Feuerwehr und THW pumpen bei Eberbach Sauerstoff in den Fluss Foto: dpa

Die Umweltkatastrophe an der Jagst ist dramatischer als zunächst angenommen. Die Behörden werten den Fluss als eines der ökologisch wertvollsten Gewässer im Land. Umweltverbände fordern, Gefahrenstoffe in der Nähe von Gewässern strikt zu verbieten.

Stuttgart - Fachleute beim Landratsamt Schwäbisch Hall schätzen die Menge der seit Sonntag verendeten Fische inzwischen auf acht Tonnen. Und es werden noch mehr: Das nach einem Brand mit Düngemitteln verseuchte Löschwasser ist inzwischen im Hohenlohekreis angekommen und fließt Richtung Neckar. Umweltminister Franz Untersteller und Naturschutzminister Alexander Bonde machen sich an diesem Freitag in Krautheim selbst ein Bild.

Kai Baudis, Stellvertretender Vorsitzender des BUND Baden-Württemberg, fordert Konsequenzen aus dem Chemieunfall in der Nacht zum Sonntag: „Es gibt eine klare Lehre aus diesem Unfall. Mineraldünger – in diesem Fall Quelle des Ammoniumnitrats – sowie auch Gülle, Pestizide und andere Chemikalien dürfen nicht in Gewässernähe gelagert werden. Einmal ins Wasser gelangt, lässt sich das Gift kaum aufhalten, verteilt sich über viele Kilometer und entfaltet seine tödliche Wirkung. So praktisch ein Handel an Mühlenstandorten für landwirtschaftliche Betriebe sein mag – der Gewässerschutz muss Vorrang haben. “

Der Nabu-Landesvorsitzende Andre Baumann hat den Eindruck, dass die Behörden „insbesondere zu Beginn der Gewässerkatastrophe überfordert waren: Weil lange unklar war, welche Maßnahmen die richtigen sind, ging wertvolle Zeit verloren.“ Zweifel hat auch der Vorsitzende des Landesnaturschutzverbands (LNV), Gerhard Bronner: „Wir stellen die Frage, ob man sich bei Katastrophen- und Brandschutzübungen zu sehr auf Schadensfälle im Verkehrs- und Siedlungsbereich konzentriert hat und daher auf solche Umweltkatastrophen zu wenig vorbereitet ist.“ Inzwischen läuft der Großeinsatz nach Einschätzung von LNV und Nabu zufriedenstellend. Es gebe Hoffnung, dass der Schaden am Unterlauf der Jagst sowie im Neckar geringer sein werde. Die Verbände verlangen, dass aus den Ereignissen Konsequenzen gezogen werden.

Welche Infos zum Gefahrgut hatte die Feuerwehr?

Am Brandherd – der Mühle in Kirchberg-Lobenhausen – waren 80 bis 100 Tonnen Kunstdünger gelagert. „Die Vorgänge, die zu der Katastrophe geführt haben, müssen offen analysiert werden“, fordern Bronner und Baumann. Dies beginne bei der Bau- und Betriebsgenehmigung für das Lager und bei der Frage, welche Informationen über Gefahrgut und Wasserableitung der Feuerwehr vorlagen. Da es landesweit häufig Mühlen gebe, an denen Dünger und Pflanzenschutzmittel gelagert würden, müsse grundsätzlich über die Lagerung von gewässertoxischen Stoffen in Flussnähe nachgedacht werden. Zur Diskussion stehe ein grundsätzliches Verbot der Lagerung in Gewässernähe oder eine besonders abgeschirmte, völlig brandsichere Lagerung, wie sie heute schon für bestimmte Pflanzenschutzmittel gelte.

Um das Ökosystem wieder zu stabilisieren, müsse die Selbstheilungskraft des Gewässersystems gestärkt werden: „Bevor man darüber nachdenkt, Fische einzusetzen, müssen Kleinstlebewesen als Basis der Nahrungskette aus Seitengewässern und dem Oberlauf der Jagst einwandern“, sagen Bronner und Baumann.

„Die Jagst ist eines der wertvollsten Ökosysteme, das wir in Baden-Württemberg haben. Große Teile der Jagst und ihrer Nebengewässer sind als europäische Vogelschutz- und FFH-Gebiete ausgewiesen“, sagte Minister Bonde. Minister Untersteller betonte: „Wir müssen alles Machbare versuchen, um diese ökologische Katastrophe so gut es geht zu bewältigen und die Auswirkungen zu begrenzen.“ Insbesondere müsse es darum gehen, den Sauerstoffgehalt des Wassers zu erhöhen. Der geschützte Eisvogel ist unmittelbar betroffen, da er sich von Fischen ernährt. Das Trinkwasser und die Brunnen in der Umgebung seien dagegen nicht gefährdet, so das Landratsamt Schwäbisch Hall.

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