Als Frau getarnt locken Chat-Agenten Männer auf Partnersuche im Internet an. Foto: dpa

Jede dritte Beziehung entsteht im Internet. Dadurch wird der Markt auch für Betrüger immer interessanter. Mit falschen Profilen locken sie Suchende in kostenpflichtige Chat-Räume.

Stuttgart - Am besten funktioniert es bei Männern, die mit Frauen Sachen machen wollen, die in der wirklichen Welt schwer zu vermitteln sind, sagt der 20-jährige Chat-Agent Darius (Name geändert). Manche der Männer sind verheiratet. Andere sind einsam und suchen verzweifelt eine Frau fürs Leben, die große Liebe. Wonach die Männer sich auch sehnen, Darius sagt, dass er es ihnen geben kann. Weil das sein Job ist.

Darius will seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er ist Teil einer riesigen Betrugsmaschinerie im Internet. Auf immer mehr kostenlosen Flirtportalen fischen Firmen mit gefälschten Profilen nach Kunden für ihre eigenen kostenpflichtigen Datingseiten. Oft sitzen die Firmen in osteuropäischen Billiglohnländern. Und täglich fallen Männer darauf rein. Das Problem: Weil die Betrüger oft kaum erkennbar sind und sich die Opfer aus Scham nicht melden, ist Verbraucherschutz hier fast unmöglich, sagt Michaela Schröder, Referentin für Datenschutz beim Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Darius ist dafür zuständig, neue Kunden anzuwerben. Dafür legt er auf kostenlosen Diensten wie beispielsweise der mobilen Göppinger Partnerbörse Jaumo, dem baden-württembergischen sozialen Netzwerk Kwick oder Gratis-Chat-Portalen wie etwa Chat 2000 oder Chatroom 2000 falsche Profile an. Er benutzt dafür gern das Foto eines Models. Blonde Haare, tiefer Ausschnitt, gebräunte Haut. Aus Chat-Protokollen, die den Stuttgarter Nachrichten vorliegen, geht hervor, wie die Unterhaltung abläuft. Darius wartet, bis die Männer ihn anschreiben. „Es ist wichtig, sich wie eine Frau zu verhalten“, sagt er und schreibt einem potenziellen Opfer: „Ich liege auf dem Bett und sehe fern. Was machst du?“

In Wirklichkeit sitzt er in einem Chat-Center in Osteuropa. Wie viele junge Menschen dort spricht Darius gut Deutsch. Dass er die Sprache nicht perfekt beherrscht, erklärt er den Männern damit, dass er als Studentin in Deutschland ist – und eigentlich aus Frankreich kommt.

Rund fünf Prozent gefälschte Profile

Früher oder später bringt Darius die Männer dazu, sich auf einer anderen Seite anzumelden, um dort weiter zu schreiben. „Ich werde hier zu sehr belästigt“, lässt er das schöne Model im Chat sagen. Der Nutzer weiß nicht, dass auf der kostenpflichtigen Seite keine einzige Frau real ist.

Den Betreibern von Flirtportalen wie Jaumo sind Menschen wie Darius ein Dorn im Auge. Das Flirt- und Chat-Netzwerk hat nach eigenen Angaben fünf Millionen Nutzer und zählt zu den führenden Flirt-Apps in Deutschland.

Pro Tag melden sich dort über 20 000 Nutzer an. „Wir überprüfen alle Profile manuell, aber natürlich kann man, ehrlich gesagt, nicht auf Anhieb jedes gefälschte Profil erkennen“, sagt Jens Kammerer, Chef des Göppinger Unternehmens. „Die Tricks dieser Firmen werden immer raffinierter, und so sind wir gefordert, immer einen Schritt voraus zu sein und unser System zur Erkennung solcher Fälle stetig zu verbessern.“

Auch Christian Herpolsheimer, Betreiber des Chatrooms 2000 mit 20 000 Nutzern am Tag, kennt das Phänomen. „Es ist uns in der Tat bekannt, dass immer wieder gefälschte Profile im Chatroom 2000 angelegt werden, um User zu kostenpflichtigen Seiten zu locken“, sagt er. Verbraucherschützer mahnen, dass Nutzer von Datingseiten den Chat-Partnern nicht auf andere Seiten folgen sollen.

"Manchmal ist es eklig"

Und trotzdem: Darius lockt pro Tag bis zu zehn Männer auf seine Seite. „Manchmal ist es eklig“, sagt er. Doch für jeden Neukunden bekommt Darius eine Provision. Pro Monat verdient er um die 500 Euro. Das ist mehr als der Durchschnittlohn in seinem Heimatland. Darius finanziert mit dem Geld nicht nur seinen Lebensunterhalt, sondern auch seine Eltern und seinen kleinen Bruder.

Herpolsheimer zählt pro Tag bis zu 200 Neuregistrierungen. Davon seien rund fünf Prozent Fakeprofile, die gelöscht werden. Eine hundertprozentige Sicherheit, dass alle Fälschungen gefunden werden, gebe es allerdings nicht, so Kammerer.

Sobald die Männer auf der Bezahlseite sind, ist es wichtig, dass sie nicht misstrauisch werden, sagt Darius. „Man muss konkrete Treffen ausmachen“, sagt er, „und ein real existierendes Hotel in Deutschland als Treffpunkt nennen.“ In letzter Minute kommt dann etwas dazwischen. Immer und immer wieder. Manche Männer machen das jahrelang mit. Auf den Abzock-Flirtseiten müssen sich die Kunden spezielle Münzen kaufen, um weiter schreiben zu können. Diese gibt es in Paketen verschiedener Größe von S (34, 99 Euro) bis XXL (499,99 Euro). Je mehr Münzen sich der Nutzer kauft, desto mehr Nachrichten kann er schreiben.

Keine Reaktion: Die Opfer schämen sich

Die Männer bezahlen mit dem Handy, einer Kreditkarte oder über eine sogenannte Wert-Karte wie etwa eine Paysafecard. „Diese sind bei den Nutzern beliebt, da sie Anonymität bieten“, sagt Karin Thomas-Martin, Internet-Expertin bei der Verbraucherzentrale in Baden-Württemberg. „Der Kunde kann sie beispielsweise im Supermarkt, an einer Tankstelle oder auch im Internet kaufen.“ Das Problem bei dieser Zahlvariante sei: „Es gibt keine Möglichkeit, das Geld zurückzufordern, wenn dem Nutzer der Schwindel klarwird.“ Die meisten Opfer würden sich aber ohnehin nicht melden. Zu groß sei die Scham, sagt Thomas-Martin. Dagegen erscheint den Opfern der verlorene Geldbetrag gering.

Das führt dazu, dass die Firmen ihr Geschäftsmodell in Ruhe weiterverfolgen können. „Zumal es schwer für die Geschädigten ist, den Betrug zu beweisen“, sagt Matthias Brinkmann, Betreiber von vier Chat-Räumen mit insgesamt 28 000 Nutzern pro Tag. Trotzdem bereitet er gerade zum ersten Mal eine Klage vor. „Der Schaden ist erheblich“, sagt er. „Für die Nutzer und die Portale.“

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