Der Sparhaushalt in Stuttgart trifft Wohnungslose hart: In vier Tagesstätten muss das Angebot eingeschränkt werden. Ein Morgen im Olga 46 zeigt, was das für die Betroffenen bedeutet.
Bernd sitzt am Tisch, der 71-Jährige (der wie alle Betroffenen seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte) trinkt einen Kaffee und liest die Zeitung. Ihm gegenüber sitzt Michael (53), auch er hält einen Becher mit Kaffee in der Hand. Alle Tische im Raum sind besetzt, die Schlange an der Frühstückstheke ist lang.
Bernd kommt fast jeden Morgen hierher, seit nunmehr gut zehn Jahren. Auch Michael ist seit zwei Jahren fast täglich zu Gast in der Olga 46 – die kein gewöhnliches Café ist, sondern eine Tagesstätte des Caritasverbandes für wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen. Hier, direkt in Stuttgart-Mitte, bekommen sie ein kostenloses Frühstück, Kaffee für 50 Cent, es liegen Zeitungen aus, es ist warm, und die Menschen finden immer jemanden zum Reden, wenn sie das denn möchten. Es gibt auch einen sehr preiswerten Mittagstisch, eine Kleiderkammer sowie die Möglichkeit, sich zu duschen und seine Wäsche zu waschen.
Kürzungen von zehn Prozent
Thomas steht vor der Kleiderkammer an. Der 55-Jährige hat zuvor auch in der Olga 46 gefrühstückt, sie ist „mein Kraftort am Morgen“, sagt er. Als solcher bleibt die Olga 46 ihm auch erhalten, aber grundsätzlich ist das Angebot – wie in allen vier Stuttgarter Tagesstätten, sei es von der Caritas, der Eva, der Ambulanten Hilfe oder dem Sozialdienst Katholischer Frauen – seit Mai eingeschränkt. Die Verbände ziehen damit gezwungenermaßen die Konsequenzen aus den Kürzungen von zehn Prozent der Zuwendungen durch die Stadt Stuttgart.
Für die Olga 46 war es zum Jahresbeginn sogar eine doppelte Kürzung: „Wir hatten einen Antrag auf mehr finanzielle Mittel gestellt, weil die Anzahl der Bedürftigen derzeit stark ansteigt – und uns die bisherige Unterstützung der Stadt nicht mehr reicht“, sagt Koch. „Aber dieser wurde abgelehnt.“
Konkret heißt das für die Olga 46, dass fortan dienstags und donnerstags nur noch bis 10 Uhr geöffnet sein wird; die Tagesstätte schließt an diesen Tagen künftig nach dem Frühstück. Der Mittagstisch entfällt. Besonders bitter: An Dienstagen wird nun in keiner der vier Tagesstätten mehr ein Mittagessen angeboten. „Das wurde bewusst und in Absprache mit allen Verbänden so entschieden“, sagt der Teamleiter Kai Koch. „Wir mussten uns da einigen, denn wenn nur eine Tagesstätte offen hätte, würde sie überrannt werden – das kann keine allein leisten.“
Für Bernd, Michael und Thomas bedeutet das, dass sie sich dienstags jetzt immer selbst etwas kochen müssen. Bernd wohnt in einem Kellerzimmer, Michael in einem Zimmer im betreuten Wohnen des Caritasverbandes, und Thomas ist derzeit bei einem Freund untergekommen. „Das kostet aber viel mehr, selbst dann, wenn du im Discounter einkaufst, bist du gleich vier Euro los – das ist weit mehr, als ich hier zahle“, sagt Bernd. Das stellt für alle Drei ein Problem dar.
Um dennoch für die betroffenen Menschen da zu sein und ihnen einen Anlaufpunkt zu bieten – und natürlich auch, um öffentlich auf das Thema Armut aufmerksam zu machen –, treffen sich Mitarbeiter der vier Verbände nun immer dienstags auf dem Stuttgarter Marktplatz. Mit dabei: ein großes Banner. „Es ist gut, Not und Armut – und damit uns – sichtbar zu machen“, sagt Thomas. „Zumal immer wieder zu hören ist, dass es in Stuttgart gar keine Armut gibt.“ Letzteres wiederholt er mehrfach, es empört ihn sehr. „Das ist eine Aussage, die unter die Gürtellinie geht.“
Indes sehen alle drei Männer ein, dass es Kürzungen geben muss. Besonders Bernd, der über Jahrzehnte hinweg in einer Gießerei gearbeitet hat, täglich die Zeitung liest und bestens informiert ist, weiß genau Bescheid über die Misere. „Ums Sparen wird die Stadt nicht herumkommen – die Frage ist nur, wo gespart wird“, sagt er. Ob ein Stuttgart-Sign am Marktplatz wichtiger ist als „die Ärmsten der Armen“, das wagt er zu bezweifeln. „Die Prioritäten sind falsch gesetzt.“
Auch Kai Koch, der bereits seinen Zivildienst in der Olga 46 leistete und nach ein paar Jahren in der freien Wirtschaft seit 2011 wieder im Haus ist, schmerzen die Kürzungen sehr. „In der 58-jährigen Geschichte des Hauses ist das das erste Mal, dass wir finanzielle Kürzungen erfahren – und dadurch die Öffnungszeiten einschränken müssen“, sagt er. Und das zu einer Zeit, in der die Not steigt und mit ihr die Zahl der Besucher. Zum Mittagessen kommen im Schnitt 35 bis 40 Menschen. „Wir werden krass gebraucht.“ Letztlich ginge es vor allem um die Menschenwürde: „Wir können Wohn- und Obdachlosigkeit nicht verhindern, aber den davon betroffenen Menschen ein würdevolles Leben ermöglichen, ihnen Essen, Kleidung und Bildung bieten“, sagt er.
Die Menschenwürde wird aufs Spiel gesetzt
Er selbst habe den Beruf nicht zuletzt deswegen ergriffen, weil er wusste, dass – ob der schon damals relativ hohen Zahl an Obdach- und Wohnungslosen – sein Job ein sicherer wäre. „Das ist jetzt nicht mehr so“, sagt er. „An den aktuellen Kürzungen hängen auch Jobs dran, hier im Haus.“ Zum Glück habe er die Arbeit umschichten können, die Jobs im Haus konnte er dadurch erhalten.
Um seine Besucher sorgt er sich indes weit mehr: „Ich glaube nicht, dass so schnell eine Besserung in Sicht ist – ich bin vielmehr froh, wenn ich das Angebot so aufrecht erhalten kann, wie es momentan ist.“ Um mit Bernds Worten zu sprechen: dass hier die Menschenwürde für teils schnödes Beiwerk aufs Spiel gesetzt wird, ist bitter. Nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Gesellschaft.
Info
Bei eva’s Tisch im Haus der Diakonie in der Büchsenstraße gibt es seit Anfang Mai am Dienstag keinen Mittagstisch für einen Euro mehr. Ebenfalls schon um 10 Uhr schließt ab Mai das Café 72, eine Tagesstätte für Menschen mit und ohne Wohnung der Ambulanten Hilfe in Bad Cannstatt. Dienstags ab 10 Uhr gibt es dann keine kostenlose Ausgabe mehr von Bäckerspenden, keine Beratung, keine frische Kleidung, kein Zugang mehr zu Waschmaschine und W-Lan. Und auch das Team von „Femmetastisch“, einer Tageseinrichtung für Frauen unter dem Dach des Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Diözese Rottenburg-Stuttgart (SkF) in der Heusteigstraße, kommt nicht umhin, die Öffnungszeiten anzupassen.