In dem kleinen Natursee – der einst eine Kläranlage war – des Bffl im Ramsbachtal lässt es sich wunderbar und unbeobachtet nackig planschen. Foto: Peter-Michael Petsch

Freikörperkultur in Stuttgart: Menschen im Adamskostüm und ihr kleines Stückchen vom Paradies.

Stuttgart - Schon immer gab es Menschen, denen Nacktheit ein Dorn im Auge war. So auch vor 80 Jahren dem Berliner Jurist Franz Bracht. Der Beamte untersagte 1932 am Ende der Freibadsaison per Notverordnung nicht nur das „öffentliche Nacktbaden“, sondern auch das „Baden in anstößiger ­Badekleidung“.

Nur noch solche Badeanzüge und -hosen fanden fortan vor dem Gesetz Gnade, welche die Scham in ausreichend züchtigem Maße bedeckten und darüber hinaus, so die Verordnung, mit dem „Zwickel“ versehen waren: einem Textilfetzen, aufzunähen direkt auf die Badekleidung – und zwar genau im männlichen und weiblichen Schritt.

Dabei badeten die Menschen in weiten Teilen Mitteleuropas bis ins 18. Jahrhundert hinein in Flüssen und Seen nackt, wenn auch oft nach Geschlechtern getrennt. Erst im späten 18. Jahrhundert begann die Tabuisierung der öffentlichen Nacktheit.

Doch bereits Bracht wurde zum Gespött seiner Zeitgenossen, und die Freikörperkultur hat so bis heute ihre Anhänger. Auch Elli Beron (59) liebt es, ihre Freizeit zu genießen, ohne dass der Zwickel zwackt. Völlig hüllen- und vor allem zwang- und schamlos sitzt sie am Kaffeetisch in der Anlage des Bunds für freie Lebensgestaltung Stuttgart e. V. (Bffl) in Degerloch und isst ein Stück Käsekuchen. Auch das tut sie vollkommen unbekümmert. „Viele denken, sie können sich doch nicht nackig zeigen, wenn sie ein wenig Speck haben – aber das ist Unsinn. Der fällt im Bikini viel mehr auf, denn das Stück Stoff zwackt dann“, sagt die zweite Vorsitzende des Bffl.

„Bewegung ist uns wichtig – unsere Mitglieder sollen nicht nur faul in den Sonnenstühlen liegen“

Womit wir wieder beim Zwacken wären. Es gibt jedoch freilich noch andere Gründe, die Kleider abzulegen. „Die Freikörperkultur beruht auf dem Gedanken, ein Leben in Harmonie mit der Natur und Umwelt und in freier Bewegung zu führen“, erklärt Beron. Dazu gehöre eben auch, sich dem Zwang der Kleidung zu entledigen. Und das sei heute wichtiger denn je: „Wir stehen alle unter dem Markenzwang – hier im Verein gibt es keine Unterscheidung mehr. Wenn wir die Kleidung ablegen, sind wir alle gleich.“

Mit Beron sitzen vor allem Senioren am Tisch, aber auch eine junge Frau sowie ein Paar mittleren Alters, ein „Neuzugang“ wie Beron sagt. Die Zusammensetzung des Kaffeekränzchens entspricht der Altersstruktur des Bffl, den es bereits seit 1926 gibt, und der somit einer der ältesten – und größten – FKK-Vereine in Deutschland ist. „Der Altersschnitt liegt bei 62 Jahren“, sagt Beron. Das läge vor allem daran, dass Senioren mehr Zeit als Berufstätige haben, um das Angebot des Vereins zu nutzen.

Das vor allem ein großes Sportangebot umfasst. „Bewegung ist uns wichtig – unsere Mitglieder sollen nicht nur faul in den Sonnenstühlen liegen“, so Beron. Oder Kuchen essen. Darum bietet der Verein Bogenschießen, Tischtennis, Gymnastik und Schwimmen an, zudem gibt es einen Boule- und einen Beachvolleyball-Platz. In einigen Disziplinen nehmen die Mitglieder an den deutschen Meisterschaften teil, die bundesweit für alle FKK-Vereine angeboten werden.

Doch auch über den Sport hinaus bietet der Verein Aktivitäten an: Neben zahlreichen Festen wie der Sonnenwendfeier gibt es seit genau vierzig Jahren im Sommer auch immer eine Kulturreise. Fünf Tage geht es mit dem Bus in interessante Städte im­In- und angrenzenden Ausland.

In Deutschland wird der Markt für FKK-Ferien auf etwa zehn Millionen Urlauber jährlich geschätzt

Dieser Ausflug mit dem FKK-Verein ist eine ganz andere Variante als der typische FKK-Urlaub, der aber gleichfalls voll im Trend liegt: In Deutschland wird der Markt für FKK-Ferien auf etwa zehn Millionen Urlauber jährlich geschätzt. Führende Reiseziele sind Frankreich und Kroatien. Allein in Frankreich gibt es über 100 naturistische Feriendörfer und Campingplätze, der jährliche Umsatz erreicht einen dreistelligen ­Millionenbetrag.

Diese Zahlen widersprechen scheinbar den Nachwuchssorgen, die den Bffl umtreiben. Doch nur scheinbar. Vielmehr ist es so, dass es durch die Enttabuisierung für alle FKK-Vereine immer schwieriger wurde, Mitglieder zu werben. 2011 waren noch rund 40.000 Deutsche Mitglied in einem FKK-Verein, zu den Hochzeiten der Bewegung waren es 100.000. „Heute gibt es an vielen Baggerseen FKK-Bereiche, auch viele Bäder bieten an bestimmten Wochentagen textilfreies Schwimmen an – da braucht man den Verein nicht mehr zwingend“, sagt Beron.

Doch das Problem am Baggersee ist – auch wenn der Name nicht daher kommt –, dass man dort gern mal angebaggert wird, besonders wenn man sich als Frau dort ohne Bikini bewegt. Schlimmer noch, auch Spanner legen sich ab und an auf die Lauer, um die nackten Körper zu begutachten.

Davor ist man am See des Bffl gefeit, denn das Gelände, das inmitten des Naturschutzgebiets des Ramsbachtals liegt, ist eingezäunt und vor unerwünschten Blicken geschützt – zumal FKK längst kein Tabu mehr ist und somit an Reiz für Neugierige verloren hat. „Auch im Verein selbst hatten wir seit Jahren kein Problem mehr mit Spannern – wir passen da schon auf, besonders bei männlichen Einzelpersonen, die dem Verein beitreten möchten. Deshalb ist die Mitgliedschaft ein Jahr auf Probe“, sagt Beron.

„Man hatte versäumt, den Namen FKK schützen zu lassen“

Sie erhebt sich vom Kaffeetisch und ­spaziert langsam zu dem kleinen Natursee – der einst eine Kläranlage war. Hier wurde das Abwasser von Degerloch und Hoffeld geklärt. Der Verein hat diese 2005 aus Eigen- und Fördermitteln sowie Spenden in einen Badesee verwandelt, den ein ausgeklügeltes Ökosystem rein hält.

Beron steigt über die Treppe in das 26 Grad Celsius warme Wasser. „Herrlich“, ruft sie. Bereits seit April strömen die Vereinsmitglieder – derzeit 145 Einheiten, also Einzelmitglieder, aber auch Familien – an sonnigen Tagen auf das Gelände, um sich abzukühlen. Sie besitzen alle einen Schlüssel und können zu jeder Tages- und Nachtzeit ­kommen. Ende Oktober endet die Saison.

Als der Bffl das Gelände 1968 pachtete, hatte die Freikörperkultur Kultstatus. Viele Vereine waren auf der Suche nach einem stadtnahen Gelände, die Konkurrenz war groß. Doch dann kamen die 1980er Jahre – und mit ihnen kamen die FKK-Swingerclubs auf. „Man hatte versäumt, den Namen FKK schützen zu lassen“, sagt Beron. So hatten die Vereine lange Zeit mit einem schlechten Image zu kämpfen, die Mitgliederzahl ging zurück. „Der See hat uns viele neue Mitglieder eingebracht, ich schätze, der Zuwachs beträgt bald 200 Prozent“, sagt Beron.

Im Evaskostüm kommt sie aus dem Wasser, duscht und trocknet sich ab. In ihrem Rücken liegt die Liegewiese mit Streuobstbäumen. Jedes Jahr ernten die Mitglieder die Äpfel und lassen Saft machen. Paradiesische Zustände. Da kann man sich sicher sein, dass weder Adam noch Eva den Apfel vom verbotenen Baum essen. Aus dem Paradies will niemand vertrieben werden. Der Zwickel täte gar zu sehr zwacken.

Eine Mitgliedschaft beim Bffl kostet für eine Einzelperson 78, für eine Familie 145 Euro. Informationen unter Telefon: 46 64 10. Der Bffl hat zudem ein Wald- und Wiesengrundstück bei Birkmannsweiler nahe Winnenden sowie einen Familiensportpark auf dem Simonsberg bei Öhringen. www.bffl-stuttgart.de
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