Auch die Falkner (hier Wolfgang Weller mit einem Gerfalken) stünden gern auf der Unesco-Liste – in 13 Ländern, darunter Österreich, ist ihnen das bereits gelungen. Foto: Leif Piechowski

Seit 7. Juli steht Deutschland in der Pflicht, sein immaterielles Kulturerbe zu sichten. Das sind Bräuche, Fertigkeiten und Feste. Doch wie erhält man dieses Siegel? Die Unesco gab darauf mit einer Tagung Antwort. Vertreter der Fasnacht waren nicht die einzigen Interessenten.

Augsburg - Stramme Waden in Lederhosen, der Gamsbart wippt am Hut – einigen Teilnehmern sieht man schon von weitem an, dass sie sich der Tradition verpflichtet fühlen. Andere haben die Taschen gefüllt mit Werbematerial: Ein „Drachenstecher“ aus Furth im Wald verteilt Hochglanzprospekte über Deutschlands älteste Festspiele.

Aus ganz Bayern sind sie angereist, die Brauchtumfans, um hier im Augsburger Textil- und Industriemuseum zu erfahren, was sie denn tun müssen, um sich mit dem werbewirksamen Siegel „Kulturerbe“ schmücken zu dürfen. Auch 17 Baden-Württemberger sind darunter – schließlich ist die Infoveranstaltung die einzige der Unesco-Kommission für ganz Süddeutschland.

Da sitzen sie also einträchtig beisammen, Fastnachtsnarren und Karnevalisten, Falkner und Flößer, Naturheilkundler und Volksschauspieler – und alle versuchen zu verstehen, was das eigentlich soll mit dem Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes.

Seit 7. Juli ist Deutschland der Konvention offiziell beigetreten – als 153. Staat weltweit. Der Vertrag verpflichtet dazu, Bräuche, Rituale und Feste, aber auch traditionelle Fertigkeiten zu erhalten und das Bewusstsein dafür zu fördern. Das beginnt zunächst einmal damit, dass die Bundesländer sammeln und sichten, was es überhaupt gibt.

„Es geht um alles, was von menschlichem Wissen und Können getragen ist“, sagt Christine Merkel, die Leiterin des Fachbereichs Kultur, Memory of the World, der Deutschen Unesco-Kommission. Doch sie gibt auch zu: „Niemand hat den Gesamtüberblick.“ Wie auch anders? Denn klare Grenzen sind rar.

„Migranten zum Beispiel leben in mehreren Kulturen, da entstehen dynamische Dinge“

Pure Folklore, bei der ein Brauch nur noch ein leeres Spektakel für Touristen ist, gehört nicht zum immateriellen Kulturerbe, das wird den Teilnehmern schnell klar. Der Weimarer Kulturwissenschaftler Tiago de Oliveira Pinto erläutert ausführlich, welche Bedingungen ein solches „Artefakt“ erfüllen muss: Zum Beispiel, dass es gelebt und weiter entwickelt wird in der Gemeinschaft. Und dass es für eine Gruppe Identität stiftet.

Aber muss der Brauch alt sein? Und wie alt? Gehört Poetry Slam dazu, jener moderne Dichterwettstreit, wie man ihn in Kneipen findet? Aber ist das nicht ein internationales Phänomen? Und was ist mit jenen Gruppen, die sich gar nicht bewerben, sondern einfach nur ihr Ding machen? Fragen über Fragen, und die Referenten räumen ein, dass auch sie Neuland betreten.

Im Publikum sitzt auch Werner Mezger. Der Freiburger Wissenschaftler, einer breiten Öffentlichkeit durch seine Fasnachtsforschung bekannt, warnt davor, Kulturformen nur deshalb zu übergehen, weil man sie nicht klar abgrenzen kann: „Migranten zum Beispiel leben in mehreren Kulturen, da entstehen dynamische Dinge.“ Ziel der Konvention, das betont auch Benjamin Hanke von der Unesco, sei ja nicht zuletzt ein Aufbrechen des konventionellen Kulturbegriffs.

Aber wer entscheidet? Wer wählt jene Vorschläge aus, die der Kultusministerkonferenz beziehungsweise der Unesco-Kommission vorgelegt werden? So wie in Brasilien, wo die Regierung dies alles per Dekret festgelegt hat, soll es in Deutschland zwar nicht laufen. Aber ist es deshalb demokratischer? Schließlich treffen Fachleute die Auswahl.

„32 Vorschläge insgesamt, die krieg’ ich doch in jedem bayerischen Landkreis zusammen“, gibt Volker Letzner von der Münchener Hochschule für Tourismus zu bedenken. Fällt also Wesentliches unter den Tisch? Unter den Teilnehmern wird jedenfalls Misstrauen gegen die Experten laut. „Ja, es gibt diesen Filter“, räumt Benjamin Hanke von der Unesco-Geschäftsstelle ein. Viele andere Länder handhabten dies aber ähnlich. Man müsse den Prozess beobachten.

Hoffen auf Sprung auf die Liste

Auf Bundesebene besteht die 23-köpfige Runde aus Wissenschaftlern, Vertreter des Auswärtigen Amtes und diverser Verbände. Auf Landesebene steht die Jury noch nicht fest: „Wir stellen sie gerade zusammen“, sagt Jürgen Sauer, der im Stuttgarter Kunstministerium das Thema bearbeitet.

Manche Interessenten scheinen das Ganze ohnehin als sportlichen Wettbewerb zu verstehen, bei dem auch taktische Finessen erlaubt sind. Wartet man nicht besser bis zur zweiten oder dritten Runde ab, um seine Chancen zu verbessern?, fragt einer.

Die Offiziellen hören das gar nicht gern. „Das ist kein Wettrennen, für uns ist spannend, was das Land insgesamt an Kultur zu bieten hat“, entgegnet Merkel. Die Debatte sei fast wichtiger als das Ergebnis, bekräftigt de Oliveira Pinto. Er erhofft sich eine „nationale Selbstreflexion“. Besonders den Jungen tue diese Bewusstseinsbildung gut, meint auch Mezger am Rand der Veranstaltung und sagt: Der Weg ist das Ziel.

Doch viele der Verbandsvertreter sind mit eindeutigen Erwartungen nach Augsburg gekommen: Sie wollen das Unesco-Siegel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. „Uns ist die Anerkennung auch deshalb wichtig, weil die Falknerei in manchen Kreisen umstritten ist und in einem falschen Licht erscheint“, sagt etwa Karl-Heinz Gersmann vom deutschen Falkenorden.

Auch Roland Wehrle, Präsident der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte, hofft auf den Sprung auf die Liste: „Die Veranstaltung hat mich ermutigt, dass wir uns bewerben.“ Gute Chancen rechnet er sich vor allem deshalb aus, weil die Fasnacht länderübergreifend praktiziert wird – was die Unesco gern sieht. Der Tourismus muss dabei nicht schamhaft ausgeblendet werden. Zwar soll die Traditionspflege ehrenamtlich sein, doch ohne Publikum ist auch die edelste Kunst dem Untergang geweiht. Jetzt sind erst einmal die Interessenten selbst am Zug: Die große Inventur im Land ist eröffnet.

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