Firmen im Kreis kämpfen um Mitarbeiter Der Flirt mit den Fachkräften

Von Sandra Dambacher-Schopf 

Beim Buhlen um die besten Köpfe lassen sich Firmen im Kreis Ludwigsburg einiges einfallen – vom Wäscheservice bis zur völligen Freiheit in der Arbeitsgestaltung.

Kreis Ludwigsburg - Welches Smartphone bekomme ich dann?“ Das sei eine wichtige Frage im Gespräch mit jungen Bewerbern, sagt Frank Uhlemann, der stellvertretende Personalleiter der Firma Lapp Kabel. „Früher hätte man sich nicht getraut, solche Fragen zu stellen.“ Das sei anders geworden. Die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt haben sich umgekehrt, seit Fachkräfte rar geworden sind. Laut einer Umfrage der IHK hat fast jede zweite Firma im Kreis Ludwigsburg offene Stellen, die sie seit Längerem nicht besetzen kann.

Sechs von zehn Firmen suchen vergeblich nach Fachleuten mit Hochschulabschluss, die Hälfte nach Fachkräften mit einer dualen Berufsausbildung und drei von zehn nach Meistern, Fachwirten und Fachkaufleuten. Jede zweite Firma sieht im Fachkräftemangel ein akutes Geschäftsrisiko. Daher müssen nicht mehr nur Bewerber mit dem ersten Eindruck punkten, sondern auch Unternehmen.

Wie man mit besonderen Angeboten und Arbeitsweisen Fachkräfte anzieht, zeigt die Firma Lapp Kabel, die in der Ludwigsburger Weststadt ihr Logistikzentrum betreibt. Oder Bosch Startup, wo man mit experimentellen Arbeitsregelungen Neuland im Werkzentrum West betritt. Oder der französische Autozulieferer Valeo in Bietigheim-Bissingen, dessen Zentrum für Schalter und Sensoren boomt. Die beiden Autozulieferer suchen vor allem Software-Entwickler, die der Wandel der Branche hin zu mehr Automatisierung fordert. Auch Lapp Kabel hat Probleme, seine IT-Stellen zu besetzen, sucht aber vor allem Techniker und Mechatroniker.

Die Bewerber wollen Familienfreundlichkeit und flexible Arbeitszeiten

Ganz oben auf der Checkliste der Bewerber stehen heute Familienfreundlichkeit und flexible Arbeitszeiten. Und das nicht nur bei Frauen. „Aber auch wer keine Familie habe, wolle heute zum Beispiel Zeit für Hobbys haben – das gelte für beide Geschlechter. Lapp reagiert als Familienunternehmen auf jede Situation individuell und bietet im Schichtdienst eine Tauschbörse an. Bei Bosch wählen die Mitarbeiter aus mehr als 100 Arbeitszeitmodellen. Valeo bietet Gleitzeit. Im Kampf um die Talente reicht das aber nicht. Die Unternehmen versuchen, sich mit ihren Angeboten zu übertrumpfen. Sie suchen für ihre Mitarbeiter auch nach Kitaplätzen, Babysittern, Pflegekräften oder sogar Putzhilfen. Keine Zeit, Hemden zu bügeln? Bei Valeo kein Pro­blem, der Service holt die Wäsche am Arbeitsplatz ab und bringt sie zurück. Alles, was das Image prägt, ist wichtig.

Ist ein Mitarbeiter gewonnen, muss er auch gehalten werden. Dabei gilt es heute, die Beschäftigten bis zum Rentenalter fit zu halten. Der Einsatz der Unternehmen reicht von Gratisobst und Rückenfit-Kursen bis hin zur psychologischen Betreuung. Dazu kommt die Umgestaltung grauer Büros zu Arbeitswelten, in denen sich die Mitarbeiter wohlfühlen. All diese Maßnahmen bringen bei Lapp, Valeo und Bosch ähnlichen Erfolg. Die Fluktuationsquote liegt in den Unternehmen bei etwa drei Prozent.

In der Logistik werden jetzt auch Frauen gebraucht

Aber: Jede Firma hat mit speziellen Herausforderungen zu kämpfen. Lapp ringt mit der Logistik als Männerdomäne, in der nicht mehr so viele wie einst arbeiten wollen. Heute hilft die Vollautomatisierung des Logistikzentrums dabei, auch Frauen zu gewinnen. Schwere Kabeltrommeln müssen sie – anders als früher – nicht mehr selbst herumwuchten. 15 Prozent der dortigen Mitarbeiter sind bereits weiblich.

Beim international agierenden Konzern Valeo ist eine Herausforderung, dass rund die Hälfte der Mitarbeiter aus dem Ausland kommt. „56 Nationen arbeiten bei uns“, berichtet der Personalchef Thomas Lerch. Um diese Menschen zu halten, gelte es, sie in Deutschland zu integrieren. „Es ist zum Beispiel wichtig, ihnen zu erklären, was es mit den in anderen Ländern unbekannten Sozialversicherungen oder mit der schwäbischen Kehrwoche auf sich hat.“ Dafür gibt es spezielle Mentoren, die die Neu­ankömmlinge begleiten.

Bosch sucht Querdenker

Wie Valeo befindet sich Bosch im Umbruch zu einem IT-Unternehmen. Besonders in solchen Zeiten werden Querdenker gesucht. Mit Bosch Startup bietet der Autozulieferer seit zwei Jahren den jungen Wilden eine Spielwiese. Dort machen sich auto­nome Teams ihre eigenen Regeln, wann, wo und wie gearbeitet wird. Das Vorbild: Silicon Valley. „Hier kommen Bosch-Mitarbeiter her, die für ihre Idee brennen“, sagt der Leiter Peter Guhse. Mit Geld aus dem Konzern haben sie hier die Chance, ihr Start-up auf die Beine zu stellen.

Für die abenteuerliche Reise gehen die Quasi-Gründer kein hohes finanzielles Risiko ein, steigen aber aus dem Tarifvertrag aus. Reich zu werden ist nicht das Ziel, die Idee bleibt bei Bosch. „Nicht jede Idee fliegt“, sagt Guhse. Nur eines von fünf Teams, das eine Idee vorstelle, schaffe es zu Bosch Start­up.

Künftig werden die Unternehmen noch mehr solche Anreize bieten müssen, denn die Babyboomer-Generation beginnt nun, sich massenhaft in die Rente zu verabschieden. Fachkräfte werden noch rarer.

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