Ständig gibt es Ärger: Golshifteh Farahani als Psychologin in „Auf der Couch in Tunis“. Foto: Verleih

Wenn Kulturen aufeinanderprallen, bleibt kein Auge trocken. Das zeigen in dieser Woche gleich zwei Filme, der eine spielt in Tunis, der andere in Lappland.

Stuttgart - Welche Filme starten neu in den Kinos, welche lohnt es sich anzuschauen? Wir geben einen Überblick.

Auf der Couch in Tunis

Die Regisseurin Manele Labidi ist in Frankreich geborenen und hat tunesische Wurzeln, man kann also davon ausgehen, dass ihre Dramödie „Auf der Couch in Tunis“ ein stückweit autobiografisch gefärbt ist. Die Psychologin Selma (Golshifteh Farahani) kehrt nach dem Studium in Paris nach Tunis zurück, um eine psychologische Praxis zu eröffnen – und gerät von einer Schwierigkeit in die nächste. Männer glauben, sie verstecke dahinter ein Prostitutionsgeschäft, Frauen empören sich, man könne doch nicht mit einer fremd gewordenen Akademikerin über intime Probleme sprechen.

Redebedarf haben aber alle, und so stehen die Klienten bald Schlange. Die absurdesten Konflikte treten zutage, und es sind sehr menschliche, wie sie überall auf der Welt vorkommen: Eheleute leben sich auseinander, ein Imam steckt in einer Sinnkrise, eine Geschäftsfrau glaubt, alle wollten ihr ans Leder, und ein Hyperaktiver träumt ständig von Putin. Es dauert nicht lange, bis die Behörden Wind von Selma bekommen, die nun an einen ihr zugewandten Polizisten gerät und an eine Beamtin, die am Schreibtisch ständig isst und ganz auf Allah vertraut.

Mit sanftem Humor lässt Labidi es menscheln und ihre großartige Hauptdarstellerin trägt den Film. Golshifteh Farahani brillierte schon in Marjane Satrapis „Huhn mit Pflaumen“ und in Jim Jarmuschs „Paterson“. In Tunis nun sticht sie etwas heraus als wild gelockte Perserin – geht aber zu einem mondänen Soundtrack, der das Leben feiert, mit so fein dosierten Gefühlszuständen durch die Krisen, dass man ihr gerne bis zum Schluss folgt. (ab 6, Atelier am Bollwerk)

Master Cheng in Pohjanjoki

Als Bruder eines gefeierten Künstlers im selben Metier tätig zu sein, führt fast zwangsläufig zu Vergleichen. Mika Kaurismäki stand immer ein wenig im Schatten des großen Arthausmeisters Aki – dabei lohnt es sich, manche einer Filme unabhängig von der Verwandtschaft zu betrachten. Der aktuelle zum Beispiel hat zwar einen durchsichtigen, bekannt erscheinenden Plot, leistet gleichwohl aber einen sehenswerten Beitrag zum Thema Culture Clash.

Der Chinese Cheng, ein klassischer „fish out of water“, strandet mit seinem Sohn in Pohjanjoki in Lappland in einem Restaurant, das die Südfinnin Sirkka von ihrer Tante geerbt hat. Sie ist sympathisch und hilfsbereit, kann aber nicht kochen, weshalb bald Cheng das ganze Dorf bezaubert mit seinen Kochkünsten, die auch noch große Heilkräfte entfalten. Beide tragen eine persönliche Tragödie mit sich herum, und als sie sich einander offenbaren, geschieht das Unvermeidliche.

Was den Film heraushebt, ist seine Warmherzigkeit: Kaurismäki fängt die verlorenen Seelen seiner Figuren sehr einfühlsam auf, er stellt ihnen knitze alte Männer und Busse voller chinesischer Touristen an die Seite, er lässt der Vater-Sohn-Beziehung Zeit, sich zu entwickeln, wie auch der sanft keimenden Liebe. Pak Hon Chu als höflich-zurückhaltender Chinese und Anna-Maija Tuokko als offenherzige Finnin passen zueinander wie Yin und Yang und vermitteln eindrücklich: Wir sind alle nur Menschen, egal woher wir stammen. (Ab 6, Atelier Am Bollwerk)

Weltreise mit Buddha

Es gibt Dokumentarfilme, die weniger einen Gegenstand dokumentieren, sondern eher die Befindlichkeiten des Filmemachers. So ist das auch bei Jesco Puluj, der sich aufmacht, herauszufinden, was Buddhismus ist. Im Zentrum seiner Anmoderation steht das Wort „ich“ – ein bisschen buddhistische Demut könnte da tatsächlich helfen. Doch auf Vorab-Recherche hat der Filmemacher offenbar komplett verzichtet.

Puluj landet bei einem kanadischen Einsiedler in den Bergen Thailands und in einer Tokioter Bar, wo Spirituosen die Spiritualität befördern sollen. Er reist ins Lonquan-Kloster nach Peking, nach Botswana und Südafrika und wartet darauf, dass ihm jemand das Geheimnis des Buddhismus auf dem Silbertablett serviert. „In jedem von uns steckt ein Buddha“, sagt die Äbtissin eines nepalesischen Frauenklosters. Doch Puluj bleibt selbst dann Beobachter, wenn er als Gast ein chinesisches Kloster eintritt, es gelingt ihm nicht, sich konzentriert einzulassen – dabei wäre genau das der erste entscheidende Schritt, das Wesen des Buddhismus am eigenen Leib zu spüren.

Puluj reist über die philosophischen Inhalte hinweg, ohne sich berühren zu lassen. Er ist verkopft und nie wirklich im Moment, was er an einer Stelle sogar zugibt. Er lauscht Worten über Achtsamkeit, müsste aber anfangen, bewusster auf sich und andere zu achten, um sie zum Leben zu erwecken. Er hängt stattdessen in Äußerlichkeiten fest, macht hübsche Aufnahmen von Buddha-Statuen und Landschaften und reflektiert zwischendurch, wieso bei ihm der Erkenntnisgewinn ausbleibt: „Warum bin ich nun kein Buddhist geworden?“, fragt Puluj am Ende.

Wer ihm antworten möchte, kann dies am 31. Juli tun, er kommt zur 18.45-Uhr-Vorstellung ins Stuttgarter Kino Atelier am Bollwerk, wo der Film auch läuft.

Weitere Kinostarts

In dem Dokumentarfilm „Cody – Wie ein Hund die Welt verändert“ nimmt eine Schweizer Familie einen rumänischen Straßenhund auf und erkundet dessen Herkunft erkundet (ab 12, Cinemaxx SI).

Da keine Neuware aus den USA kommt, behelfen einige Kinos sich mit Klassikern. Die grandiose Komödientrilogie „Zurück in die Zukunft“ (1985–1990) von Robert Zemeckis, deren Zeitmaschinen-Plot heute noch so gut funktioniert wie damals, ist wieder auf großer Leinwand zu sehen (ab 12, Cinemaxx SI). Auch Steven Spielbergs legendärer Horror-Thriller „Der weiße Hai“ (1975) ist noch einmal im Kino zu erleben (ab 16, Gloria). Ein Dauerbrenner bleibt der südkoreanische Oscar-Abräumer „Parasite“, in dem eine Unterschichtfamilie sich bei einer wohlhabenden Familie einschleicht (ab 16, Delphi).

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