Elfriede Scheurle im Gespräch mit Kilian Rapp, Ärztlicher Leiter am Robert Bosch Krankenhaus und Leiter der Forschungsabteilung Geriatrie Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut

Nach der Reha fit bleiben, lautet das Ziel der Seniorin Elfriede Scheurle. Dafür braucht es eine gute Nachsorge. Wie Stuttgarter Ärzte versuchen, dies zu ermöglichen.

Elfriede Scheurle traf der Schlag – und sie hat es nicht einmal bemerkt. „Mir rutschte die Handtasche vom Arm als ich auf der Rolltreppe im Breuninger unterwegs war – das war alles“, erinnert sich die 75-Jährige an den schicksalhaften Samstag im September. Erst drei Tage später, als sie ohnehin zur Dialyse musste, bemerkte eine Ärztin die Muskelschwäche im linken Arm und schickte sie mit Verdacht auf einen Schlaganfall in die Klinik.

 

Elfriede Scheurle hatte Glück im Unglück: Der Schlaganfall hatte sich lediglich auf die Motorik ihres linken Arms und der Hand ausgewirkt. Dennoch gilt es jetzt die Schädigung so gering wie möglich zu halten: „Ich brauche die Kraft meiner Hände, um meinen Mann, den Haushalt und mich zu versorgen“, sagt die Seniorin. Seit dem Vorfall musste sie alles mit der rechten Hand erledigen – was ungeheuer schwierig sei: „Das kann jeder nachfühlen, der versucht hat, sich schon mal einhändig anzuziehen“, sagt sie.

Nach einem Schlaganfall muss die Motorik neu trainiert werden. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Reha: Schnell zurück nach Hause – das ist das Ziel aller Patienten

Gerade ist sie Patientin in der Reha-Klinik des Robert Bosch Krankenhauses Standort City an der Hohenheimer Straße, um die Muskulatur von der Schulter bis hin zu den Fingerspitzen zu kräftigen. Wenn sie nicht gerade mit Physiotherapeuten an Geräten trainiert, sitzt sie in ihrem großen Lehnstuhl am Fenster – mit Blick über die Dächer Stuttgarts – und knetet behutsam ein weiches Tuch. Zu Beginn der Reha, so erzählt sie, habe sie die Finger kaum zu einer Faust schließen können. Nun gelinge ihr das schon viel besser. Gewissenhaft führt sie auch in den Pausen ihres Therapieprogramms alle Übungen aus: „Ich will doch schließlich so lange wie möglich mit meinem Mann zuhause leben.“

Zurück in den Alltag in die eigenen vier Wände – so lautet der Wunsch der meisten Menschen, die eine orthopädische Rehabilitation erhalten, bestätigt Kilian Rapp, der Leiter der Klinik für Geriatrische Rehabilitation. In dieser hilft sein Team älteren Menschen wie auch Elfriede Scheurle wieder auf die Beine zu kommen. Gleichzeitig gelte es das Gesundheitsbewusstsein der Patienten zu stärken: „Es liegt an ihnen, dass sie auch nach dem Aufenthalt der Reha an ihrem Trainingsplan festhalten und die Verhaltensänderungen im Alltag etablieren“, sagt Rapp.

Gezielte Aktivität ist vor allem im Alter wichtig

Es gibt tatsächlich kaum wissenschaftliche Untersuchungen darüber, wie gut die Nachsorge von Reha-Patienten gelingen kann. Nach Erfahrung von Experten wie Rapp nimmt die Motivation für das selbstständige Training nach dem Klinikaufenthalt ab. „Man verfällt schnell wieder in seinen Alltag“, sagt Rapp. Doch genau das gilt es zu verhindern: Muskelkraft und Balance nehmen ab, wenn das Bewegungssystem nicht durch gezielte Aktivitäten stimuliert wird. „Das ist vor allem im Alter ein großes Problem“, sagt Rapp.

Um einen nachhaltigen Effekt zu erzielen und die Systeme zu entlasten, haben sich in anderen Bereichen der Reha schon jetzt digitale und smarte Methoden durchgesetzt – so zum Beispiel auch in der orthopädischen Reha. In einigen Kliniken kommt etwa die telemedizinische Plattform Capsar Health zum Einsatz: Aufgrund der medizinischen Unterlagen der Reha-Klinik erstellt ein Team aus Ärzten, Physio-, Ergo- und Psychotherapeuten einen individuellen Trainingsplan, den der Patient zuhause am Tablet oder am Smartphone weiterverfolgen kann. Gleichzeitig gibt es einen regelmäßigen Austausch per Videotelefonie. Das Programm wird von der Deutschen Rentenversicherung und auch von einigen gesetzlichen Krankenkassen unterstützt.

Nach der Reha: Per Smartphone zuhause trainieren

Ein ähnliches Projekt ist nun auch in der geriatrischen Reha beim Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart in Erprobung: Auch hier geht es darum, mittels Telemedizin und einem Tablet den Übergang von der stationären Reha in den Alltag zuhause zu erleichtern. In einem zwölf Wochen dauernden Programm können betagte Patienten direkt nach ihrer Entlassung Übungen aus den Bereichen Ausdauer, Gleichgewicht und Kraft zu Hause durchführen – angeleitet werden sie dabei von Fachpersonal.

Die Studie namens GeRas – für „Geriatrische Rehabilitationserfolge nachhaltig sichern“ – läuft seit Herbst 2022 sowohl im RBK als auch an zwei weiteren Standorten in Heidelberg und Karlsruhe. Die ersten Ergebnisse werden noch vor Jahresende erwartet.

Mehr Einsatz von Sportvereinen in der Reha

Grundsätzlich sieht Kilian Rapp solche Entwicklungen sehr positiv. Denn der Bedarf der Reha – besonders im orthopädischen und auch geriatrischem Bereich – werde steigen. Dennoch werden diese digitalen und telemedizinischen Angebote nicht für jeden Patienten geeignet sein: „Sei es, weil es gerade hier bei uns im ländlichen Raum noch immer an einer gut ausgebauten Internetverbindung fehlt“, sagt er. Teils scheitere es aber auch daran, dass viele Ältere noch nicht so firm im Umgang mit digitalen Geräten sind.

Weshalb Rapp und sein Team auf einen weiteren Ansatz der Reha-Nachsorge setzen wollen: „Wir versuchen uns besser mit kommunalen Strukturen wie Sportvereinen zu vernetzen“, sagt Rapp. So biete etwa der Sportverein Feuerbach im RBK schon Reha-Sport an. „Die Idee ist, dass die Patienten auch nach der Reha im Vereinssport aktiv und somit auch fit bleiben“, sagt Rapp.

Auch Elfriede Scheurle macht sich schon Gedanken, wie es nach ihrem Klinikaufenthalt weiter gehen soll: „Ich will so schnell wie möglich nach Hause zu meinem Mann“, sagt sie. Doch für die 75-Jährige wird es wohl erst noch in die Tagesklinik gehen – um die Stuttgarterin ganzheitlich auf die Herausforderungen im Alltag vorzubereiten.

Telemedizin als Stütze für die orthopädische Reha

Bedarf
Etwa eine halbe Million Menschen in Deutschland nehmen jedes Jahr eine Reha-Maßnahme infolge einer orthopädischen Erkrankung in Anspruch. Der Bedarf wird weiter steigen. Ein Grund sind die kürzer gewordenen Verweildauern im Krankenhaus, heißt es beim Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2025 in Berlin.

Telemedizin
Der Kongresspräsident Stefan Middeldorf setzt sich für einen breiten Einsatzes digitaler und smarter Methoden insbesondere in der Reha-Nachsorge ein: „Telemedizinische Angebote und Bewegungs-Apps können unterstützend wirken, ersetzen aber nicht das, was wir heute im Rahmen der ambulanten und stationären Rehabilitation anbieten“, sagt er. Ideal sei es, wenn im Rahmen der stationären oder ambulanten Rehabilitation entsprechende Übungen über Telemedizin angebahnt werden, eingeübt werden, die im Weiteren dann zu Hause fortgesetzt werden.

Vorteile
Apps und digitale Programme helfen den Patienten, sie an die Übungen zu erinnern, zählen Wiederholungen und können auch durch Feedback motivieren. „Wenn es eine Verbindung über Video oder Sensoren gibt, kann eine kontinuierliche Betreuung zu Hause auch mit Kontrolle erfolgen“, sagt Stefan Middeldorf, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie aus Bad Staffelstein. Eine weitere Erleichterung ist, dass Fahrzeiten zu den entsprechenden Einrichtungen wegfallen.

Einsatz
Inzwischen sind verschiedene digitale Helfer im Einsatz – etwa Training-Apps mit Videoanleitungen sowie sensorbasierte Systeme (Wearables) die Bewegungen und Winkel messen. Auch gibt es Tele-Reha-Plattformen für Videosprechstunden mit Physiotherapeuten.