In so mancher Partnerschaft wird Sex irgendwann eher zur Nebensache – oder findet gar nicht mehr statt. Schlimm? Oder kann eine Beziehung auch ohne Sex erfüllend sein?
Stuttgart - Wie oft ist eigentlich normal? Diese Frage hat sich sicher jeder schon mal gestellt. Doch wie bei so vielem, ist das auch bei diesem heiklen Thema Auslegungssache. Manche Paare schlafen täglich miteinander, andere alle zwei, drei Monate, einige gar nicht. Vor allem, wenn letzteres der Fall ist, spricht man jedoch nicht darüber. Aus Scham.
Zwar gibt es heutzutage in Sachen Sex kaum noch Tabus. Doch keinen zu haben, wird von vielen als Makel empfunden. Weshalb auch die Ergebnisse von Befragungen zur sexuellen Aktivität mit Vorsicht zu genießen sind: Wer gibt schon gern zu, dass er wenig oder gar keinen Sex hat?
Es kommt auf Nähe an
Doch wieso wird es überhaupt als peinlich empfunden, wenn keine heißen Liebesnächte mehr stattfinden und das Bett eher ein Platz zum Lesen, Fernsehen oder Daddeln mit dem Handy gesehen wird? „In unserer Gesellschaft spielt das Thema Sexualität grundsätzlich eine ganz wichtige Rolle“, sagt die Hamburger Psychologin Nele Sehrt. „Und die meisten Menschen glauben, dass eine Beziehung nur mit Sex gut funktionieren kann. Dem ist aber nicht so.“ Eine gute Partnerschaft basiere stattdessen darauf, dass man sich mit dem Gegenüber verbunden fühlt, so die Paar- und Sexualtherapeutin. Intimität beschränkt sich dabei nicht aufs Körperliche, sondern umfasst viele emotionale Ebenen. Zuneigung, Vertrauen, Nähe – darauf kommt es laut Sehrt an. Welche Art von Intimität und wie viel man jeweils davon brauche, lege jeder zunächst für sich selbst fest – und danach beide gemeinsam für die Partnerschaft.
Sex und Liebe sind zweierlei
Ein eingeschlafenes Sexleben bedeutet somit nicht, dass es zwischen den Beteiligten nicht mehr stimmt. Darüber sind sich die Psychologen einig. Sex und Liebe sind eben zweierlei. Viele Paare erleben früher oder später eine Durststrecke – und denken dann, sie machten etwas falsch oder seien die einzigen, denen das passiert. „Dabei ist es am wichtigsten, dass man neugierig auf den anderen bleibt, dass man Interesse aneinander hat, dass man sich wahrnimmt – und das auch zeigt“, erklärt die Therapeutin Sehrt.
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Wenn beide mit den sexuellen Pausen klar kommen, ist die Sache ohnehin nicht problematisch. Schwieriger wird es, wenn die Lust ungleich verteilt ist. In dem Fall müsse man offen miteinander reden – „und frühzeitig“, so Sehrt. Sonst könne es zu tiefen Verletzungen kommen. Erkläre man dem Gegenüber aber die Gründe für die Pause, könne man gemeinsam einen guten Weg finden. „Man muss dabei auch keine Angst haben, dass der einmal ausgesprochene Status quo für immer in Stein gemeißelt ist.“ Menschen seien dynamische Wesen – auch die Lust könne somit kommen und gehen. Dazu solle man ehrlich stehen.
Oft ist Stress die Ursache
Die amerikanische Sex-Therapeutin Shannon Chavez geht ohnehin davon aus, dass ein geruhsameres Sexleben vor allem in langjährigen Partnerschaften eher die Regel als die Ausnahme ist. Und zwar nicht, weil man sich nicht mehr liebt oder nicht zusammenpasst. Fakt ist zwar, dass wir mit zunehmendem Alter weniger Sex haben. „Im Alter werden andere Dinge wichtig. Zwar findet Sexualität seltener statt, dafür haben wir aber gute Chancen, dass die Qualität steigt“, erklärt Sehrt. Denn mit dem Alter werde man auch selbstbewusster: „Und wir lernen, uns zu akzeptieren, wie wir sind.“ Das sei eine wichtige Basis für eine erfüllte Sexualität – unabhängig davon, wie oft sie stattfinde. Denn Lust kann man auch im hohen Alter verspüren.
Es gibt allerdings zahlreiche Gründe, worunter sie leiden kann, selbst in jungen Jahren. Stress spielt dabei häufig eine Rolle, etwa im Beruf. Oder die Kinder, die einem kaum Freiräume lassen. Psychische Probleme, Depressionen etwa oder traumatische Erlebnisse, wirken ebenfalls hemmend, wie auch Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper oder ein Todesfall im Umfeld. Oft liegen die Gründe für eine Sexflaute aber einfach nur in festgefahrenen Alltagsstrukturen, die man durchbrechen könnte – um wieder intimer zu werden.
Auch kuscheln ist erotisch
„Sex bedeutet allerdings nicht unbedingt Penetration“, stellt die Psychologin Sehrt klar. Man könne seine Fantasie spielen lassen. Und: Sich in den Arm zu nehmen, sich zu streicheln, zu küssen, zu kuscheln oder auch nur miteinander zu lachen könne teils viel intimer sein und die Beziehung stärken. „Entscheidend ist, dass wir uns mental und körperlich angenommen fühlen. Gespräche, Interesse aneinander und gemeinsame Ziele sind dabei ebenso entscheidend wie eine lange Umarmung, eine längerer Blick oder auch nur eine zarte Berührung am Handrücken.“
Weniger Sex im Alter
Studie
Zweimal die Woche ist normal? So zumindest die landläufige Meinung. Eine Studie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf vom Herbst 2020 über das Sexualverhalten der Deutschen sagt anderes: Bei der Befragung von 5000 Männern und Frauen kam unter anderem heraus, dass die 18- bis 35-Jährigen etwa fünfmal pro Monat Sex haben, die 36- bis 55-Jährigen etwa viermal – sofern alle ehrlich geantwortet haben.
Alter
Die Forscher haben zudem herausgefunden, dass mit zunehmendem Alter die sexuelle Aktivität zurückgeht – was viele Ältere jedoch nicht davon abhält, auch über digitale Medien Partner zu suchen.