Nachhaltigkeit – das ist ein weiter Begriff. Aber etwa für die CO2-Bilanz braucht es klar verifizierbare Daten. Eine neue Herausforderung für die IT in den Unternehmen.
Stuttgart - Nachhaltigkeit, das ist für viele Unternehmen eine zentrale Marketingbotschaft geworden. Doch dieser auf den ersten Blick schwammige Begriff hat einen harten Kern. Für den Klimaschutz beispielsweise sind CO2-Reduktionsziele in harten Zahlen definiert. Seit 2017 ist in Deutschland eine EU-Richtlinie umgesetzt, die an der Börse notierte Unternehmen dazu verpflichtet, regelmäßig einen Nachhaltigkeitsbericht zu den ökologischen und sozialen Aspekten ihres Handelns vorzulegen – eine der Schlüsselzahlen ist der CO2-Fußabdruck.
Neue EU-Kriterien ab Januar
Am 1. Januar 2022 ist ein EU-Kriterienkatalog, eine so genannte Taxonomie, in Kraft getreten, der genauer definiert nach welchen Spielregeln etwa ein Gebäude als „grün“ gilt. Die EU hat zudem auch bereits einen Vorstoß gestartet, um diese Berichtspflicht auf alle größeren Unternehmen auszuweiten. Und die EU hat auch klar gemacht, dass sie objektivierbare, quantitative Kriterien gegenüber rein qualitativen Einschätzungen immer mehr in den Vordergrund rücken wird.
„Grüne“ Daten werden zentrale Kennzahlen
Die Fähigkeit „grüne“ Daten präzise erheben und auswerten zu können wird also künftig so wichtig werden, wie eine gute IT zu Produktion und Lagerhaltung. Längst springen deshalb IT-Anbieter auf den Zug auf und bieten spezielle Programme an, die solche Informationen abrufbar machen. Die Probleme liegen hier oft im Detail, wie Mathias Brandes Markenchef der globalen Beratungsfirma Deloitte berichtet. Welche CO2-Bilanz hat beispielsweise eine Dienstreise? „Bisher müssen da Informationen oft noch per Hand bearbeitet werden“, sagt er. Idealerweise würden solche Werte direkt und automatisch mit der Reisekostenabrechnung erfasst.
Die Beratungsfirma will bis 2030 generell und damit auch in diesem Bereich klimaneutral sein. Bei Gebäuden soll das schon fünf Jahre vorher der Fall sein – und zwar durch echte Einsparungen und nicht etwa durch Zertifikate für Kompensationsprogramme. Bisher misst man aber nur die Bilanz für Gebäude, Fuhrpark einschließlich Dienstwagen und Reisen.
Geplant ist aber, beispielsweise auch die Pendlerentfernung der Mitarbeiter zum Büro einzubeziehen. Dafür müsste noch ein Tracking aufgebaut werden. „Wir prüfen Möglichkeiten, wie das technisch umsetzbar wäre“, sagt Brandes.
Zurzeit nutzt man bereits eine so genannte „grüne Cloud“ im Internet. Letztlich ist das nichts anderes als ein Werkzeug zur Datenanalyse, wie es in vielen Bereichen üblich ist – nur eben gefüttert mit ökologisch relevanten Daten. Die müssen manchmal aber erst einmal aus dem Datensilo geholt werden.
Es braucht Schnittstellen nach außen
Manchmal braucht es auch Schnittstellen nach außen: So werden etwa genaue Daten zum Stromverbrauch direkt vom Elektrizitätsanbieter abgerufen. Ziel ist nicht nur eine Gesamtbilanz. „Wir wollen letztlich in der Lage sein, das auf einzelne Kunden oder sogar einzelne Projekte herunterzubrechen“, sagt Brandes. Mit transparenten, jederzeit verfügbaren Daten soll so jeder einzelne Auftrag zu bewerten sein – und auch aufseiten der Kunden in deren grüne Bilanz einfließen.
Deloitte poliert mit der bisher noch freiwilligen Maßnahme nicht nur das eigene Image. Man sieht hier auch ein künftiges Geschäftsmodell, mit dem man so Erfahrungen sammeln kann. Umweltbilanzen werden künftig für Unternehmen so wichtig sein wie aktuelle Geschäftszahlen.
Auch Daten von Externen werden wichtig
Die bisherigen Auswertungen seien erst der Anfang, sagt Stefan Höchbauer, Chef für Zentraleuropa beim IT-Anbieter Salesforce. Denn bereits der CO2-Ausstoß hat viele Quellen. Schon laut der aktuellen, internationalen Standards reicht es nicht, nur Emissionen aus Quellen zu kennen, die im eigenen Einflussbereich sind.
Darüber hinaus soll ein Unternehmen die CO2-Bilanz seiner Energielieferanten berücksichtigen. Und letztlich sollte eine CO2-Bilanz für sämtliche Lieferketten möglich sein. Auch Deloitte beispielsweise will bereits die Emissionen berechnen, die entstehen, wenn bestimmte Produkte und Dienstleistungen eingekauft werden.
„Bevor man seine Ziele überhaupt definieren kann, benötigt man Daten. Und da ist die Erfassung und Berechnung langwierig und kompliziert,“ sagt Stefan Höchbauer. Komplex sei es insbesondere, wenn man auch Informationen außerhalb des eigenen Unternehmens sammeln wolle. „Die Daten sind sehr heterogen verfügbar“, sagt er. „Das ist in dem Bereich ganz besonders herausfordernd.“
Neue Fragestellungen, neue Software
Der IT-Anbieter Salesforce arbeitet deshalb seit eineinhalb Jahren an einem eigenen Datenwerkzeug für solche Fragen. Letztlich geht es dabei um Vertrauen: Ob Umweltversprechen eingehalten werden, muss objektiv messbar sein. Die umfassende Messung der CO2-Bilanz, wo die gesetzlichen Vorgaben bereits am strengsten sind, dürfte deshalb der Vorreiter für künftig noch viel ausgefeiltere „grüne“ Datensysteme in diesem Bereich sein.
Wer muss einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen?
Pflicht
Bisher gibt es die Pflicht einen Nachhaltigkeitsbericht vorzulegen, im wesentlichen nur für börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten. Von 2023 sollen laut einem Vorschlag der EU aber auf alle Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern ausgeweitet werden. Im Sinne der so genannten „Corporate Social Responsibility“ (CSR), also unter der Überschrift der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, geht es neben Umweltthemen um soziale Standards und die Ethik einer Firma, etwa beim Umgang mit Korruption.
Reform
Künftig wird es hier detailliertere Anforderungen geben und es werden EU-Standards vorgeschrieben. Die EU-Kommission ist der Ansicht, dass die derzeitigen Richtlinien nicht ausreichen. Die Berichterstattung sei häufig unvollständig und nicht vergleichbar. Auch im Interesse von Investoren der Überblick über die nachhaltigkeitsbezogenen Risiken besser werden.