Schuler, Tognum, Voith: Viele Firmen im Land bauen kräftig Personal ab. Gleichzeitig feiern Experten das Ende der Krise. Foto: Montage/Fotolia

Schuler, Tognum, Voith: Viele Firmen im Land bauen kräftig Personal ab. Gleichzeitig feiern Experten das Ende der Krise.

Die Unternehmen blicken optimistisch ins neue Jahr: Die Bundesregierung erwartet ein Wachstum von 1,7 Prozent, die Landesbank traut der Wirtschaft sogar zwei Prozent Wachstum zu. Der Verband der Südwest-Industrie warnt vor voreiligem Optimismus: „Die Stimmung ist besser als die Faktenlage.“

Stuttgart - Die Unternehmer sind in Hochstimmung. So gut gelaunt wie derzeit waren die Wirtschaftsleute zuletzt im Sommer des Boomjahres 2010. Das geht aus den Zahlen des Ifo-Geschäftsklimaindex hervor, der monatlich abfragt, wie die Unternehmen die aktuelle Geschäftslage beurteilen.

„Die gute Stimmung lässt sich mit mehreren Faktoren erklären“, sagt Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. „Zum einen sind die Exportaussichten der deutschen Firmen nochmals gestiegen.“ Zudem seien die Einkommensaussichten der Arbeitnehmer sehr gut. „Dies stützt den Konsum, und die Leute gehen einkaufen“, so der Experte. „Ein Grund ist sicherlich auch, dass aufgrund der niedrigen Zinsen viele Menschen entscheiden, ihr Geld lieber auszugeben.“

Für viele Beschäftigten klingen die guten Nachrichten verwunderlich. Insbesondere, wenn sie bei einem jener baden-württembergischen Unternehmen arbeiten, die zum Jahresende hin ankündigen, dass sie kräftig Jobs abbauen werden.

Mangelnde Investitionsbereitschaft der Kunden

„Das muss aber nicht unbedingt ein Widerspruch sein“, sagt Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), den Stuttgarter Nachrichten. „Die Stimmung ist derzeit nicht in der gesamten Wirtschaft gleich gut.“ Viele Unternehmen leiden unter der Energiewende, insbesondere die Automobilzulieferer ächzen unter der Absatzflaute in Europa. „Das erfordert bei einigen Unternehmen Anpassungen und Optimierungen der Standorte“, so Burkert.

Der Automobilzulieferer Fritz in Besigheim (Kreis Ludwigsburg) hat im September den Abbau von 170 Stellen angekündigt.

Motorenhersteller wie Tognum in Friedrichshafen leiden unter der mangelnden Investitionsbereitschaft der Kunden. Bei sinkenden Energie- und Rohstoffpreisen sind die sparsamen Motoren des Unternehmens aus Friedrichshafen weniger gefragt.

„Wir werden zwar weiter wachsen – aber nicht so schnell, wie wir uns das vorgestellt haben“, wird Tognum-Vorstandsvorsitzender Ulrich Dohle in einem internen Papier zitiert. Bis 2015 will Tognum 400 Stellen abbauen – vor allem in der Verwaltung in Friedrichshafen, heißt es. Das Unternehmen will auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten und den Abbau etwa über Altersteilzeitangebote und den Abschied von Beschäftigten mit befristeten Verträgen erreichen.

Auch der Anlagenbauer Voith baut an seinem Stammsitz in Heidenheim Stellen ab. Bis 2015 trennt sich das Unternehmen dort von 423 Mitarbeitern. In ganz Europa sind 1000 Beschäftigte betroffen. Voith macht unter anderem der Siegeszug von Smartphones und Tablet-Computern zu schaffen. Mit der Digitalisierung ist eine Flaute auf dem Papiermaschinenmarkt verbunden, das ist eines der zentralen Geschäftsfelder des Unternehmens.

Das Unternehmen plant, seine Produktion zunehmend zu Absatzmärkten wie China oder den Amerikas hin zu verlagern und sich so von der Konjunktur in Deutschland und Europa immer weiter abzukoppeln.

Koalitionsvertrag macht kaum Hoffnung

Das ist eine Entwicklung, die Hans-Eberhard Koch, Präsident des Landesverbands der Baden-Württembergischen Industrie (LVI), in immer mehr Branchen beobachtet: „Sei es die Automobilindustrie oder der Maschinenbau – die Produktion verschiebt sich immer mehr in die Länder, die eine hohe Nachfrage haben“, sagt Koch.

Dies führe zu einem Abbau von Produktionsarbeitsplätzen in Deutschland, eine gute wirtschaftliche Entwicklung ändert daran nichts. „Darum müssen wir darauf achten, dass wir die Rahmenbedingungen für Investitionen in Deutschland nicht verschlechtern“, sagt Koch. Der Koalitionsvertrag mache ihm da keine große Hoffnung.

Er bestätigt, dass die Stimmung auch in der Südwest-Industrie derzeit sehr gut sei, fügt aber hinzu: „Die Stimmung ist besser als die Faktenlage.“

Nach Angaben des Statistischen Landesamts sind die Umsätze in der Südwest-Industrie im Oktober nach drei Monaten mit positiver Entwicklung um 1,3 Prozent gesunken. „Aufs Jahr betrachtet, stellen wir eher eine Stagnation fest“, sagt Koch. Eine klare Tendenz nach oben sei aus den Zahlen jedenfalls nicht abzulesen.

Uwe Burkert von der LBBW geht davon aus, dass die Wirtschaft 2014 um zwei Prozent wächst. Die Bundesregierung erwartet laut ihrer Herbstprognose für 2014 einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 1,7 Prozent.

Die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit rechnet damit, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Baden-Württemberg 2014 um 1,2 Prozent oder 50.300 Menschen ansteigen wird. Damit liegt der Südwesten bei den Prognosen hinter Bayern (+ 1,6 Prozent), aber über dem Bundesdurchschnitt, wo ein Beschäftigungszuwachs von etwa einem Prozent erwartet wird.

„Auch in Zeiten der besten Konjunktur finden jedoch ständig Restrukturierungen der Wirtschaft und der Arbeitsplätze statt“, sagt Holger Bonin, Leiter des Forschungsbereichs Arbeitsmärkte beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW) in Mannheim.

Schuler schließt die Gießerei in Göppingen

So legt etwa der Göppinger Pressenhersteller Schuler Wert auf die Feststellung, dass der Arbeitsplatzabbau in diesem Unternehmen aus einer Position der Stärke heraus erfolgt. „Nach drei sehr erfolgreichen Jahren gilt es nun, sich weiter zu verbessern und globaler zu werden, damit wir langfristig Weltmarktführer bleiben“, teilt ein Sprecher des Unternehmens mit.

Schuler schließt die Gießerei in Göppingen, davon sind 100 Stellen betroffen. Insgesamt baut der Pressenhersteller während des Umbaus 350 Arbeitsplätze ab – rund 300 davon in Baden-Württemberg.

Da es bei der wirtschaftlichen Großwetterlage einige Unabwägbarkeiten gebe, sei es allen Prognosen zum Trotz unsicher, wohin die Reise im nächsten Jahr gehe, sagt Koch, der Präsident der Südwest-Industrie.

Das mag zwar stimmen, klingt aber ernüchternd. Darum – und weil bald Weihnachten ist – bekommt das Schlusswort lieber der irische Schriftsteller Oscar Wilde. Er hat einmal gesagt: „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ Prost.

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