Tote Fische liegen am Uferrand des Max-Eyth-Sees. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es ist nicht das erste Mal, dass Fische im Max-Eyth-See sterben. 50 000 Fische sind in der vergangenen Woche verendet. Wie es dazu kommen konnte, welche Akteure beteiligt waren und vieles mehr.

Stuttgart - Die Situation am Max-Eyth-See ist ernster gewesen denn je. Die Stadt hat am Freitag Entwarnung gegeben – die Sauerstoffwerte haben sich wieder verbessert. Trotzdem sind rund 50 000 Fische tot. Betrachtet man die aktuelle Lage, tun sich einige Fragen auf.

Warum war die Lage so ernst?

Durch den Blaualgenalarm im August bekamen die Pflanzen im See kein Licht mehr ab, wodurch sie starben und zum Boden absanken, so Peter Maurer vom Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft und Wasserrecycling der Universität Stuttgart. Der Experte erklärt weiter: Am Boden werden diese Pflanzen von Bakterien zerlegt, die dabei Sauerstoff verbrauchen. So wird im See mehr Sauerstoff verbraucht, als über die Wasseroberfläche hineingelangt. Zudem können hohe Temperaturen zum Kippen des Sees beitragen, weil sie das Wachstum von Algen fördern und dafür sorgen, dass der Sauerstoffgehalt abnimmt, sagt er. Außerdem senken sie den Wasserstand. Da ein flacher See wie der Max-Eyth-See sich schneller erwärmt, entsteht ein Teufelskreis.

Macht die Renaturierung etwas aus?

Vor einigen Jahren hat die Stadt bei einer Renaturierung eine Flachwasserzone mit Wasserpflanzen eingerichtet. Die Pflanzen nehmen Nährstoffe im See auf und produzieren Sauerstoff. An sich sei das eine gute Maßnahme, sagt Maurer. Hans-Hermann Schock, Vorsitzender des Württembergischen Anglervereins (WAV), gibt zu bedenken, dass die Pflanzen nicht unterhalb, sondern oberhalb der Wasseroberfläche leben. Deshalb filtern sie kaum Nährstoffe aus dem See und geben keinen Sauerstoff hinein. Für ihn ist die Aktion missglückt.

Welche Rolle spielt der Boden?

Dass im Max-Eyth-See früher Kies gewaschen wurde, lässt die Frage aufkommen, ob der Schlamm im See zur Situation beigetragen haben könnte. In Maurers Augen sind Giftstoffe durch die Industrie auf jeden Fall im Neckarschlamm vorhanden. Ob durch den Kontakt zum Max-Eyth-See auch dort Giftstoffe im Schlamm sein könnten, müsse man messen. WAV-Vorstand Schock geht davon aus, dass der Schlamm nicht das Problem war.

Sind andere Seen auch gefährdet?

„Immer, wenn der Nährstoffeintrag größer ist als die Entnahme, ist ein See gefährdet“, sagt Peter Maurer. Hans-Hermann Schock sieht die Situation für die anderen vom WAV gepachteten Seen – wie etwa den Bärensee – nicht für gefährdet, weil sie tiefer sind. Die Stadt Stuttgart hat die Seen im Blick und misst regelmäßig die Werte. Aktuell seien sie stabil.

Was hat die Stadt bisher getan?

Die Stadt Stuttgart hat das Technische Hilfswerk alarmiert, das seit dem Wochenende Seewasser umwälzt. Außerdem habe das Tiefbauamt in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass die Wasserqualität besser wird, so die Information der Stadt. Da der See keine eigene Frischwasserzufuhr hat, habe man eine geschaffen. Ebenso habe man den Zufluss von Neckarwasser gestoppt, in dem sich wegen seinem hohen Nährstoffgehalt mehr Algen bilden können. Außerdem sei 2016 ein sogenanntes Fällmittel zugeführt worden, um den Nährstoffgehalt zu reduzieren.

Was fordern die Parteien?

Die CDU Mühlhausen forderte, im Bedrohungsfall von Fischen und Vögeln schnell wirksame Verhütungsmaßnahmen aufzuführen. Die FDP-Gemeinderatsfraktion beantragte, die Idee einer Anbindung des Sees zum Neckar zu prüfen. Hans-Hermann Schock hält dies für möglich, immerhin habe das den See vor einigen Jahren vor dem Fischsterben gerettet. Peter Maurer findet die Idee nicht sinnvoll: Der Neckar sei selbst so nährstoffreich, dass er den See nicht verdünnen könne. Die Grünen im Gemeinderat forderten ein Frühwarnsystem. Schock erklärte dazu: „Wir haben am Anfang schnell reagiert und gedacht, dass wir die Sache in den Griff bekommen. Aber bei manchen Dingen ist der Mensch machtlos.“ Ob ein Frühwarnsystem helfen könnte, ist deshalb fraglich.

Was kostet der Einsatz?

Der WAV hat für die Rettung des Sees Equipment für circa 23 000 Euro besorgt. Er bekomme knapp 10 000 Euro von der Fischereiabgabe zurück – die aus der Tasche der baden-württembergischen Angler kommt. „Für die Freiwilligen, die bei der Bergung der Fische halfen, konnte ich mit der Stadt einen Stundenlohn aushandeln“, sagt Schock. Was der THW-Einsatz kostet, konnte die Stadt noch nicht sagen.

Was passiert jetzt?

Der Anglerverein muss durch seine Hegepflicht den Fischbestand pflegen. In diesem Jahr müsste man dafür Fische kaufen und neu ansiedeln. Allerdings hält Schock es angesichts des aktuellen Zustands nicht für vertretbar, Fische dort anzusiedeln, wenn der See im nächsten Jahr vielleicht wieder kippt. Deshalb hat er vor, die Hegepflicht auszusetzen. Die toten Fische holt die Tierkörperverwertung ab. Vielleicht kommen sie dann in die Biogasanlage oder werden zu Tierfutter verarbeitet, sagt er.

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