigkeit, diese Dinge auch wieder kaputt zu machen. Die selbstzerstörerische Seite in mir war immer sehr dominant. Sie ist auch immer noch da, aber ich kann diese dunkle Energie heute besser kontrollieren und auch mal unterdrücken.
Sie stehen aber auch im Ruf, gerne ausgiebig zu feiern.
Ja, das ist wahr. Im Nachtleben verfüge ich über enorme Kapazitäten. Ich muss lernen, meine Partymomente weiser auszuwählen.
Stimmt es, dass Beyoncé Sie mal unter den Tisch getrunken hat?
Oh ja, erstaunlicherweise. Ich habe an jenem Abend sehr viel Tequila mit Beyoncé getrunken. Sie ist wirklich unheimlich witzig.
Leben Sie inzwischen gesünder?
Ich versuche es. Ich habe echt viel Mist gebaut in meinem Leben. Ich will nicht mehr alles ins Chaos stürzen. Ich will nicht mehr Kamikaze sein, gerade in der Liebe. An dem neuen Album zu arbeiten, hat mir sehr gutgetan. Die Platte hat mich beschützt wie ein Kokon.
Im Video zur Single „What Kind Of Man“ geraten Sie jedoch heftig mit mehreren Typen aneinander und schreien sie an. Was ist da los?
Das ist meine Version von dem Inferno aus Dantes „Göttlicher Komödie“. Wir stellen die Liebe als Fegefeuer dar. Als explosive, zerstörerische Beziehung zwischen zwei Menschen, die wissen, dass sie die Finger voneinander lassen sollten, es aber nicht können.
Sie waren jahrelang auf recht turbulente Weise mit dem Literaturjournalisten Stuart Hammond liiert. Beruht der Song auf eigener Erfahrung?
Ja. Allerdings nicht ausschließlich. Ich verbinde Aspekte aus meinem Leben mit Aspekten aus der Fantasie. Ich bin aber überzeugt, dass alle von uns schon einmal eine solch kaputte, vergiftete und leidenschaftliche Beziehung hatten. Man macht immer wieder denselben Fehler, kommt immer wieder zurückgerannt, verbrennt sich immer wieder. Man lernt einfach nichts dazu. Solange nicht alle Beziehungen so sind, ist das in Ordnung.
Haben Sie etwas aus der Geschichte gelernt?
Welch: Ich hoffe sehr, dass ich mich nie mehr in eine solche Situation begeben werde. Das war echt heftig. Das kann ja jetzt nicht immer so sein. Ich fange gerade erst richtig an, darüber nachzudenken und die Erfahrungen aufzuarbeiten. Diese Interviews sind ja wie ausgedehnte Therapiesitzungen.
In „What Kind Of Man“ singen Sie „I was always wondering what to do with life“. Ist das Album Ihr Versuch herauszufinden, wie diese Florence Welch eigentlich tickt?
Total. Ich hatte ja vorher eine Weile frei, 2013 habe ich praktisch nichts gearbeitet, plötzlich sind also der Lärm und die ganze Hektik weg, die mich die fünf Jahre vorher immer begleitet haben. Plötzlich war ich ganz allein mit mir selbst und dachte „Wer bin ich?“, „Wer will ich sein?“ oder auch „Was macht mich glücklich?“. Wenn du keinen engen Zeitplan hast, hast du Zeit zum Grübeln. Nach fünf Jahren Wirbelwindkarriere bin ich aus dem Auge des Hurrikans gefallen. Bloß landete ich nicht in der Traumwelt Oz, sondern in meinem ersten eigenen Haus in Kennington, einem Stadtteil im Süden von London. Da sitzt du dann, schaust dich um und denkst: „Oh.“
Und dann?
Ging es darum, die Grundlagen zu lernen: Schlafen, essen, nicht das Haus verwüsten, nicht das Leben verwüsten. Wenn dein Leben ein Chaos ist, kannst du nicht immer nur in die nächste Stadt fahren, das nächste Konzert spielen und damit alles vergessen machen. Du musst das Chaos auch einfach mal aushalten.
Sie haben erst jetzt gelernt, wie man isst und schläft?
Ja. Irre, oder? Das war extrem. Ich war ewig unterwegs gewesen, und vorher lebte ich mit meiner Mutter und meinen fünf Geschwistern in einem Haus. Ich hatte nie gelernt, selbstständig zu sein. Frühstück machen, das Haus halbwegs sauber halten, irgendwann ins Bett gehen – das hört sich alles so einfach an, war es für mich aber nicht.
Die Platte haben Sie allerdings nicht in London, sondern in Los Angeles ­aufgenommen.
In dem Jahr, in dem ich pausierte, lebte ich teilweise dort. Die Zeit in Amerika hat meinen neuen Sound maßgeblich beeinflusst. In L. A. kannst du nichts zu Fuß machen, ich saß also oft bei offenem Verdeck im Auto und habe dabei sehr viel maskuline Gitarrenmusik von Bruce Springsteen, Neil Young oder Nick Cave gehört. Ich stehe einfach auf diese Art von Typen. Die Musik dieser Mannsbilder hat mich zusammen mit der unendlichen Weite des kalifornischen Himmels sehr stark und erhaben fühlen lassen.
Könnten Sie sich vorstellen, ganz umzuziehen?
Nein, ich brauche London und seinen grauen Himmel.
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