Bernd Spindler hielt zeitweise rund 35 Schafe. Ob er wieder eine Herde aufbauen kann, hängt vom Finanzamt ab. Foto: Caroline Holowiecki

Bernd Spindler musste seine kleine Herde zum Jahreswechsel abgeben. Ob er die Schäferei wieder aufnehmen darf, hängt von der Entscheidung des Finanzamts ab.

Fast zehn Jahre lang gehörten Schafe zum Alltag von Bernd Spindler. Was als Ausgleich zum Bürojob begann, entwickelte sich für ihn zu einem ernsthaften landwirtschaftlichen Projekt. Doch derzeit stehen seine Weiden leer: Zum Jahreswechsel hat der 46-Jährige seine Tiere abgeben müssen. Hintergrund sind Unstimmigkeiten mit dem Finanzamt.

 

Der Software-Ingenieur, der viele Jahre in der Automobilindustrie tätig war, hatte 2017 mit der Schafhaltung begonnen und ein Jahr später einen landwirtschaftlichen Betrieb angemeldet. In der Spitze hielt er rund 35 Tiere. Sein Konzept unterscheidet sich dabei stark von einem klassischen Fleischhaltebetrieb. Neben der Landschaftspflege wollte er vor allem auf drei Standbeine setzen: den Verkauf von Rohwolle, Beweidungsprojekte und Workshops mit Schulklassen und Besuchergruppen.

Ein trauriger Anblick: Aktuell befinden sich auf der Weide bei Magstadt keine Schafe. Foto: privat

Schäfer aus Leidenschaft: „Landwirtschaft, Naturschutz und Bildung verbinden“

„Mir ging es darum, Landwirtschaft, Naturschutz und Bildung zu verbinden“, sagt Spindler, der derzeit parallel ein duales Aufbaustudium absolviert und kurz vor dem Abschluss zum Master of Science steht. Gerade für Kinder sei es etwas Besonderes, Tiere aus nächster Nähe zu erleben. Schulklassen hätten seine Weide bereits besucht, auch soziale Einrichtungen zeigten Interesse.

Der Aufbau der Schäferei erwies sich jedoch als mühsam. Vor allem die nötige Infrastruktur sei teuer und bürokratisch aufwendig gewesen. Einen festen Stall im Außenbereich zu bauen ist erst möglich, wenn eine bestimmte Flächengröße bewirtschaftet wird – was wiederum eine größere Herde voraussetzt. „Man kann aber nicht einfach mit 80 Schafen anfangen“, sagt er. Stattdessen investierte er unter anderem in einen mobilen Schafstall, Zäune und einen Viehanhänger.

Schäferei ohne Gewinn: Finanzamt stoppt Schafhaltung

Pro Jahr seien jeweils Kosten von rund 12 000 Euro entstanden. Die Einnahmen lagen dagegen nur bei etwa 4000 Euro. Das Finanzamt zweifelt deshalb daran, dass der Betrieb langfristig Gewinne abwerfen kann und forderte Bernd Spindler dazu auf, die Schäferei aufzugeben.

Auf Anfrage erklärt das Finanzministerium, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb steuerlich nur anerkannt wird, wenn langfristig eine sogenannte Gewinnerzielungsabsicht besteht. Dafür wird unter anderem geprüft, ob über die gesamte Laufzeit eines Betriebs grundsätzlich ein Gewinn möglich ist. Bei Nebenerwerbsbetrieben erfolgt die Prüfung laut Behörde bereits wenige Jahre nach der Gründung.

Zu den finanziellen Herausforderungen kamen gesundheitliche Rückschläge: Nach einem Sturz bei den Tieren verletzte er sich am Hüftgelenk und konnte monatelang kaum laufen. Freunde und Familie halfen in dieser Zeit bei der Versorgung der Herde.

Schäferei-Aus zum Jahreswechsel: „An Silvester sind bei mir schon einige Tränen geflossen“

Trotz dieser Rückschläge steckt Spindler seit 2017 nicht nur Geld, sondern auch unermüdlich viel Herzblut, Zeit und Arbeit in seine Schäferei. Für den 46-Jährigen ist die aktuelle Situation schwer zu ertragen. Wenn er sich über die Entscheidung des Finanzamts einfach hinwegsetzen und weitermachen würde, könnten frühere Verluste steuerlich nicht mehr anerkannt werden. Im schlimmsten Fall drohten dann hohe Nachzahlungen. „Das Risiko kann ich nicht eingehen“, sagt Spindler. Schweren Herzens gab er deshalb seine letzten fünf Tiere zum Jahreswechsel ab. „An Silvester sind bei mir schon einige Tränen geflossen“, so der Schäfer.

Dennoch arbeitet er weiter an seinem Konzept. Über seine Internetseite verkauft er seine Rohwolle inzwischen in ganz Deutschland. Auch Anfragen für Workshops oder tiergestützte Angebote nehmen zu. „Das Interesse ist da“, sagt er. „Aber solche Projekte brauchen einfach Zeit, bis sie wirtschaftlich funktionieren.“

Schafe halten als Nebenerwerb: „Wenn das Finanzamt grünes Licht gibt, starte ich wieder“

Trotz allem möchte der Familienvater seine Schäferei nicht aufgeben. Er hat beim Finanzamt einen Widerspruch eingereicht und ein alternatives Betriebskonzept vorgelegt. „Wenn das Finanzamt grünes Licht gibt, würde ich direkt wieder anfangen“, sagt er. Zunächst nur mit wenigen Tieren – etwa der seltenen Schafrasse Skudde – und mit stärkerem Fokus auf Bildungsangebote.

Für ihn ist die Arbeit mit den Tieren mehr als ein Nebenerwerb. „Schafe leisten einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege und zur Artenvielfalt“, weiß er. Viele Menschen sehnten sich danach, Natur wieder direkt zu erleben, ist er sich sicher. Noch wartet Bernd Spindler auf die Entscheidung der Behörde. Bis dahin bleibt seine Weide leer. Doch die Zäune stehen noch – und sollte das Finanzamt zustimmen, könnten dort schon bald wieder Schafe grasen.

Die meisten halten Schafe als Nebenerwerb

Schafhaltung
In Baden-Württemberg gibt es rund 1200 Schafhalter mit 20 Schafen oder mehr, davon sind rund 110 hauptberufliche Schäferinnen und Schäfer. Der Schafbestand liegt bei etwa 200 000 Tieren. Die Schafhaltung ging in den letzten zehn Jahren um rund 30 Prozent zurück.

Probleme
Neben finanziellen Schwierigkeiten kämpfen viele Schäfereien mit der mangelnden Verfügbarkeit von Weideflächen, die durch die starke Bebauung immer weiter abnehmen.

Landschaftspflege
Die Beweidung mit Schafen ist ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung und Pflege der Kulturlandschaft wie Wacholderheiden, Mager- und Trockenrasen. Rund 60 000 Hektar werden in Baden-Württemberg kostengünstig, umweltfreundlich und energiesparend mit Schafen gepflegt und vor Verbuschung bewahrt.