Bei den Bewegungswochen in der Grundschule Michelfeld sind alle Schüler der Klassen eins bis vier auf den Beinen. Foto: privat/Grundschule Michelfeld

Kinder sind unsportlicher und unbeweglicher als noch in den Jahren vor der Pandemie. Die Kinderturnstiftung Baden-Württemberg hat ihren neuen Fitnessbarometer veröffentlicht – mit diesen Ergebnissen.

An dem Tag, an dem die Kinderturnstiftung des Landes Baden-Württemberg verkündet, wie besorgniserregend es um die Fitness der Drei- bis Zehnjährigen steht, sitzt kein Kind der Michelfeld-Grundschule auf seinem Stuhl im Klassenzimmer. Stattdessen toben die rund 140 Schüler auf dem Pausenhof, machen Wasserspiele, klettern um die Wette oder verausgaben sich bei einer Schnitzeljagd. „Wir haben gerade wieder einmal unsere Bewegungswoche“, erklärt der Rektor Eberhard Marstaller. Und in dieser Zeit sind die Kinder angehalten, bloß nicht still zu sitzen.

Eberhard Marstaller ist der Rektor der Grundschule Michelfeld. Foto: Marstaller/Grundschule Michelfeld

Es ist nicht die einzige Aktion der Grundschule im Landkreis Schwäbisch Hall. „Bewegung und Sport ist eines unserer drei Schwerpunktthemen“, sagt der Rektor. Als passionierter Sportler und langjähriger Pädagoge weiß er aus Erfahrung, wie viel konzentrierter Kinder im Unterricht sind, wenn sie sich zuvor körperlich verausgabt haben. Daher wird in der Schule weitestgehend auf Frontalunterricht verzichtet. Stattdessen gibt es viele Lernspiele und Bewegungspausen: „Wenn etwa die Kinder unaufmerksam und zappelig werden, wird der Unterricht unterbrochen – und es geht raus auf den Pausenhof“, sagt Marstaller. Zudem stehen auf dem Lehrplan über das Schuljahr verteilt mindestens vier Wandertage und mehrere Aktionswochen, in denen den Schülern Möglichkeiten der Bewegung nahe gebracht werden.

Es hapert an Kraft und Ausdauer bei den Kindern

Daran hapert es bei vielen anderen Kindern dieser Altersklasse gewaltig: Das aktuell veröffentlichte Fitnessbarometer 2024 der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg belegt, dass die Kinder im Südwesten im Vergleich zu früheren Generationen in puncto Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer deutlich nachgelassen haben. Seit dem ersten Test im Jahr 2012 wurden die Daten von mehr als 37 700 Kindern aus 276 Orten erfasst, das entspricht etwa fünf Prozent der Drei- bis Zehnjährigen im Land.

Aus dem Stand springen – und zwar so weit, wie es der eigenen Körperlänge entspricht. Das war für Kinder vor einigen Jahren noch kein Problem. „Die sprangen oft sogar noch weiter“, sagt der Sportwissenschaftler Klaus Bös vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der zugleich Testautor des Fitnessbarometers ist. Heute überwinden die Zehnjährigen die Distanz von einem Meter und 40 Zentimetern kaum noch. „Schlechter abgeschnitten haben die Kinder auch beim 20-Meter-Sprint und wenn es darum geht, sechs Minuten schnell zu laufen“, sagt Bös. Der Leistungseinbruch zeigt sich signifikant seit der Corona-Pandemie.

Kinder bewegen sich weniger als eine Stunde am Tag

Die Folgen des Lockdowns sind noch lange nicht abgearbeitet: „Ich bin bisher davon ausgegangen, dass wir nach dem Ende der Pandemie nur von einer Corona-Delle sprechen können“, sagt Bös. Doch es zeigt sich mittlerweile auch in anderen Studien, dass die Einschränkungen an Sport und Spiel während der Pandemie schon zu Verhaltensweisen geführt haben, die teils dauerhaft beibehalten werden.

So mahnte schon im Januar das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), dass sich junge Menschen in Deutschland und Europa bereits vor der Pandemie weniger als die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene eine Stunde am Tag sportlich bewegen. Mit Beginn der Pandemie sei die Bewegungszeit noch mal um durchschnittlich rund ein Viertel gesunken. Eine weitere Erkenntnis: Je älter die Kinder wurden, desto weniger bewegten sie sich.

Jüngere Kinder wollen sich gerne bewegen

„Wir müssen dringend darüber nachdenken, wie wir Kinder mehr zu körperlicher Betätigung anregen können“, sagt Bös. Dazu bräuchte es nicht viel: Ein Ball, ein Seil oder ein Klettergerüst könnten schon genügen. Oder ein Baumstamm am Wegesrand – um darüber zu balancieren. „Insbesondere jüngere Kinder wollen sich sehr gerne bewegen“, so der Bewegungsexperte. Wichtig sei, dass sie angeleitet und motiviert werden.

Der Sportwissenschaftler Klaus Bös ist Testautor des Fitnessbarometers. Foto: Lichtgut/Max /Kovalenko

Es hapert an den Gelegenheiten: etwa weil sich in Städten nicht genügend Plätze zum freien Spielen eignen oder weil den Kindern nicht gut genug vermittelt wird, wie wichtig körperliche Bewegung für die eigene Entwicklung ist. Der Alltag hat sich zudem verdichtet, Eltern fehlt oft die Zeit, nachmittags nach Kindergarten, Schule und Arbeit mit dem Nachwuchs nochmals rauszugehen.

Anteil der fettleibigen Kinder steigt

Rein statistisch gesehen, achten Familien mit einem höheren Bildungsniveau mehr darauf, dass ihre Kinder sich bewegen – sei es in der Schule oder im Sportverein. In Schulen wiederum, so stellen die Autoren des Fitnessbarometers fest, werde weiter mehr Wert auf kognitive Leistungen gelegt statt auf Sport.

„Unsere Kinder sitzen sich schon in der Grundschule krank“, warnt etwa Thomas Kauth, niedergelassener Kinder- und Jugendarzt aus Ludwigsburg, der an dem aktuellen Fitnessbarometer mitgearbeitet hat. Der Mediziner hat seinen Fokus auf Sport- und Ernährungsmedizin gerichtet und weiß: „Die Bewegung nimmt durch das ständige Sitzen, Lesen und Lernen deutlich ab.“ Die Zahl der Kinder, die in dieser Altersklasse schon mit Übergewicht oder gar Adipositas zu kämpfen haben, steigt. Dieser „Gewichtssprung“ sei alarmierend.

Kinder lernen besser, wenn sie sich bewegen

Dabei ist es eine wissenschaftliche Binsenweisheit, dass Kinder besser lernen können, wenn sie sich bewegen: Dabei werden motorische Zentren im Gehirn aktiviert, die auch bei der Informationsverarbeitung und Speicherung wichtig sind. Entdecken Kinder zudem schon früh die Lust an der Bewegung und wird diese gefördert, bewahren sie sich diese auch bis ins Erwachsenenalter, sagt Bös. Das ist eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes Leben.

Politik lässt mit Hilfen auf sich warten

Bislang hat sich die Politik bei diesem Thema noch stark zurückgehalten: Zwar hat es 2022 einen von der Bundesregierung initiierten nationalen Bewegungsgipfel gegeben. Doch vielmehr als eine Beteuerung, man wolle Ideen sammeln, wie man Kinder zu mehr Freude an der Bewegung motivieren kann, sei daraus nicht entstanden, bemängelt Bös. Dabei hat auch der Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) angekündigt, angesichts der steigenden Zahl übergewichtiger Kinder infolge der Pandemie den Sportunterricht und die Arbeit von Sportvereinen stärker zu fördern.

Von den Schulen ist daher an vielen Stellen Eigeninitiative gefragt – so wie in Michelfeld: Dort hat sich der Schulleiter Marstaller beispielsweise mit dem Bürgermeister der Gemeinde, den Kirchen und den Sportvereinen zusammengesetzt. „Wir haben das Glück, dass unser Bewegungskonzept von der gesamten Gemeinde mitgetragen und mitgestaltet wird“, sagt Marstaller. Jeder macht mit. So wird Bewegung nicht nur im Schulalltag selbstverständlich.

So wird die Fitness gemessen

Fitnessbarometer
 Beim Fitness-Check der Kinderturnstiftung gibt es einen Motoriktest – wie das 20-Meter-Rennen, das Springen aus dem Stand oder die Rumpfbeuge, bei der die Kinder ihren Oberkörper so weit wie möglich nach unten beugen. Zudem wird danach geschaut, ob sie rückwärts balancieren können oder wie schnell und andauernd sie seitlich hin und her springen können. Liegestütze, Sit-ups und ein Sechs-Minuten-Lauf sollten für Grundschüler zu schaffen sein.

Bewegung
 Im Kindergartenalter sollten sich Kinder 180 Minuten am Tag mindestens bewegen – und zwar im Alltag, in der Freizeit und bei Angeboten wie dem Kinderturnen. Im Grundschulalter sollten am Tag 60 Minuten Bewegung im Alltag abgedeckt werden, weitere 30 Minuten durch Spielen in der Freizeit oder in Angeboten wie dem Vereinssport. Alle Altersgruppen sollten sich zusätzlich zwei- bis dreimal die Woche sportlich betätigen – etwa bei einer Fahrradtour.  Wie Eltern mit ihren Kindern sportlich aktiv sein können, zeigt die Kinderturnstiftung im Netz: www.kinderturnstiftung-bw.de/bewegungsideen/