Banger Blick in eine Gegenwart voller Vergangenheit Foto: Ki Bun/Filmwinter

Anmerkungen zur Medienkunstausstellung des diesjährigen Filmwinters in Stuttgart.

Stuttgart - Mit gutem Grund gehören für die Macher des Festivals Filmwinter in Stuttgart Experimentalfilm und Medienkunst nahe zusammen. So erweist sich auch die diesjährige Ausstellung „Medien im Raum“ wieder als kritische Befragung der multimedialen Möglichkeiten.

Euphorisch klingt die Stimme des gut ­gekleideten Fernsehreporters. Er verspricht den Zuschauern eine goldene Zukunft. Der Kameraschwenk zeigt: Wo noch schroffes schottisches Küstenland ist, entsteht ein Atommeiler. Dann aber sehen wir einen Torso nicht mehr der Hoffnung, sonder einen Torso vergeblicher Träume. „Atom Town – Life ­After Technolgy“ heißt die Videoarbeit des Briten Gair Dunlop, in der Originalaufnahmen der frühen 1960er Jahre neuem Filmmaterial gegenübergestellt werden. Dunlop zeigt die Wandlung wie auch die Widerstandsfähigkeit des Ortes Dounrey. Nur mehr die Ruine des Schnellen Brüters erinnert an die Zeit, in der man an den geschlossenen ­atomaren Wiederaufbereitungskreislauf als zukunftsrettende Technologie glaubte.

­Publikumsliebling: Schüchlers Videoarbeit „Die Wasserschöpferin“

Das Leben nach der Technik, die Realität nach einem historischen Ausrufezeichen, ist eines der zentralen Themen der diesjährigen Expanded Media-Schau. Ungewollt einen idealen kritischen Rahmen bietet hierfür das bisherige Filmhaus Stuttgart. Als Amerikahaus als Ausrufezeichen einer internationalen Fassadenarchitektur gebaut, war es nicht durch Entwicklung, sondern durch politischen Beschluss zum Filmhaus erhoben worden. Ein Irrweg, der Hoffnung ausdrückte und doch den schleichenden Tod beobachten ließ. Was man verliert, ist vielleicht erst jetzt zu sehen, da das Haus benutzungsentkernt ist und seine innere Großzügigkeit und eigene Eleganz von keinen Trutzburg-Einbauten mehr verdeckt wird. Ganz im Sinn von Gair Dunlop zeigt sich dieses Gebäude äußerst ­widerstandsfähig – und rückt damit in den Blick aller weiterer Überlegungen zur Weiterentwicklung des Themas Filmhaus in Stuttgart.

Im dritten und vierten Obergeschoss findet man die Medienkunst-Arbeiten, in ehe­maligen Büros also – wie schon 2010 beim ­Expanded Media-Gastspiel in der ehe­maligen Bundesbahndirektion. Als Reflektionen des Multimedialen und Digitalen an sich zeigen sich die Arbeiten im dritten Obergeschoss, während das vierte Filmhaus-Stockwerk rein werkstrukturell den erzählerischen Momenten vorbehalten ist. Als ­Publikumsliebling dürfte sich Ulrike Schüchlers Videoarbeit „Die Wasserschöpferin“ erweisen . Eine Frau im Unterkleid ­bewegt sich in einem Schwimmbecken unter Wasser. Urformationen entstehen, getaucht in tiefes Blau. Gibt es auch ein Urvertrauen? Dies ist die Frage der Finnin Heli Konttinen in ihrer Video-Szenerie „Human Ontology“. Ihre Kamera beobachtet Kindergarten­kinder, gekleidet in weiße Oberhemden und Krawatte, Neutralität behauptend und doch Einzigartigkeit lebend. Noch lächelnd, schon gewaltbereit die Sandschaufel schwingend.

Netzwerk-Kultur ist das Thema

Bildpoetisch gibt sich auch Ki Buns ­Überblendungs-Panorama „Wenn der Osten plötzlich im Westen liegt“. Erfahrungsreiche Blicke gelten der neuen Leere der früheren Fahrerbereitschaft in Berlin-Grünau, ­während in einem dritten Bildteil die Frage nach Vergangenheit, Gegenwart und ­Zukunft hinter einem ständigen Schleier verschwindet.

Wie aber arbeitet und reagiert das digitale System an und in sich? Und welche Strukturen generiert unser aller Internetpräsenz. Dies vor allem ist das Thema im dritten Stock. „Network Culture“, Netzwerk-Kultur, ist das Thema. Google und Facebook, die Suchmaschine und die Kommunikationsbühne, bleiben den Medienkünstlerinnen und -künstlern offenbar fremd. Nicht in einer­­­ ­kritischen Reaktion, sondern weil – ob in ­Johannes P. Osterhoffs Dauer-Suchdokumentation „Google“ oder in Jurgen Trautweins formidablem digitalem Daumenkino „Onspeed“ – bei präziser Analyse die ­Möglichkeiten digitaler Realitäten nurmehr ­angedeutet sind. Der Schrecken des Normalnutzers, die Tiefe des jeweiligen Systems, ist für die Künstlerinnen und Künstler Voraussetzung für die Gestaltung von Struktur­räumen. Eine eigene Gratwanderung ­zwischen Design und Kunst deutet hier, in Reaktion auf Googles Dokumentations­programm Street View, die Umwandlung ­gepixelter Häuser in sich selbst generierende Eigenformen in dem „Network Culture“-Beitrag „Ghosttown“ von Anne Hübner, Chris Heller, Daniel Stäbler und Theo Seemann an.

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