Sie können nicht nur Film und Fernsehen: Meret Becker, Claudia Michelsen, Devid Striesow, Thomas Loibl, Ronald Zehrfeld und Matthias Koeberlin machen im Stuttgarter Hegelsaal aus dem Hörspiel „Die Unmöglichen“ einen Theaterabend zum Staunen.
Vieles spricht dagegen, dass dies ein Publikumserfolg wird. Ein sperriges Thema – Präimplantationsdiagnostik. Sechs Schauspielstars, die man aus dem Fernsehen und dem Kino kennt, die vielleicht lieber allein glänzen als miteinander. Die große Hitze des Tages. Der nicht eben atmosphärisch heimelige Stuttgarter Hegelsaal. Und dann ist das Ganze auch noch eine Lesung – zwei, drei Tische, Leute, die mit Wassergläsern vor einem sitzen. Auch sind Paul Plamper und Julian Kamphausen, die Autoren von „Die Unmöglichen“, keine Literaturstars.
Überbordende Spiellust im Hegelsaal
Doch was passiert? Von der ersten Sekunde an überbordende Spiellaune, grandiose Sprechkunst. Selten hat man so viel Theater außerhalb des Theaters erlebt. Wie Gladiatoren marschieren sie ein, angeführt von Meret Becker, die im strammen Schritt über die Bühne eilt, gefolgt von Ronald Zehrfeld, Claudia Michelsen, Thomas Loibl, Devid Striesow und Matthias Koeberlin.
Loibl und Michelsen spielen die Eltern, die „auf Nummer sicher“ gehen bei ihrem möglichst gesunden Nachwuchs, in England per künstlicher Befruchtung und eben Präimplantationsdiagnostik schwanger werden wollen. In London erfahren sie, dass das Verfahren drei Mal geklappt hat, aber es kann nur ein Embryo eingesetzt werden. In der Folge – und davon handelt der ursprünglich als Hörspiel geplante Text – fantasieren sie darüber, wie das Leben mit welchem Kind verlaufen wäre, also mit Max (Matthias Koeberlin), Fabian (Ronald Zehrfeld) oder Amelie (Meret Becker).
Schlaglichtartig werden Szenen eines Familienlebens in verschiedenen Lebensphasen durchgespielt – das Publikum lernt ein melancholisches Wunderkind kennen, einen arrogant kapitalistischen Luxusautohändler und ein Mädchen, das – trotz der Diagnostik – mit Trisomie 21 und einem Herzfehler auf die Welt gekommen ist. Sie bleiben natürlich nicht stur sitzen. Claudia Michelsen hält sich verkrampft an der Tischplatte fest, heult, brüllt bei imaginierten Geburten. Sie küssen einander, wenn Amelie energisch fordert: „Ich will laute Küsse!“ Meret Beckers Amelie tanzt selbstvergessen, während Striesow den Schlager „Anneliese, oh, Anneliese“ singt, Koeberlin mit den Fingern auf der Tischplatte den Takt dazu vorgibt und die Eltern ob der ständigen Liedwiederholung die Ohren zuhalten.
Insiderscherze über TV-Auftritte
Die fabelhaften Sechs haben bei aller Konzentration auf die Szenen- und Stimmungswechsel Vergnügen am gemeinsamen Tun, sie improvisieren und spielen damit, wenn jemand sich im Text vertut und „Dasche“ statt „Tasche“ sagt. Szenenapplaus spendet das Publikum auch bei Insiderscherzen, wenn die Eltern sagen, „wir gehen jetzt heim und schauen, was im Fernsehen läuft – ,Tatort’ oder ,Polizeiruf’ oder diese Serie vom Bodensee“ – lauter TV-Formate, in denen die Darsteller zu sehen sind oder waren.
Devid Striesow gibt den Zeremonienmeister, kündigt die Kapitel an, gerät in ein Gerangel, wenn der Vater Max prügelt, weil Max das Geld für die Wirtschaftsschule lieber in die Gründung einer Firma steckt. Er spielt zwischendurch Loibls Arbeitskollegen, der ihm von seinen Fortpflanzungsplänen berichtet, bestärkt ihn, die Möglichkeiten der modernen Medizin voll auszuschöpfen. „Du arbeitest ja auch nicht mehr mit dem Filzstift, sondern mit dem Computer“, sagt er dem Vater in spe, der noch zweifelt: „Wir haben ja eine Geschichte in Deutschland“, Euthanasie im Nationalsozialismus.
Das Leben wird reicher mit Amelie
Loibl und Michelsens Eltern entwickeln sich von Kind zu Kind unterschiedlich und stellen das überzeugend nuancenreich dar. Der Text ist ein Plädoyer dafür, die Natur selbst bestimmen zu lassen und nicht irgendwelche Diagnostiker. Und so wird ihr Leben reicher mit dem Leben mit Amelie. Die Schwierigkeiten werden angetippt, und im Saal wird’s sehr still, wenn Claudia Michelsen zu Beginn von Amelies Leben – das mit Meret Beckers zart anrührendem Babygreinen startet – nachdenkt „ein Kissen aufs Köpfchen“ zu drücken, weil sie fürchtet, ein Leben mit einem Kind mit Behinderungen nicht meistern zu können. Am Ende ist das Paar an der Herausforderung gewachsen, während ihre zwei anderen Leben in Scheidung, Alkoholismus und Arbeitslosigkeit münden.
Neben Becker überzeugen auch Koeberlin als schnoddriger Autohändler, ebenso Zehrfeld, der als melancholisches Wunderkind agiert. „Die Unmöglichen“ funktioniert auch, weil so viele Aspekte angespielt werden, jeder sich finden kann, als Kind, als Elternteil. Die „szenische Lesung“, die seit Jahren schon tourt und von Veranstalter Stuttgart-Konzert in die Stadt gebracht wurde, ist überdies ein Beweis dafür, dass manchmal ein Blick reicht, um eine Stimmung deutlich zu machen. Kunst braucht nicht mehr – und das ist natürlich zugleich sehr viel – als sechs großartige Schauspieler, die zeigen, was sie können und zwar jenseits der zuweilen beschränkten Möglichkeiten im Fernsehen.
Der Applaus wird stehend gespendet, selten so verdient wie an diesem Abend.