Flashmob in Stuttgart Kontrapunkt zur Gleichgültigkeit in der Gesellschaft

Von Martin Haar 

Jugendliche   im Lokstoff-Stück Revolutionskinder in der Stadtbibliothek Foto: Lokstoff
Jugendliche im Lokstoff-Stück Revolutionskinder in der Stadtbibliothek Foto: Lokstoff

Das Ensemble Lokstoff sucht Jugendliche für Flashmobs im öffentlichen Raum.

Stuttgart - Man stelle sich vor, man sitzt einer rappelvollen Stadtbahn. Gegenüber sitzt ein Banker, der die Aktienkurse auf seinem Smartphone studiert. Weiter vorne im Abteil sitzen Schulkinder, Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder ins Einkaufsvergnügen. Das ganz normale Programm also.

Normal an der Situation ist auch: alle fahren gemeinsam, ohne sich wirklich zu begegnen. Jeder ist bei sich, jeder ist für sich. Keiner hat Interesse am anderen.

Daran ändert sich auch nichts, wenn ältere oder gar Menschen mit Behinderung einsteigen. Gleichgültigkeit ist Trumpf. Und wer nun aufsteht, um seinen Platz anzubieten, gilt beinahe als Sonderling. Irritierte Blicke statt Applaus ist ihm gewiss.

Für das Ensemble Lokstoff ist diese Situation, die täglich tausendmal vorkommen kann, der Ansatzpunkt für ein neues Projekt mit Jugendlichen. Der Titel: #ichsehedich.

Flashmobs sollen aufrütteln

Die Theaterleute, die zumeist im öffentlichen Raum auftreten, fragen sich: Wie gehen wir mit Hilfsbedürftigen in unserer Gesellschaft um? Sehen wir in unserem Alltagstrott die Menschen, die Hilfe brauchen, überhaupt noch? „Wir wollen uns daher gemeinsam mit unserem Jugendensemble diesen Fragen stellen“, sagt Lokstoff-Urgestein Kathrin Hildebrand, „wir planen daher Flashmobs im öffentlichen Raum, um die zufälligen Zuschauer zum Denken und Mitfühlen anzuregen.“ Dabei sollen Begriffe wie Empathie, Respekt, Rücksichtnahme und soziales Miteinander eine zentrale Rolle spielen.

„Unser Ziel bei dem Projekt ist es, so wie bei Revolutionskinder oder Passworte auch, den Menschen in unserer Gesellschaft eine Stimme zu geben, die ansonsten nicht gehört werden“, ergänzt die Lokstoff-Dramaturgin Paulina Mandl, „bei #ichsehedich werden Jugendliche ihre Stimme erheben für blinde und sehbehinderte Menschen.“

Proben beginnen Mitte Februar

Jugendlichen sollen in der Probenphase selbst erarbeiten, um was es ihnen „auf der Bühne“ im öffentlichen Leben gehen wird. „Wir werden bei diesem Projekt viel Recherchearbeit mit den Jugendlichen betreiben. Das bedeutet, dass wir Menschen im öffentlichen Raum und ihren Umgang miteinander beobachten werden, wir werden an Workshops teilnehmen bei welchen erfahrbar gemacht wird was es bedeutet blind zu sein“, erklärt Mandl. Dabei sollen so viel Informationen wie möglich von Experten und Betroffenen gesammelt werden. Mandl: „Uns geht es darum, gemeinsam mit den Jugendlichen herauszufinden, was eine respektvolle und hilfsbereite Gesellschaft ausmacht und was unsere ganz individuelle Aufgabe dabei ist.“

Die sonntäglichen Proben zu #ichsehedich beginnen Mitte Februar. Dazu können sich Jugendliche im Alter zwischen 14 und 20 Jahren per E-Mail (info@lokstoff.com) bewerben. Infos gibt es unter der Telefonnummer 0176/70731817.

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