Fledermäuse in Stuttgart So leben die nächtlichen Jäger am Max-Eyth-See

Von Christoph Kutzer 

Galten Fledermäuse früher oft als suspekt, als Krankheitsüberträger oder Gefolge dunkler Mächte, so erfreuen sie sich nun großer Beliebtheit. Auch in Stuttgart leben die Flattermänner.

Stuttgart. - „Drei! Vier! Fünf!“ – begeistert zählen die Besucher der Fledermausnacht am Max-Eyth-See mit, wie viele Vertreter von Pipistrellus pipistrellus Torsten Schmiegel aus seinem Schuhkarton in die Freiheit entlässt. Die 14 Zwergfledermäuse hatten sich in eine Wohnung im Stuttgarter Süden verirrt und wurden von Schmiegel geborgen. „Die meisten werden nun direkt wieder nach Hause gen Innenstadt fliegen“, erklärt der Ansprechpartner der Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz in der Landeshauptstadt. Zur Freude der mehr als hundert Zuschauer flattern die Däumlinge zuvor aber noch ein wenig zwischen den Bäumen am Rande der Aussichtsplattform Mühlhausen umher, um ihren Hunger zu stillen. 1000 bis 2000 Insekten, vorwiegend Mücken, vertilgt jedes der vier Zentimeter messenden Tiere pro Nacht.

So nahe wie bei der Führung im Rahmen der 21. Internationalen Fledermausnacht, kommt man den fliegenden Säugern selten. So erklärt Schmiegel die Anatomie der kleinen Flieger, etwa den Aufbau der Flügel, anhand eines lebendigen Schützlings, den er aufgepäppelt hat. Das Tierchen löst nicht nur bei den vier Vertretern der Gothic-Szene Begeisterung aus, die sich eingefunden haben. „Ist die putzelig“, ruft eine Dame aus. Smartphones werden gezückt. Ein paar Glückliche dürfen mit der Fingerspitze sogar vorsichtig das flauschige Fell streicheln. Irgendwann wird es dem geduldigen Tierchen dann allerdings doch zu bunt. „Jetzt hat sie mich gebissen“, informiert Torsten Schmiegel. Höchste Zeit, den Zwerg in die Freiheit zu entlassen.

Fledermäuse sind beliebt

Galten Fledermäuse früher oft als suspekt, als Krankheitsüberträger oder Gefolge dunkler Mächte, so erfreuen sie sich nun großer Beliebtheit. „Es gibt einen förmlichen Fledermaus-Boom“, erklärt Sonja Lehmann vom Naturschutzbund. „Das hat auch mit dem gewachsenen Interesse an Vampiren zu tun. Statt Vorurteilen überwiegt heute die Faszination.“ Sie wird an diesem Abend durch eine Menge Detailinformationen über die Lebensgewohnheiten der Fledertiere unterfüttert, die bereits seit 50 Millionen Jahren auf die Jagd geht, sobald es Dunkel wird, oder sich an Früchten und Nektar laben. Am Max-Eyth-See sind neben der Zwergfledermaus und ihrer nahen Verwandten, der Rauhaut, auch die Wasserfledermaus und der große Abendsegler unterwegs. Letzteren hätte Schmiegel nur zu gerne länger auf seinem Batdetektor gehabt, der die Ultraschallsignale der Flattermänner für das menschliche Ohr hörbar macht. Jede Art verfügt über eine typische akustische Signatur und eine typische Frequenz. Der Vertreter aus der Familie der Glattnasen bleibt auf Distanz. Die 20 Kilohertz (kHz) des Abendsegler-Rufs flackern nur für Sekunden auf.

Spannende Batnight am See

Torsten Schmiegel garantiert mit seinem reichen Erfahrungsschatz dafür, dass die Zeit wie im Fluge vergeht. So berichtet er vom Masseneinflug in ein zehn Quadratmeter kleines Büro in der Stadtmitte vergangenes Jahr. Weil im Urlaub das Fenster gekippt war, konnten 280 Zwergfledermäuse als Zwischenmieter einziehen. „Da der Raum ohnehin renoviert werden sollte, bekamen wir grünes Licht, alles zu zerlegen“, erinnert sich Schmiegel. „Das war für die Bergung sehr hilfreich.“ Gegen 22 Uhr schlagen die Fledermaus-Detektoren dann noch einmal kräftig aus. 18 kHz. Das ist kein Signal eines nächtlichen Jägers. Es ist der Applaus der Fledermausfreunde für eine spannende Batnight am See.

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