In unserem Filmprojekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ blicken wir auf den Marienplatz. Im Krieg war er erst Bunkerbaustelle, dann Gemüsebeet. Warum? Und hat es was gebracht?
Die Szenerie wirkt unwirklich. Als sei Stuttgart ein Dorf auf dem Land. Dort, wo die Landeshauptstadt sich heute besonders urban zeigt – auf dem Marienplatz – erstreckt sich ein großes Gemüsefeld am „Platz der SA“. Diese Bezeichnung hatten sich die Nazis 1937 für den Marienplatz ausgedacht.
Die bewegten Bilder stammen aus dem Jahr 1942. Zwischen den akkurat angelegten Beeten vor dem markanten Kaiserbau sind gut gelaunte und genährte Menschen zu sehen. Sie felgen, gießen das Gemüse und bringen Dünger aus. Daneben sitzen fröhliche pausbackige Kinder. Von Krieg und Mangelwirtschaft keine Spur. „Durch solche Bilder wird suggeriert, dass die Versorgungslage für die Stuttgarter Bevölkerung hervorragend gewesen sei“, sagt Katharina Ernst, die Leiterin des Stuttgarter Stadtarchivs, im Gespräch mit unserem Redakteur Felix Frey. Als Historikerin weiß sie, die Bilder einzuordnen: „Auch die fahrende Straßenbahn und die Passantinnen und Passanten erwecken den irreführenden Eindruck von Normalität und friedlichem Alltag.“
Der Stuttgarter Marienplatz – fast überall wuchs Gemüse
Doch von Normalität konnte keine Rede sein. Die „Großstadt zwischen Wald und Reben“, wie Stuttgart seit 1935 in einem frühen Anflug von Stadtmarketing hieß, entwickelte sich in den Kriegsjahren zu einer Großstadt zwischen Blumenkohl und Kohlrabi. Nicht nur hier auf dem Marienplatz wurde Gemüse angebaut, wie Ernst im Gespräch mit Redakteur Felix Frey erklärt. Überall in der Stadt wurden damals unbebaute Flächen für den Gemüseanbau umgewidmet. Selbst auf Verkehrsinseln und im Höhenpark Killesberg, wo 1939 noch die Reichsgartenschau stattgefunden hatte, wuchs Gemüse.
Ein anderer Film aus der Kriegsfilmchronik des Stadtarchivs listet grafisch penibel genau auf, wie die Anbaufläche in Stuttgart vergrößert wurde – von sechs Hektar im Jahr 1940 auf 41,5 Hektar im Jahr 1943. Entsprechend wurde die Gemüseerzeugung gesteigert. Für 1943 errechneten die städtischen Erbsenzähler 381 000 Lauchstangen, 304 000 Blumenkohle, 280 000 Spätkohlrabi, 170 000 Frühkohlrabi und 124 000 Salatköpfe. „Es ging darum, die Stimmung des Volkes gut zu erhalten“, zitiert Ernst den damaligen Leiter des Stuttgarter Ernährungsamtes. Die Hungerjahre des Ersten Weltkriegs waren im Gedächtnis der Stadt präsent.
Zwischenzeitlich nur 1500 Kalorien am Tag im Zweiten Weltkrieg
Erhebungen gab es auch zur Kalorienaufnahme. Bei Kriegsbeginn 1939 lag die durchschnittliche Menge eines Erwachsenen in Stuttgart demnach bei 2265 Kilokalorien am Tag, sank dann bis auf wenig über 1500 Kilokalorien ab und steigerte sich Ende des Jahres 1942 dann wieder. Das Gemüse vom Marktplatz hatte daran offenbar nur einen geringen Anteil. „Die Verbesserung in der Versorgung Ende 1942 kam nicht in erster Linie durch Gemüseanbau zustande, sondern wurde möglich durch die rücksichtslose Ausplünderung der von Deutschland zu dieser Zeit besetzten Gebiete“, betont Katharina Ernst: „Sie basierte also auf dem Hunger und dem Elend der Menschen dort.“ Dazu kam der Einsatz von Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft. Er hatte laut Ernst einen wesentlichen Anteil an der Versorgung der Bevölkerung.
Was man in den bewegten Bildern nicht sieht, ist der Bunker unter dem Marienplatz. Angedeutet wird es, wenn die Kamera auf ein Schild schwenkt mit der Aufschrift „Öffentlicher behelfsmäßiger Luftschutzraum“ und eine Treppe zeigt, die in den Untergrund führt. Nachdem in der Nacht vom 24. auf den 25. August 1940 Stuttgart erstmals Ziel von alliierten Bombern geworden war, erfolgte ein rascher Ausbau von Luftschutzräumen in der Stadt – vor allem durch Kriegsgefangene. „Der Bunker am Marienplatz war Teil dieses Programms“, erläutert Katharina Ernst. Die Aufnahmen dazu stammen aus dem Jahr 1941. Andere Beispiele sind die Bunker unter dem Marktplatz oder am Raitelsberg im Stuttgarter Osten beim Gaskessel. „Das größte und teuerste Projekt war der Wagenburgtunnel“, erklärt die Historikerin.
Im Juli 1944 wird Marienplatz-Bunker von Bomben getroffen
Der Marienplatz-Bunker hatte 436 sogenannte Liegestellen und 400 Sitzplätze, wie ein damaliger Plan belegt. „Die Bunker haben vielen Menschen das Leben gerettet“, sagt Ernst. Doch keinesfalls allen. Im Juli 1944 riss eine Fliegerbombe die Decke des Marienplatz-Bunkers an einer Stelle auf. 15 Menschen starben, 23 wurden verletzt.
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