Anja Dinkelacker betreibt Fitnessstudios in Heumaden und Bonlanden. Wegen Corona darf sie nicht öffnen – dafür hat die Kemnaterin wenig Verständnis Foto: Caroline Holowiecki

Während Friseure ab dem 1. März öffnen dürfen, bleiben Fitnessstudios weiter zu. Die Betreiberin von Clubs in Stuttgart-Heumaden und Filderstadt-Bonlanden sagt, dass darunter auch die Gesundheit vieler Bürger leidet.

Heumaden/Bonlanden - Die pinkfarbene Deko suggeriert Lebendigkeit und Power, aber der Raum ist menschenleer. Das Frauen-Fitnessstudio Mrs. Sporty in Heumaden ist zu. Wegen Corona hat die Landesregierung verfügt, dass Sportstudios schließen müssen. Die Inhaberin Anja Dinkelacker steht etwas verloren im großen Raum. Nebenan nutzt ihr Ehemann die Gelegenheit für Renovierungsarbeiten. Es ist ja nichts los. Seit Wochen schon. Die neun Beschäftigten sind in Kurzarbeit. Und eine Perspektive gibt es nicht. „Man schläft auch schlecht. Es geht auf die Psyche“, sagt Anja Dinkelacker.

Die Reserven sind aufgebraucht

Die 44-Jährige aus Kemnat betreibt diesen Sportclub seit zwei Jahren und einen zweiten Club in Bonlanden seit vier Jahren als Franchisenehmerin. Sie spricht von gesunden Unternehmen. Binnen eines Jahres hat sie jedoch nach eigenen Angaben 200 ihrer 600 Mitglieder verloren, „und wir haben nicht die Möglichkeit, wieder neue aufzubauen“.

Zu Jahresbeginn fangen traditionell viele Menschen mit guten Vorsätzen mit Sport an. Diese Klientel kann nicht bedient werden. Gleichzeitig laufen die Kosten weiter – Geräte-Leasinggebühren, Gehälter, Mieten. „Die Reserven sind aufgebraucht“, sagt sie. Sie könne nur auf die Solidarität der verbliebenen Mitglieder hoffen.

Laut dem DSSV, dem Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen, gibt es bundesweit rund 10 000 Sportstudios, in denen etwa elf Millionen Menschen trainieren. Durch Corona seien viele Betreiber in Finanznot geraten, auch, „weil die Gelder nicht ankommen“, klagt Birgit Schwarze, die DSSV-Präsidentin. Sie kann nicht verstehen, warum Sportstudios bei den jüngsten Bund-Länder-Absprachen nicht bedacht wurden. „Was dramatisch ist, ist die Ungerechtigkeit gegenüber Friseuren. Wenn man da zwei Stunden am Kopf rummacht und das mit 30 Minuten Krafttraining vergleicht.“ Seit Wochen versuche der Verband, auf die Politik einzuwirken. Zumal: Aus ihrer Sicht sind viele gesundheitlich auf die Sporteinheiten angewiesen. Tatsächlich steigt im Lockdown durch mangelnde Bewegung und schlechte Ernährung das Gewicht vieler Bürger. „Das ist pures Gift für unsere Volkswirtschaft“, sagt Birgit Schwarze.

Über Handel und Gastro werde diskutiert, über Sport nicht

Diese Meinung teilt Anja Dinkelacker. Die meisten ihrer Kundinnen kämen aus gesundheitlichen Gründen, etwa wegen Herzproblemen, Rückenleiden oder Osteoporose. „Die, bei denen es nur um die Schönheit geht, machen vielleicht 20 Prozent aus.“ Für diese Sportlerinnen sei die Schließung der Studios ein Problem, und auch Alternativen, die Mrs. Sporty anbietet – Online-Kurse, Einzel-Outdoor-Stunden oder Personal Trainings per Zoom –, taugen nicht jedem Mitglied. „Was mich am meisten ärgert, ist, dass die Gesundheit plötzlich gar keine Rolle mehr spielt“, sagt sie. Zumeist werde über den Handel oder die Gastronomie diskutiert, „vom Sport spricht kein Mensch. Wir werden in die Schiene Freizeitbelustigung geschoben“. Sie würde sich eine Gleichstellung mit Physiotherapie und Reha-Sport wünschen. Beides darf laut Corona-Verordnung weiter stattfinden.

Anja Dinkelacker hat sowohl das städtische Ordnungsamt als auch das Staatsministerium angeschrieben, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. „Ich will nicht nur untätig rumsitzen.“ Auch einen Anwalt habe sie kontaktiert. Trotz der Tatsache, dass man beim Sport durch die heftigere Atmung mehr Tröpfchen und diese auch weiter verteilt, könne sie gute Hygienekonzepte vorweisen, auch werde sie sich Luftreinigeranlagen kaufen. Im Herbst hätten in Heumaden auf 150 Quadratmetern maximal zwei Frauen gleichzeitig trainiert. Durch ein Chipsystem werde jeder erfasst. Die Betreiberin betont: „Das hat super funktioniert. Damit wären wir schon total glücklich.“

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