Am Firmenstandort in Oberesslingen: Timo Dürr, Alexander Dürr, Inge Nürk und Frank Nürk (von links). Foto: /Ines Rudel

Der Name Fliesen Nürk ist in Esslingen ein Begriff, schließlich trägt ein ganzes Areal in der Pliensauvorstadt diesen Namen. Längst werden an dieser Stelle keine Fliesen mehr verkauft. Die Firma gibt es aber immer noch – sie feiert nun ihr 100-Jähriges.

Im Esslinger Gewerbegebiet Neckarwiesen liegen die neuen Betriebsräume von Fliesen Nürk. Ein wenig versteckt hinter dem Gelände eines Abschleppunternehmens – ein großer Unterschied zum weithin sichtbaren Nürk-Areal an einer der viel befahrensten Straßenecken Esslingens. Den Umzug von der Pliensauvorstadt nach Oberesslingen bereuen die Gesellschafter nicht. Der Betrieb hat am Freitag mit Gästen aus der Lokalpolitik und Wirtschaft sein 100-jähriges Bestehen gefeiert.

 

Der Chef heißt heute nicht mehr Nürk, sondern Alexander Dürr. 2016 hat Inge Nürk den Stab an den Fliesenlegermeister übergeben. Dass die vierte Generation der Firmenleitung nicht mehr aus der Nürk-Familie stammt, schmerzt Inge Nürk und ihren Mann Frank nicht. „Ich freue mich, dass das Verhältnis so gut ist“, sagt Frank Nürk, dessen Großvater 1924 den Betrieb gründete. Das Paar hat selbst keine Kinder und in der weiteren Verwandtschaft habe niemand seinen Lebensmittelpunkt in Esslingen „Es war klar, dass wir jemanden extern suchen müssen für die nächsten 100 Jahre.“ Beide Nürks sind noch Gesellschafter, haben die Mehrheit aber an den 45-jährigen Alexander Dürr und seinen Bruder Timo (34) abgegeben. Timo Dürr ist seit 2016 im Betrieb und hat als Raumausstatter einen neuen Geschäftszweig eröffnet: Mittlerweile bietet die Firma Nürk auch andere Bodenbeläge an, beispielsweise Laminat oder Linoleum.

Die Ehefrau übernimmt das Ruder

Derweil haben sich die Nürks weitgehend aus dem täglichen Geschäft herausgenommen, Inge Nürk ist noch etwa ein Mal pro Woche im Betrieb. Die heute 71-Jährige hatte ihn 1996 gemeinsam mit ihrem Ehemann von dessen Vater und Onkel übernommen. Doch es war die Diplom-Pädagogin, die in der Folge die Geschäfte führte. Frank Nürk, heute 67, blieb in seinem Job als Führungskraft im Vertrieb bei der Telekommunikationsfirma Alcatel. „Das war schon etwas Ungewöhnliches“, erinnert sich Inge Nürk.

Unter ihrer Regie hat sich viel verändert. Einerseits weil sich das Fliesenlegergewerbe an sich gewandelt hat. Andererseits der Betrieb. Zu Spitzenzeiten seien noch mehr als 70 Personen bei Nürk beschäftigt gewesen. „Nürk hat den Wagenburgtunnel in Stuttgart gefliest“, sagt Inge Nürk und zeigt einen Zeitungsausschnitt mit einem Foto aus den 1950ern, auf dem noch Firmengründer Albert Nürk mit anderen Männern am Tunnel zu sehen ist. „Wir sind neulich mal dort gewesen, die Fliesen gibt es noch immer.“ Heute sind etwa 20 Männer und Frauen im Betrieb. Das sei nicht dem geschuldet, dass die Geschäfte schlechter liefen. Vielmehr brauche es heutzutage weniger Personal für die Arbeit. So werde beispielsweise statt im Dick- mehr im Dünnbettverfahren verlegt – eine Technik die schnelleres Arbeiten erlaubt. Und einige Aufgaben werden von Maschinen oder spezialisierten Partnerfirmen übernommen, sodass körperlich schwere Arbeiten weniger geworden sind. Heute gebe es mehr kleine statt wenige große Fliesenlegerbetriebe. „Aus der Firma Nürk heraus haben viele frühere Beschäftigte eigene Betriebe gegründet“, sagt Inge Nürk. Zudem wurde der Baustoffhandel, den die Nürks mit einem Partner in der Pliensauvorstadt betrieben hatten, aufgegeben. Eine weitere große Veränderung war der Umzug vom Jahrzehnte langen Firmensitz nach Oberesslingen in die Röntgenstraße.

Gute Auftragslage

Ihren Betrieb sehen die Gesellschafter gut aufgestellt. Der Generationenwechsel hat die Digitalisierung weiter voran getrieben. Zudem planen die Dürrs, ihren Fuhrpark auf Elektromobilität umzustellen. Alexander Dürr betont aber, vieles fortführen zu wollen. Beispielsweise die Zuverlässigkeit in der Kundenbetreuung, die gute Qualität und die Beständigkeit im Team, für die der Meisterbetrieb stehe. Dieser hat derzeit keine Personalnot, auch junge, gute Mitarbeiter. Und trotz der allgemein schlechten Lage in der Baubranche sei Fliesen Nürk noch gut ausgelastet, sagt Dürr.

Das liege unter anderem daran, dass man mehr im Sanierungsbereich statt Neubau tätig sei, erklärt Alexander Dürr. Gut die Hälfte der Kunden seien Privatleute. Doch auch diese zeigen sich infolge von gestiegenen Preisen und Bauzinsen verunsichert. „Ich persönlich gehe davon aus, dass dieses und das kommende Jahr schwierig werden allgemein im Bau. Aber danach wird es sich wieder erholen“, ist Alexander Dürr zuversichtlich. Denn der Wohnbau- und Sanierungsbedarf bleibe und das Geld sei da.

Firmensitze der Firma Nürk

Nürk-Areal
 Die Familie Nürk hat das Areal an Lidl verkauft, weil große Investitionen nötig gewesen wären und die anderen Familienmitglieder wenig Bezug zu Esslingen und dem Fliesenlegergeschäft mehr hatten, erläutert Frank Nürk. Der neue Eigner will das Gelände zu einem Wohn- und Geschäftsquartier entwickeln.

Anfänge
 Das sogenannte Nürk-Areal war nicht der erste Firmensitz. Albert Nürk hatte 1924 seinen Betrieb in der Kesslerstraße gegründet in den Gebäuden einer früheren Bierbrauerei. Diesen Ort gibt es nicht mehr. Er habe sich mutmaßlich unter der Pliensaubrücke befunden, wo heute die B 10 verlaufe, sagt Frank Nürk. 1938 folgte der Umzug auf die Fläche zwischen Zollberg- und Brückenstraße.

Neckarwiesen
 Seit 2019 ist der Betriebssitz in einem Neubau in Oberesslingen. Nach Unternehmensangaben ist er fast energieautark dank Photovoltaikanlage und Speicher, geheizt wird mit einer Wärmepumpe.