Soweit ganz idyllisch: Eichstätt im bayerischen Altmühltal Foto: Panitz

Ein unabhängiger Untersuchungsbericht sieht im machtorientierten Klerikalismus die Hauptursache für den Finanzskandal im Bistum Eichstätt. Die Sache hat nur einen Haken.

Eichstätt - Bis zu 47 Millionen Euro hat die katholische Diözese Eichstätt durch hochriskante – und wohl auch kriminelle – Darlehensgeschäfte in den USA verloren. Ausgereicht gegen hohe Renditeversprechen an „Immobilien-Entwickler“, ist das bayerische Kirchengeld irgendwo im texanischen Wüstensand verschwunden. Das meiste davon auf Nimmerwiedersehen, nach heutigem Stand.

Und wer trägt die Schuld daran? Ein nun vorgestellter, unabhängiger Prüfbericht, den Bischof Gregor Maria Hanke bei der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl-Spilker-Wastl in Auftrag gegeben hat, ist da ganz klar: Es war das „System Eichstätt“, bestehend aus einem in sich abgeschlossenen Zirkel von hohen Geistlichen, die nur „am eigenen Machterhalt“ orientiert waren; ein klerikales „Feuchtbiotop von Straftätern im Vermögensbereich.“

Diese Betrachtungsweise hat nur einen Haken: Der stellvertretende Finanzdirektor der Diözese zur fraglichen Zeit (2014-2016), der das Geschäft eingefädelt und laut Bericht davon auch persönlich profitiert hat – er war kein Geistlicher. Sondern Finanzexperte. Ausgebildeter Banker.

Priester kontrollieren sich selber

Nach dem Finanzskandal im Bistum Limburg unter Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst 2013 haben sich die katholischen deutschen Bistümer eine „Transparenzoffensive“ verordnet. Auch der Eichstätter Bischof, seit 2006 im Amt, ließ erstmals externe Wirtschaftsprüfer einen Blick in die Bücher werfen. Gegen viel Widerstand der Geistlichkeit, wie er später sagte. Die Prüfer entdeckten, dass 31 Kredite im Umfang von 60 Millionen Dollar ohne jegliche Sicherheiten in die USA vergeben worden waren. 2017 erstattete Bischof Hanke Strafanzeige; vor einem Jahr ging er mit dem Skandal in die Öffentlichkeit; die beiden strafrechtlich wohl Hauptverantwortlichen kamen in U-Haft: der damals stellvertretende Finanzdirektor der Diözese und sein deutsch-amerikanischer Kompagnon.

Frei und bis heute von der Staatsanwalt lediglich als „Zeuge“ geführt blieb der eigentliche Finanzdirektor der Diözese, der damalige Domdekan – ein Priester. Er hatte mit seinem Stellvertreter die Verträge ausgefertigt, nach dem Vier-Augen-Prinzip durchaus, aber sonst ohne weitere Kontrolle und damit wohl auch im Widerspruch zum Kirchenrecht.

Die Kontrolle wäre dem zehnköpfigen Domkapitel zugefallen, einem Kreis hochrangiger Priester, die aber einerseits – so der Untersuchungsbericht – von Finanzgeschäften keine Ahnung hatten, andererseits auch niemanden, anfangs nicht einmal den eigenen Bischof, in die Bücher schauen ließen. Sofern diese existierten. Dieser klerikale Kreis, so steht es nun im Bericht, habe „sämtliche zentralen Macht- und Schaltstellen“ in der Diözesanverwaltung besetzt. Diese Priester waren gleichzeitig Berater, Entscheider und ihre eigenen Kontrolleure.

Das Frachtschiff-Fiasko

Lust am Risiko schien auch der Domdekan als Finanzchef gehabt zu haben: 2012 ließ er sich von einer Reederei zu einer Beteiligung an Container-Frachtschiffen bewegen. Er setzte fünf Millionen Euro an Kirchengeld ein. Heute sei diese Beteiligung „auf einen Erinnerungswert in Höhe von einem Euro abgeschrieben“, steht im Prüfbericht. Nicht lückenlos aufgeklärt sei aber, warum der Domdekan seinerzeit ein Bankkonto zur persönlichen Verfügung errichtete und darauf 50 000 Euro einzahlen konnte.

Jener Banker wiederum, der später für das verlustreiche USA-Investment verantwortlich war, hatte 2012 von dem Frachtergeschäft abgeraten. Der Bischof und er kannten sich aus gemeinsamen theologischen Studienzeiten, und der Banker hatte sich als Finanzberater für das Bistum angeboten. „Die erste USA-Anlage, die er uns empfohlen hat, war wirklich top“, sagte Bischof Hanke vor einem Jahr. Der Mann wurde eingestellt. Weil er früher einmal vorhatte, Mönch zu werden, brachte man ihm volles Vertrauen entgegen. Und so fädelte er offenbar seine speziellen Geschäfte ein – zusammen mit seinem eigentlichen Vorgesetzten, dem Finanzdirektor. Wie viel Ahnung dieser als Priester von Finanzsachen hatte, ist nicht klar: Früher war er Chef des diözesanen Caritasverbands mit fast 3000 Mitarbeitern und einem Jahresetat von 100 Millionen Euro. Ganz geistlich-naiv kann er den Dingen also nicht gegenüber gestanden haben. Andererseits, so der Prüfbericht, verstand er so wenig Englisch, dass er die Vertrags-Entwürfe seines Stellvertreters nicht beurteilen konnte.

Und heute? Bischof Hanke, dem der Prüfbericht nur vorhält, dass er „von 2013 an allenfalls intensiver“ hätte durchgreifen sollen – er hat inzwischen durchgesetzt, dass die Diözese Eichstätt nicht mehr nach hausgemachten Maßstäben, sondern wie andere Bistümer nach dem Handelsgesetzbuch bilanziert (seit 2018 wenigstens); als Finanzchef ist ein weltlicher Experte eingestellt; viele weitere Verbesserungsvorschläge, so der Prüfbericht, seien umgesetzt. Den Prüfbericht hat Hanke ungeschönt ins Internet stellen lassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der USA-Sache weiter. Von Rücktritten aus dem Domkapitel ist nichts bekannt geworden.

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