Ein charmantes Schlitzohr inmitten von Korruption, Schwarzhandel und Mordlust im Kosovo: Carlo Ljubek (vorne) in „Kill me today, tomorrow I’m sick!“ Foto: Verleih

Drei Männer, die für etwas stehen, gab es zum Auftakt der Filmschau Baden-Württemberg zu erleben: Den Schauspieler Walter Sittler, den Fernsehjournalisten Thomas Roth und den Kabarettisten Sigi Zimmerschied.

Stuttgart - Gerührt steht der Stuttgarter Schauspieler und Produzent Walter Sittler im Metropol-Kino und bedankt sich für den Ehrenfilmpreis des Landes. Dass die Wertschätzung auch seinem widerständigen Charakter gilt, etwa seinem Stuttgart-21-Einsatz, das hat der Laudator Thomas Roth betont, Fernsehjournalist und „Tagesthemen“-Sprecher a. D. Einfühlsam hat er Sittlers Karriere nachgezeichnet und dabei die Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements für die Demokratie hervorgehoben, besonders in Zeiten, in denen im Parlament wieder Parteien nationalsozialistische Rhetorik salonfähig machen und Vokabeln wie „Umvolkung“: „Das dürfen wir nicht hinnehmen!“, ruft Roth mit der ganzen ­Autorität eines Vertreters des Qualitätsjournalismus.

Die Preisverleihung mit den graumelierten Herren, die beide für etwas stehen, setzt am Mittwoch gleich ein Ausrufezeichen zum Auftakt der 24. Filmschau ­Baden-Württemberg. Die zeigt, was im Land oder von Baden-Württembergern produziert worden ist. Den Eröffnungsfilm „Kill me today, ­tomorrow I’m sick!“ von Joachim Schroeder und Tobias Streck hat die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württebmerg gefördert.

Die Kosovo-Szenerie sorgt für Verwunderung

Mitten hinein in den Kosovo-Konflikt des Jahres 1999 gehen die beiden. In der Hauptstadt Pristina herrscht blutiges Chaos, die albanische Miliz UCK hat die Oberhand, die einstmals herrschenden Serben leben gefährlich, Korruption und Schwarzhandel bestimmen das Bild. In dieser Gemengelage treffen die übermotivierte OSZE-Wiederaufbauhelferin Anna und das sympathische Schlitzohr Plaka aufeinander. Sie raufen sich zusammen und es gelingt ihnen, einen freien Radiosender aufzubauen, der für einen kurzen Moment ­Zusammenhalt stiftet. Carlo Ljubek ist eine Wucht als Plaka, der sich durchmogelt und -charmiert, die „Tatort“-Kommissarin“ ­Karin Hanczewski als Anna dagegen wirkt zumindest zu Beginn so, als würde sich nicht nur die Figur über die Szenerie wundern, sondern auch die Schauspielerin.

Seine Schwester sei damals als Helferin im Kosovo gewesen, sagt Schroeder, auf ihren Beobachtungen ­basiert das Drehbuch. In der Umsetzung verrutscht allerdings manchmal die Balance, mitunter ist die Gewaltdarstellung krasser als nötig und brutaler, als einer schwarzen Komödie dienlich. Anders war das in den Insider-Filmen von Emir Kusturica („Schwarze Katze, weißer Kater“), ehe er serbischer Nationalist wurde. Feiner austariert ist auch „A Perfect Day“ (2015) von Fernando León de Aranoa, in dem Benicio del Toro, Tim Robbins und Melanie Laurent als Helfer im Bosnienkrieg an den Irrationalitäten verzweifeln.

Noch einer zeigt Haltung

„Kill me today“ hat dennoch seine Momente, zum Beispiel Auftritte des bayerischen Kabarettisten Sigi Zimmerschied. Er spielt einen hemdsärmeligen OSZE-Chef im Prostitutionssumpf. „Ambivalente Charaktere sind immer die spannendsten“, sagt Zimmerschied im Interview. „Das gefühlvolle Monster, das große Kind, in diesem Fall die verlorene Drecksau aus Niederbayern. Der ganze Film handelt ja von entwurzelten, verwaisten Menschen.“

Noch einer, der Haltung zeigt – wer es im Film im Kosovo tut, riskiert sein Leben – die Filmschau-Besucher werden also auch hier daran erinnert, wie unschätzbar wertvoll Bürgerrechte sind.

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