Wolfgang Dauner wäre am 30. Dezember neunzig Jahre alt geworden. Sein Sohn, der Fanta-Vier-Drummer Florian Dauner, erinnert sich an seine Kindheit.
Er selbst zählt zu den besten Schlagzeugern international. Liegt’s in den Genen? Oder an der Kindheit im Haus eines Jazzmusikers? Jedenfalls erinnert sich Florian Dauner in diesen Tagen ganz besonders an seinen Vater Wolfgang, der an diesem Dienstag 90. Geburtstag gefeiert hätte.
Herr Dauner, am 10. Januar 2020 ist Ihr Vater gestorben, an diesem Dienstag wäre er neunzig geworden. Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie an ihn denken?
Ich denke jeden Tag an ihn. Er begleitet und berät mich musikalisch, bei Fragen des Musikbusiness, sogar beim Fußballschauen – so als wäre er da. Beim Musizieren ist er immer präsent, besonders wenn ich seine Kompositionen spiele.
Sie sind in einem Haus voller Musik aufgewachsen. Was ist Ihre erste Kindheitserinnerung daran?
Wir hatten zwei Wohnungen in der Immenhoferstraße, die eigentliche Wohnung und das Studio mit den großen Geräten. Dieser Syntheziser 100 EMS, den Papa mit dem Ford Transit aus England hergefahren hat, der hatte viele bunte Knöpfe und einen Oszillograf, der Audiosignale aufzeichnete. Da habe ich Raumschiff gespielt, wenn mein Vater mich vom Kindergarten abgeholt hat. Das Studio war mein Spielplatz. Oft waren so coole Onkels da, die bei uns übernachtet haben. Die hießen Charlie Mariano oder Ack van Rooyen. Mit denen haben wir auch gern Fußball geguckt.
Als Sie ein kleiner Bub waren, wollten Sie aber nicht auch Pianist, sondern Schlagzeuger werden. Wie kam es dazu?
Papa hat mich schon als Baby zu seinen Konzerten und zu Proben beim Süddeutschen Rundfunk und in der Zuckerfabrik Cannstatt mitgenommen. Mit sechs habe ich unter dem Flügel meines Vaters ein Konzert miterlebt, das meinen ganzen Lebensweg vorgezeichnet hat. Das United Jazz & Rock Ensemble ist im Alten Schützenhaus aufgetreten. Ich hatte nur Augen für den Schlagzeuger, den Engländer Jon Hiseman. So einer wie er wollte ich auch werden. Bei den Proben saß ich ab da immer auf einem Stuhl direkt hinter ihm und hab genau mitgekriegt, wie er spielte. Daheim habe ich dann mit Sofakissen ein Schlagzeug aufgebaut und meinen Eltern ein eigenes Konzert gegeben, während eine Platte des United lief. Heute weiß ich, dass ich einen einmaligen Einblick ins Schlagzeugspiel bekommen habe, ich bin deshalb sehr schnell vorangekommen. Am Berklee College of Music habe ich später studiert auf Anraten des von mir bewunderten Schlagzeugers Vinnie Colaiuta, der bei Frank Zappa und Sting gespielt hat. Der Kreis hat sich für mich geschlossen, als ich beim letzten Konzert von United an je einem Drumset mit Jon Hiseman gespielt habe.
Was für Aktivitäten haben Wolfgang Dauner und sein kleiner Sohn Florian gemacht?
Nun, er war ein ganz normaler Vater, der mich öfter mit seinem Sportwagen im Wagenburg-Gymnasium abgeholt hat. Das fand ich cool. Einmal kam er in den Musikunterricht und hat mit mir im Duo gespielt. Und zwar mein damaliges Lieblingsstück „Sex, Drugs and Rock ‘n’ Roll“ von Ian Drury. Man sieht: Papa war für alle Musikstile offen, von Haydn bis modernem Jazz, sogar mal für Punkrock. Nur gut musste die Musik sein.
Was hat sich für Sie und Ihre Schwester Sian geändert, als Ihre Mutter und Wolfgang Dauner sich getrennt haben?
Gar nicht so viel, weil Papa in der Immenhoferstraße ja da war. Dienstags und mittwochs hat er auf mich aufgepasst und mich zu Proben und Konzerten mitgenommen. Ab den 1980er Jahren war dann bis zu seinem Tod vor fünf Jahren Randi Bubat seine Muse, die ihn unterstützt und sich unermüdlich für ihn eingesetzt hat. Besonders wichtig war das nach seiner gesundheitlichen Krise, als er seine Beweglichkeit wiederherstellen und sich das Klavierspielen „neu draufschaffen“ musste, wie er sagte.
Eine Reihe von Konzerten, die an den 90. Geburtstag Ihres Vaters erinnert haben, gab es ja schon.
Und wir planen einen weiteren Wolfgang-Dauner-Abend im Jazzklub Bix im kommenden Jahr. Ich will dann mit meinem Sextett seine Kompositionen spielen, darunter besonders solche, die er für das United Jazz & Rock Ensemble geschrieben hat. Der Termin steht noch nicht fest, aber er wird kommen.
Was für Aktivitäten stehen bei Ihnen sonst im Kalender?
Ich werde weiterhin unter exzellenten Bedingungen in der Band der TV-Show „The Voice of Germany“ spielen. Und natürlich nach wie vor bei den Fantastischen Vier. Mindestens bis zum 40-Jahr-Jubiläum in vier Jahren. Leider konnte ich wegen eines Krankenhausaufenthalts bei den aktuellen Weihnachtskonzerten in der Stuttgarter Schleyerhalle nicht auf der Bühne an meinem Drumset wirbeln. Ausgerechnet bei diesen tollen Heimspielen – so schade! Aber bald bin ich wieder fit. Wann die Band sich auflösen wird, steht meiner Meinung nach in den Sternen. Das hieß es auch schon, als die Fantas dreißig Jahre alt wurden, dann vierzig, dann fünfzig. Ich schätze, auch mit Sechzig werden sie noch auftreten. Auch wenn es keine Tour mehr geben wird, Einzelkonzerte finden auf jeden Fall noch statt. Mit Flo Dauner am Schlagzeug.
Der Weg der Jazzlegende Wolfgang Dauner
Sturm und Drang
Wolfgang Dauner war einer der bekanntesten und bedeutendsten Jazzmusiker Deutschlands. Sein Weg führte den 1935 in Stuttgart Geborenen durch eine Sturm-und-Drang-Phase, in der es ihm einen anarchistischen Spaß machte, Musikdogmen zu zerstören. An seinen großen Kompositionen „Urschrei“ oder „Die verwachsene Froschhaut“ hing dagegen immer sein Herz.
Erfolg
Dauner ließ sich gerne von Jackson Pollocks „action painting“ oder auch von den verwinkelten Labyrinthen des Malers M. C.Escher inspirieren. Und natürlich auch von Randi Bubat, der Frau, die ihn über vier Jahrzehnte wirkungsvoll unterstützte. Kommerziellen Erfolg brachte Dauner der Verkauf von mehr als 300 000 Platten des United Jazz & Rock Ensemble, als dessen Primus inter Pares er gilt. Auch seine Solo-Piano-Aufnahmen gingen 400 000 Mal über den Plattentisch. Vom „brennenden Klavier“ und dem Jazz-Rock führte der künstlerische Lebensweg Dauners bis zu Theater- und Kirchenmusik hin zu Haydn-Bearbeitungen.