Fledermäuse kontra Bahn Auf Kollisionskurs in Calw

Von Arnold Rieger 

In dem alten Hirsauer Tunnel bei Calw  soll eigentlich eine neue Bahn fahren, doch hier überwintern geschützte Fledermäuse. Foto:  
In dem alten Hirsauer Tunnel bei Calw soll eigentlich eine neue Bahn fahren, doch hier überwintern geschützte Fledermäuse. Foto:  

Natur- gegen Klimaschutz: ein Konflikt, der bei Bahnprojekten alltäglich ist. In Calw schmerzt er besonders, denn die Hermann-Hesse-Bahn kann eine ganze Region voranbringen – oder eben nicht.

Calw - Allzu viel werden die Diebe mit der Lichtschranke nicht anfangen können, die sie kürzlich in einem alten Bahntunnel beim Schwarzwald-Städtchen Calw gestohlen haben. Auch die Ultraschall-Detektoren sind nur etwas für Wissenschaftler, und die Kamera samt Blitz dürfte zerstört sein.

„Die haben das einfach heruntergerissen“, sagt Karl Kugelschafter, ein bundesweit renommierter Fledermaus-Experte aus dem hessischen Lohra. Er hatte die Geräte im Auftrag des Calwer Landratsamts in dem Tunnel montiert, um festzustellen, wie viele Tiere dort ein- und ausfliegen.

Jetzt muss er wohl Ersatz schaffen, denn sein Gutachten wird mit Spannung erwartet. Vom Wohlergehen des Großen Mausohrs, der Zwerg- oder der Bartfledermaus hängt es schließlich ab, ob der östliche Nordschwarzwald per Bahn an den Großraum Stuttgart angeschlossen wird – oder eben nicht. „Dann stirbt die Region langsam ab“, hat kürzlich der Karlsruher Verkehrsexperte Dieter Ludwig orakelt.

Die Strecke der alten Schwarzwaldbahn

Eigentlich ist der Boden hier bestens bereitet für ein Bahn-Revival, denn man kann nahtlos anknüpfen an eine alte Tradition. Bis in die 1980-er Jahre fuhr die württembergische Schwarzwaldbahn in Richtung Stuttgart, und die Infrastruktur ist noch weit gehend vorhanden. Unter dem Namen Hermann-Hesse-Bahn – in Verneigung vor dem großen Sohn Calws – soll der Betrieb bis Renningen demnächst wieder aufleben.

Zahlreiche Kommunen haben sich zusammengerauft, die Landesregierung erteilte ihren Segen, und auch die Zuschüsse werden wohl fließen – wenn nur die Fledermäuse nicht wären. Die kleinen Tiere haben nämlich die jahrelange Ruhe genutzt, um in den beiden Tunneln die Lufthoheit zu erringen.

An die 7000 Exemplare von mindestens elf Arten sollen hier überwintern, so hat man vor Jahren hochgerechnet: „Das ist einer der größten Winterbestände im Land“, sagt der Landeschef des Nabu, André Baumann. Eine genauere Zahl erwartet man sich von Kugelschafters Gutachten.

Eines weiß man allerdings schon jetzt: Egal wie viele Tiere hier überwintern – mit Dieselloks vertragen sie sich nicht. Vor allem im Herbst und Frühjahr, wenn die Fledermäuse schwärmen, kann es zu Zusammenstößen kommen, und das wäre ein Verstoß gegen europäisches Naturschutzrecht.

„Winterruhe“ für die Sauschwänzlebahn

Wie streng die Gerichte dieses auslegen, erlebt seit geraumer Zeit die südbadische Stadt Blumberg: Über die Wintermonate muss die Tourismushochburg ihre berühmte „Sauschwänzlebahn“ im Depot lassen. Erst im September hat das Verwaltungsgericht Freiburg das Wohlergehen von Fledermäusen über die kommunalen Interessen gestellt und den 2014 verhängten Winter-Stopp für die Museumsbahn bestätigt.

Blumberg hat sich daraufhin bei der nächst höheren Instanz beschwert, dem Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Mannheim. Dort machen sich die Richter gerade mit den Ruhegepflogenheiten der Mopsfledermaus vertraut. So heißt nämlich die streng geschützte Art, von der rund 200 Exemplare in den sechs Tunneln der Strecke überwintern. Für diesen April hat der VGH eine Entscheidung angekündigt.

„Wir verfolgen den Fall natürlich gespannt“, sagt Michael Stierle, der im Calwer Landratsamt das Hesse-Bahn-Projekt verantwortet. Er hofft allerdings, dass die Richter eine Museumsbahn anders bewerten als eine Strecke für regelmäßigen Personennahverkehr. Doch seine Äußerung zeigt auch, dass man in Calw eine juristische Auseinandersetzung durchaus ins Kalkül zieht. Denn eine Lösung ist im Nordschwarzwald nicht in Sicht.

Nabu will notfalls klagen

„Jeder Kompromissvorschlag wird doch sofort abgebügelt“, klagt Nabu-Chef Baumann. Damit meint er zum Beispiel die Idee, dass die Züge in den Tunnels ihre Fahrgeschwindigkeit auf 30 km/h drosseln. Auch ein „Schienenersatzverkehr“ könnte die Gefahr von Kollisionen eindämmen – was in der Praxis hieße, dass die Passagiere für einige fledermauskritische Wochen in Busse umsteigen.

In Calw tut man sich schwer mit dieser Lösung, auch wenn Abteilungsleiter Stierle betont, man habe sich noch keinesfalls festgelegt: „Ein Ersatzverkehr wäre der Öffentlichkeit nicht leicht zu vermitteln.“

Dass die Züge einfach abbremsen, funktioniere schon gar nicht, denn das bringe das gesamte Betriebskonzept durcheinander. Die Züge müssten nämlich schon geraume Zeit vor dem Tunnel langsamer fahren, so dass der Zeitpuffer verloren ginge. Stierle: „Wir bräuchten dann ein drittes Fahrzeug, um den Fahrplan einhalten zu können.“ Das wiederum brächte die finanzielle Kalkulation ins Rutschen. Solche Argumente bringen Baumann auf die Palme. Offensichtlich sei die Hesse-Bahn auf Kante genäht – aber „bitte nicht auf Kosten des Naturschutzes“, so der Nabu-Chef. Der Schwesterverband Bund argumentiert ähnlich.

Baumann will jedenfalls bis zum Äußersten gehen und das Projekt anfechten: „Wir lassen uns anwaltlich beraten.“ Im Grunde wäre das tragisch, denn auch die Naturschützer stehen hinter der umweltverträglichen Verbindung. „Die Hermann-Hesse-Bahn ist verkehrspolitisch ein sehr wichtiges und förderwürdiges Projekt“, sagt der Nabu-Chef, „es wäre hervorragend, wenn man die Strecke reaktivieren könnte.“

Suche nach Ausweichquartieren

Wieder einmal stoßen sich also die Interessen von Klima- und Naturschutz hart im Raum. Jeder Windrad-Investor, jeder Vogelschützer kann davon ein Lied singen. Bauherren wie die Deutschen Bahn sind im Umsiedeln von Eidechsen und Käfern inzwischen erfahren.

Gibt es keine Ausweichquartiere für Fledermäuse? In Neubulach, wo Jahrhunderte lang Silber und andere Metalle abgebaut wurden, hat man bereits zwei alte Stollen wieder geöffnet in der Hoffnung, dass die Tiere dort einziehen. Auch ehemalige Eiskeller, Bunker und andere Gewölbe sind willkommen, um den Migranten Unterschlupf zu bieten.

Am Ende müssten die Tiere das aber annehmen, sagen Naturschützer und bezweifeln, ob man sie einfach in neue Höhlen umleiten kann. Das dauere wahrscheinlich Generationen. Die Calwer Feuerwehr hat vergangenes Jahr jedenfalls vergeblich versucht, den Fledermäusen an einem Tunneleingang den Einflug mit grellem Licht zu verleiden. Die Tiere flogen trotzdem.

Neue Lichtschrankentechnik

Fledermaus-Forscher Kugelschafter schließt nicht aus, dass er in Calw am Ende eher mehr als die bisher geschätzten 7000 Tiere zählt. „Oft wird der Bestand völlig unterschätzt, aber bis vor kurzem konnte man das ja nur hochrechnen“, sagt der Biologe. Die neue Lichtschrankentechnik liefere nun jedoch sehr exakte Zahlen – wenn man sie denn lässt.

So waren bei der Kalkberghöhle in Bad Segeberg (Schleswig-Holstein) vor Jahren gerade man 800 Exemplare gezählt worden – bis Kugelschafter, damals noch Mitarbeiter der Universität Gießen, am Ende 27 000 Tiere dokumentierte.

So viele werden es in Calw dann wohl doch nicht sein. Doch schon jetzt gibt es Indizien, dass mehr Arten als bisher angenommen in den beiden alten Bahntunneln hausen. Wie viele und welche, will auch der Landkreis endlich wissen. Deshalb will man nun wohl oder übel die „Überwachung der Überwachung“ organisieren.

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