Auch im Südwesten wurden belastete Eier gefunden. Foto: dpa

In fast allen Bundesländern sind inzwischen mit dem Insektizid belastete Eier gefunden worden. Auch im Südwesten wurden Proben aus den Niederlanden positiv getestet.

Stuttgart - Für niedrige Preise ist Aldi bekannt. Nun will sich der Discounter offensichtlich auch als Pionier der Lebensmittelsicherheit profilieren. Am Freitag kündigten Aldi Süd und Aldi Nord an, bis auf Weiteres alle Eier aus dem Verkauf zu nehmen – nicht nur solche von Geflügelbetrieben, in denen das Desinfektionsmittel mit dem verbotenen Insektizid Fipronil eingesetzt wurde. „Es handelt sich dabei um eine reine Vorsichtsmaßnahme, es kann weiterhin von keiner gesundheitlichen Beeinträchtigung ausgegangen werden“, heißt es in einer Erklärung. Ab sofort will Aldi nur noch Eier annehmen, die negativ auf Fipronil getestet wurden. Das könne zu Engpässen in den Läden führen.

Mit diesem Schritt stand der Discounter bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe alleine da. Die Konkurrenten Edeka, Rewe und Lidl nehmen vorerst nur Eier gesperrter Betriebe aus dem Sortiment. Lidl will allerdings bei künftigen Lieferungen ebenfalls auf Fipronil-getestete Ware pochen. Man behalte sich nötigenfalls weitere Schritte vor, hieß es bei Rewe. Ähnlich äußerte sich Edeka. Der Handelsriese betont, dass die Eier seiner Eigenmarken aus Deutschland kämen. Dem Eierabsatz ist der Skandal nicht zuträglich, Rewe berichtet von einer „deutlichen Kaufzurückhaltung“ .

Bundesweit ist derzeit von rund zehn Millionen belasteten Eiern die Rede

Beobachter halten es für möglich, dass der Aldi-Vorstoß auch mit Berichten über die Bedingungen in niederländischen Lieferbetrieben für Aldi-Bioeier zusammenhängt. Da könne etwas Imagepflege nicht schaden, heißt es. Der Südwestrundfunk hatte kürzlich zwei Geflügelfarmen inspiziert und dabei etliche Verstöße gegen Vorschriften entdeckt. Aldi Süd hat mittlerweile darauf reagiert und bezieht von diesen Betrieben nun keine Bioeier mehr.

Bundesweit ist derzeit von rund zehn Millionen belasteten Eiern die Rede. Sollte es dabei bleiben, wäre Fipronil angesichts einer Gesamtmenge von etwa 19 Milliarden verzehrten Eiern im Jahr nur ein Randphänomen. Allerdings sind mittlerweile auch in Baden-Württemberg Fipronil-belastete Eier aus den Niederlanden aufgetaucht. In drei von fünf Proben wurden nach Angaben des Agrarministeriums Rückstände nachgewiesen. In Eiern, die im Südwesten produziert worden sind, sei der Stoff bisher nicht gefunden worden. In Baden-Württemberg spielt Hühnerhaltung aber auch keine große Rolle. Hiesige Betriebe könnten die großen, einheitlichen Partien, die die Discounter benötigen, gar nicht liefern, so der Landesbauernverband. Der Deutsche Bauernverband (DBV) hält die Entscheidung von Aldi „ zum jetzigen Zeitpunkt für eine überzogene Reaktion“. Der DBV verweist auch auf das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das die bislang gefundenen Fipronil-Werte für unbedenklich hält. „Wir sehen jetzt vor allem die amtlichen Behörden in den Niederlanden und von Bund und Ländern in der Pflicht, vollständig für Aufklärung zu sorgen“, teilt der Verband mit.

Rund zwei Drittel der in Deutschland frisch oder verarbeitet verzehrten Eier werden im Inland produziert – vor allem in Norddeutschland. Bei den Importen haben die Niederlande den Löwenanteil. Der Preisdruck der Discounter, die zehn Eier teilweise für weniger als einen Euro anbieten, lässt nur geringe Gewinnspannen zu. Teilweise bleibt Erzeugern pro Ei nur ein Cent oder weniger. Das verstärke den Trend zur Größe, kritisiert etwa der Umweltverband Nabu. Durch die hohe Spezialisierung müssen Hühnerhalter Futter und andere Betriebsmittel zukaufen. Dadurch können sie – wie auch im aktuellen Fall – leichter zum Opfer von Zulieferern werden, die es mit den Vorschriften nicht so genau nehmen oder bewusst betrügen. Auch im Skandal um mit Dioxin kontaminiertes Futterfett im Jahr 2011 hatte die Ursache bei einem Lieferanten gelegen.

Verbraucherschützer verlangen nun strengere Tests

Da ein immer größerer Anteil der Eier verarbeitet wird – etwa zu Teigwaren oder Mayonnaise –, erwarten die Experten, dass sie in den nächsten Tagen auch in diesem Bereich fündig werden. „Es ist naheliegend, dass es bei Eiern nicht bleiben wird“, sagte Peter Fürst, Chef des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Münsterland-Emscher-Lippe. Allerdings sind hier niedrigere Konzentrationen zu erwarten, weil es durch die Mischung mit anderen Zutaten zu einer Verdünnung kommt. Auch Fleisch wird untersucht.Betroffene Hühnerhalter hatten zum Schutz ihrer Tiere ein Antiläusemittel auf Basis ätherischer Öle eingesetzt, dem das für diesen Zweck verbotene Fipronil beigemischt worden war. In den Niederlanden sind deshalb rund 140 Betriebe gesperrt. Auch in Deutschland haben die Behörden bislang vier Höfe dichtgemacht, die das Mittel aus den Niederlanden bezogen hatten. Dem „Spiegel“ zufolge steht ein Chemikalienhändler aus dem belgischen Weelde im Zentrum der Ermittlungen. Dieser soll in Rumänien große Mengen des Tiermedikaments Fiprocid geordert haben, das den Wirkstoff Fipronil enthält. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht.

Verbraucherschützer wie Foodwatch verlangen nun strengere Tests auf Pflanzenschutzmittelrückstände. Nach dem neuesten verfügbaren Bericht des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurden 2015 aber nur bei 1,1 Prozent der Proben Grenzwertüberschreitungen festgestellt. „Die Belastung mit Pflanzenschutzmittelrückständen nimmt weiter ab“, so die Behörde.

Die bisher in Eiern gefundenen Fipronil-Konzentrationen sind relativ niedrig

Zur Festlegung der Grenzwerte wird im Tierversuch festgestellt, bei welcher Konzentration eines Stoffs keine negativen Wirkungen mehr nachweisbar sind. Daraus ergibt sich ein Wert pro Kilogramm Körpergewicht, der in der Regel durch einen Sicherheitsfaktor von 100 dividiert und auf einen Durchschnittsmenschen umgerechnet wird. Die in einem Produkt zulässige Konzentration leitet sich dann aus der durchschnittlich verzehrten Menge ab.

Die bisher in Eiern gefundenen Fipronil-Konzentrationen sind relativ niedrig. Auf Basis des höchsten in Belgien gemessenen Werts von 1,2 Milligramm Fipronil pro Kilogramm Ei könnte ein Erwachsener mit 65 Kilogramm Körpergewicht laut BfR gefahrlos sieben Eier in 24 Stunden essen. Bei einem 16,15 Kilogramm schweren Kind wären es im gleichen Zeitraum 1,7 Eier.

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