Der Fischotter breitet sich allmählich wieder im Land aus. Aber nicht alle freuen sich über seine Rückkehr.
Unter einer Autobahnbrücke, irgendwo im Quellgebiet der Donau, kauert Christian Haas und kratzt Kot von einem Stein. Er zerreibt ein Stück zwischen den Fingern. „Das ist noch frisch“, murmelt Haas. Winzige Schuppen und Fischgräten kommen zum Vorschein, während er den Rest des Kots in ein Reagenzglas füllt. „Definitiv von einem Fischotter.“
Der Fischotter (Lutra Lutra) sieht aus wie ein flauschiger Dackel mit Knopfaugen und Schnurrbart. Er frisst bis zu 1,5 Kilogramm Fisch am Tag. Irgendwo muss das wieder raus: meist auf großen Steinen unter Brücken. Gut sichtbar und vor Regen geschützt – so markiert er sein Revier.
Christian Haas schüttelt das braune Gemisch aus einer Konservierungsflüssigkeit und Otterkot so stolz, als hätte er Gold aus der Donau gesiebt. Sein Fund kann nur eines bedeuten: Der Fischotter ist wieder da. Für Haas heißt das: Vielleicht kann die Donau – der Fluss, an dem er aufgewachsen ist und als Kind mit seinem Vater gefischt hat – doch noch gerettet werden. Für den Fischotter heißt das: Er hat sich genau den richtigen Ort ausgesucht, um Fische zu fangen. Denn Christian Haas ist keiner dieser Angler aus Bayern oder Thüringen, die den Fischotter am liebsten wieder ins Jagdgesetz aufnehmen würden. Nein, Christian Haas ist anders: Der Fischotter und er, sie sind Freunde.
Auf der Spur des Otters
Der VW Transporter ruckelt über den Feldweg, zwei Rotmilane kreisen über dem Auto. Vor ihm fahren Paul Haug, 70, und Werner Matthes, 67, in ihren eigenen Wagen. Haug fehlt der halbe Daumen an seiner rechten Hand, als Kind geriet er in eine Maschine. Matthes fehlt die Kuppe des linken Zeigefingers, sie kam einer Holzsäge in die Quere. Die beiden Männer helfen Haas bei der Suche nach Spuren des Otters.
Rechts von Feldweg fließt die Donau, sie schlängelt sich in Mäandern durch die Landschaft. An ihren Ufern gedeihen saftige Wiesen, auf denen Störche herumstaksen und Damwild weidet. Am Rande des hier noch schmalen Flüsschens steht dichtes Schilf, eine wichtige Zwischenstation für Zugvögel auf ihrem Weg in den Süden. Ornithologen aus ganz Baden-Württemberg kommen, um die Vögel zu beobachten.
Wie schlecht es der Donau eigentlich geht, ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen. In Wahrheit sei der Fluss nur noch ein sich bewegender Kanal, sagt Haas. Jeder Mäander sei mit Wasserbausteinen fixiert, Totholz werde entfernt, obwohl es für das Ökosystem wichtig wäre, und die Rückstände von Gülle und Stickstoff aus der Landwirtschaft belasten den Fluss zusätzlich. Folge: die Fischbestände gehen seit Jahrzehnten zurück. Äsche, Nase oder Barbe könnten schon bald aus der Donau verschwunden sein. Zährte, Zingel oder Schrätzer sind es bereits.
Der Fischotter verschwand in Baden-Württemberg schon vor knapp 100 Jahren. In den Annalen des Anglervereins Villingen, dem Christian Haas vorsteht, wurde er zuletzt in den 1930er Jahren erwähnt. Zwei Gründe gab es für sein Verschwinden: Der Mensch wollte seinen Pelz. Also jagte er das Tier, dessen Haare, wie bei einem Reißverschluss, durch mikroskopisch kleine, ineinander greifende Keile und Rillen miteinander verzahnt sind.
Und der Mensch war leichtsinnig: Er setzte Pestizide und organische Chlorverbindungen ein, beides machte den Fischotter unfruchtbar. 2001 wurde PCB verboten. Heute ist der Otter wieder da. Woher er kommt und wie er den weiten Weg aus seinem Ursprungsgebiet her geschafft hat, ist unklar. Fischotter legen keine weiten Strecken zurück. Die nächste bekannte Population lebt in Bayern. Fest steht: Solange ein Otter in einem Revier überleben kann, gibt es genug Fische. Und solange geht es dem Gewässer einigermaßen gut. Davon will Haas die Angler in seinem Verein überzeugen.
Regelmäßig suchen das Otter-Kommando die Brücken nach Kot ab. Die Proben schicken sie in ein Labor, das die Herkunft des Fischotters bestimmt. Sie stellen Fotofallen auf. Sie haben ein regelrechtes Ottermonitoring aufgebaut. Haas sagt: „Die Stammtischparolen aus Bayern helfen keinem weiter.“
Schöner Kot
Seine Naturliebe komme von seinem Vater, sagt Christian Haas. Mit ihm sei er als Kind jede Woche angeln gegangen. Stundenlang starrten Vater und Sohn ins Wasser und staunten über die Vielfalt im Uferdickicht. Für ihn war der Weg deshalb immer klar: Studium der Umweltschutztechnik mit Schwerpunkt Gewässerökologie, dann ein Forschungsaufenthalt in Norwegen. Heute untersucht er Gewässer für deutsche Behörden und Universitäten.
Ein Storchenpaar fliegt verschreckt davon, als sich der VW-Transporter rumpelnd nähert. „Hier sind zwei“, ruft Werner Matthes. Haas klettert auf großen, glitschigen Steinen seitlich unter die Holzbrücke. Tatsächlich: zwei längliche, braune Linien. Haas stochert mit einem Stock in der ersten Losung herum. „Zu alt“, sagt er. Die Probe darf nicht älter als einen Tag sein, sonst kann das Labor sie nicht verwenden. Aber die zweite ist gut. „Schön schleimig“, sagt Haas, während er den Kotstreifen bis auf den letzten Rest abschabt. „Das gibt eine gute Probe.“
Ein offizielles Monitoring des Fischotters durch die Behörden gibt es in Baden-Württemberg nicht. Die Behörden, glaubt Haas, seien zu sehr mit Wolf und Biber beschäftigt. Die Rückkehr der Wildnis ist eine bürokratische Angelegenheit.
In Bayern ist das anders. Hier ist der Fischotter längst zum Politikum geworden. Es gibt einen offiziellen Fischottermanager und vier Fischotterberater. Fischer und Teichwirte klagen, dass der Otter ihnen die Fische wegfrisst. Und die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) kündigt in Interviews an, gegen Gerichtsurteile zum Schutz des Fischotters vorgehen zu wollen.
Maria Schmalz aus Thüringen kennt das Wehklagen. Sie ist Biologin und hat sich so ausführlich mit dem Fischotter beschäftigt wie nur wenige. Am Telefon klingt sie gestresst, denn am Abend zuvor hat sie eine Infoveranstaltung über den Fischotter in Thüringen moderiert. „Da ging es heiß her“, sagt Schmalz. Es stimme zwar, dass vor allem Besitzer von kleineren Teichen unter dem Fischotter leiden. Aber mit Zäunen ließen sich die Schäden gut begrenzen. Der Mensch müsse sich daran gewöhnen, seine Fische mit mehr Aufwand zu schützen.
Es sei kein Konflikt zwischen Otter und Mensch, sondern zwischen verschiedenen menschlichen Interessengruppen. Deshalb bewundere sie, wie Christian Haas vorgehe. Dass er den Diskurs von Anfang an auf eine wissenschaftliche Ebene hebt, dass er Stammtischparolen keine Chance gebe. „Wären unsere Flüsse und Seen in einem guten Zustand“, sagt Schmalz, „würde jeder Räuber, egal ob Mensch oder Tier, locker verkraftet werden.“
Der Donau geht es nicht gut
Sind sie aber nicht. Eine Studie zur Gewässerökologie in Baden-Württemberg bescheinigt der Donau einen schlechten Zustand. Verbauung, Begradigung, Landwirtschaft: Alles setzt dem Fluss zu. Die europäische Wasserrahmenrichtlinie schreibt vor, dass die Donau bis 2027 wieder in einen guten Zustand gebracht werden muss.
Die ersten Schritte sind getan: Im Sommer 2022 präsentierte die baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker die Ergebnisse des Projekts „Revitalisierung Donauursprung“. Einige Flussbauwerke wurden entfernt, Stege und Aussichtsplattformen geschaffen. Die internationale Staatengemeinschaft sei nicht nur bei der Energieversorgung miteinander verbunden, sondern auch bei der Qualität ihrer Gewässer, sagte Walker in ihrer Rede.
Doch so einfach ist das nicht. Flussbauwerke wie Wehre oder Dämme können oft nicht einfach wieder zurückgebaut werden. Es muss erst berechnet werden, wie sich die Flüsse ihren neuen Weg bahnen. Sonst könnten Siedlungen durch Überschwemmungen in Gefahr geraten.
Christian Haas ist überzeugt, dass die Donau bis 2027 nicht in den erwünschten „guten Zustand“ gebracht werden kann. Für solch weitreichende Veränderungen fehle das Bewusstsein in der Bevölkerung. „Fische sind glitschig und schreien nicht einmal, wenn sie sterben“, sagt er und parkt sein Auto auf einer großen Wiese. „Für den Normalbürger sind Fische unsexy.“
Dritte Brücke, dritte Losung. Heute ist ein Glückstag. Haas hält triumphierend ein Stück Fischotterkot in die Luft, dann unter seine Nase. Es riecht nach Orangenblüten. Oder nach Veilchen. Auf jeden Fall blumig und angenehm, mit einem Hauch von Fisch. Das komme von der Nahrung: Der Fischotter ist ein Opportunist, er frisst Frösche, Fische, Krebse, Muscheln, Wasservögel – ziemlich alles, was er kriegen kann. Das sorgt für ein natürliches Gleichgewicht. Gibt es von einer Art zu viel, frisst der Otter sie einfach klein.
Haug und Matthes stehen links und rechts von Haas, die Hände in der Outdoor-Jacke, und schauen ihm zu, als würde er eine Mutprobe bestehen. Haas schließt den Deckel der letzten Probe. „Da war doch einiges dabei, oder?“, fragt Haas. Haug nickt, Matthes murmelt etwas Unverständliches.
Noch mehr Hitzesommer sind lebensgefährlich für den Otter
Die Proben landen bei Berardino Cocchiararo von der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung. Er untersucht die Otter-DNA und vergleicht sie mit Proben aus Frankreich, Tschechien, Österreich. Die Ergebnisse werden alle überraschen: Es ist nicht nur ein Otter, es sind vier. Sie sind eng miteinander verwandt und stammen aus derselben Population aus Bayern. Das ist doch mal eine gute Nachricht.
Gesichert sei das Überleben der Art keineswegs. „Wenn wir noch mehr Hitzesommer haben, kann es sein, dass der Fischotter in den nächsten Jahren verhungert“, sagt Haas. Und mit ihm wahrscheinlich auch andere Fische. Das Ökosystem eines Fließgewässers ist wie ein Jenga-Turm: Er verträgt es nicht, wenn man ein paar Steine wegnimmt. So wird das Verschwinden der Äsche nicht den Tod der Donau bedeuten. Aber vielleicht verschwindet mit ihr ein Fisch, der das Algenwachstum in Grenzen hält. Oder den unzähligen Insektenlarven und Kleinstlebewesen am Gewässergrund Nahrung bietet. Irgendwann wird ein Stein zu viel entfernt. Dann bricht der Turm zusammen.