Finale 2019: Bei der Premiere des deutschen Mini-Olympias werden die Athleten in Berlin stürmisch gefeiert – auch wenn dem Publikum die meisten Namen komplett unbekannt sind. Eine Reportage.
Berlin - Sonntagmorgen um halb zehn, East Side Gallery in Friedrichshain, das übliche Treiben: Touristen aus aller Welt, die die Kunstwerke auf der Berliner Mauer entlang der Mühlenstraße fotografieren, fliegende Händler mit Bauchläden voll billigem Schmuck, ein Straßenmusikant mit Geige. Doch mischt sich seine Kunst an diesem Morgen mit der Musik von Whitney Houston, die von der Spree über die Mauer weht. Dann folgt die Stimme eines aufgekratzten Moderators: „Meine Damen und Herren, wenn sie zufällig hier sind, dann darf ich ihnen mitteilen: Sie sind Zuschauer und Teil der Finals 2019. Sie sehen hier den Kanurennsport.“
Es sind nicht nur Kanuten, die an diesem Wochenende Berlin in Beschlag genommen haben und sich bemühen, auch bislang ahnungslose Menschen für ihren Sport zu interessieren. Neun weitere Disziplinen haben einen Ort für ihre deutschen Meisterschaften gefunden, quer verteilt in der Bundeshauptstadt. Zusammen genommen ergibt dies die Finals 2019 – ein gigantisches Experiment, eine Premiere. Niemand wird ernsthaft behaupten können, sie sei nicht unterhaltsam.
Stimmungswandel im Schwimmen
In der Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark an der Landsberger Allee haben die Kassen bereits am Freitagmittag geschlossen. „Ausverkauft“ steht auf einem Schild am Eingang – genau wie an den Tagen darauf. Ein ungewohntes Gefühl für die deutschen Schwimmer, die jahrelang kein Mittel gefunden haben, den Absturz in die Bedeutungslosigkeit aufzuhalten. Die WM in Südkorea wurde zuletzt nicht einmal im Fernsehen übertragen.
Und jetzt: euphorische Stimmung auf den prall gefüllten Rängen. „So voll habe ich die Halle noch nie gesehen, nicht einmal bei den Weltcups mit Michael Phelps“, sagt Florian Wellbrock, der neue deutschen Schwimmstar. Zwei Weltmeistertitel hat er aus Südkorea mitgebracht – Formsache, dass der 21-Jährige auch in Berlin gewinnt. So schnell wie bei der WM ist er diesmal allerdings nicht. Was auch daran liegen dürfte, dass die Prioritäten andere sind: „Ich habe während der Rennen immer wieder auf die Tribüne geschaut und mir gedacht: Wahnsinn!“
Fabian Hambüchen als Betreuer
Gut vier Kilometer in nordwestlicher Richtung wird schon vor der Max-Schmeling-Halle klar, dass auch der deutsche Turnsport quicklebendig ist. Auf pinkfarbenen Weichbodenmatten üben sich Kinder erfolgreich am Purzelbaum, der beliebten Basisübung des Schulsports, die der deutsche Nachwuchs leider zunehmend zu verlernen droht. Die besten Athleten des Landes hängen währenddessen in der Halle an Reck und Ringen – und haben ebenfalls keinen Grund, sich über fehlende Unterstützung zu beklagen.
Ein Berliner Bierproduzent hat Klatschpappen unterm Publikum verteilt, für zusätzliche Stimmung sorgt der Stuttgarter Hallensprecher Jens Zimmermann, der den Zuschauern das Regelwerk sehr anschaulich näher bringt: „Am Pauschenpferd gilt das gleiche Motto wie unter den Gegnern von Stuttgart 21: Oben bleiben!“ Das gefällt auch der Turnlegende Fabian Hambüchen, der als Betreuer im Einsatz ist und sich nicht zu schade ist, seinem Schützling Fabian Lotz die Schale mit Magnesia hinterherzutragen. „Toll, was hier auf die Beine gestellt wurde“, sagt der Olympiasieger, als er sich eine kurze Verschnaufpause genehmigt.
Auch Exoten wie Trial-Fahrradfahrer sind am Start
Gleich neben der Turnhalle, schräg unter den Flutlichtmasten des Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadions im Berliner Mauerpark, haben die Exoten der Finals ihr Plätzchen gefunden: die Trial-Fahrradfahrer. Ihr Parcours erinnert an eine Mischung aus Kinderspielplatz und Raubtiergehege. Bunte Klötze auf der einen Seite, verästelte Baumstämme auf der anderen. All das zu überfahren mit Rädern, die keinen Sattel haben. So kompliziert die Übungen, so bodenständig die Auswertung: Ein Mann mit Strohhut namens Wolfgang trägt die Punkte der Fahrer per Hand in eine große Ergebnistafel ein, die von der voll besetzten Sperrholztribüne nur mit Mühe erkennbar ist. Deutlich zu vernehmen dafür die regelmäßigen Rufe des Moderators: „Auf geht’s, Berlin!“
Es ist das Faszinosum dieses deutschen Mini-Olympias, dass sich das Publikum plötzlich für Disziplinen begeistert, bei denen der Großteil von keinem einzigen Athleten je gehört hat. Auf einem Sportplatz in Wiesbaden-Dotzheim haben die Bogenschützen im vergangenen Jahr ihre deutschen Meister ermittelt – jetzt ziehen sie ihre Pfeile im Schatten der fünf Ringe aus dem Köcher, im großen Olympiapark in Westend. Das Epizentrum der Finals. Tausende von Menschen halten auf der Tribüne vor Aufregung den Atem an, wenn Sportler mit Anglerhüter und grünen Poloshirts ihre Bogen spannen. Umso lauter wird es, wenn sich ihre Pfeile ins Zentrum der bunten Zielscheibe bohren. Dann folgt nicht nur tosender Beifall, sondern auch die Filmmusik von Robin Hood. Und von nebenan, aus dem Olympiastadion, schwappen die Begeisterungsstürme der Leichtathletikfans herüber.
Die Leichtathletik wagt sich ins Olympiastadion
Die Leichtathletik, sie ist das große Zugpferd des olympischen Sports. Doch war auch der DLV in den vergangenen Jahren nicht frei von Sorgen. Immer weniger Stadien, immer weniger Meetings in Deutschland, gähnende Langeweile bei den nationalen Meisterschaften in Nürnberg im vergangenen Jahr. Ein großes Wagnis, die Titelkämpfe nun ausgerechnet in der mit Abstand größten Leichtathletik-Arena des Landes auszutragen. Doch siehe da: Leer ist zwar der komplette Oberrang, prächtig dafür die Stimmung darunter.
Kein Athlet, der sich nach seinem Wettkampf nicht herzlich beim Publikum bedanken würde – sofern er dazu die Möglichkeit bekommt. Die bedauernswerte Cindy Roleder, neue deutsche Meisterin im Hürdensprint, muss am Samstagabend bis eine Stunde nach Ende der Wettkämpfe warten, bis man endlich auch ihr die Goldmedaille um den Hals hängt. Außer ihrem Trainer und ihren Freunden weilt nur noch die Putzkolonne im Stadion.
Beim Boxen fliegen auch auf der Tribüne die Fäuste
Auch die Boxer befinden sich zu diesem Zeitpunkt längst im Feierabend – haben zuvor aber am äußersten Rand des Olympiaparks eindrucksvoll bewiesen, dass sie in der bunten Welt des Sports ganz besonders bunte Vögel sind. Rauchende Trainer vor dem altehrwürdigen Kuppelsaal, im Innern die unvergleichliche Geruchsmischung aus herbem Männerschweiß und schwerem Damenparfüm.
Nur die Laien im Rund murren, als das Finale im Leichtgewicht offiziell per Glockenschlag freigegeben wird, obwohl nur ein Boxer im Ring steht. Die Experten wissen: So muss das sein, sonst könnte Hamsat Shadalov, der kampflose und trotzdem überglückliche Sieger, anschließend nicht den Pokal in Empfang nehmen, standesgemäß auf dem Silvertablett hereingetragen von jungen Frauen in knappen Kleidern. Und zum Boxsport gehört eben auch, dass nicht nur im Ring die Fäuste fliegen. Mehrere Einsatzkräfte in Kampfanzügen müssen auf der Tribüne schlichtend eingreifen, als am Samstagnachmittag ein paar Männer mit kahlen Köpfen und engen T-Shirts unterschiedlicher Meinung sind.
Ansonsten aber, so meldet die Berliner Polizei, sei bei alles friedlich geblieben.