Schüler Fabian Brüssow interviewt die Zeitzeugin Charlotte Isler Foto: Steffen Kayser, Traube47 – Büro für Grafik und Film

Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die über den Nationalsozialismus berichten können. Für ein Filmprojekt befragten junge Menschen ehemalige jüdische Mitbürger. Darunter Charlotte Isler, die zur Premiere aus New York anreiste.

Stuttgart - „In diesem Haus haben wir gewohnt.“ Charlotte Isler, 1924 in Stuttgart geboren, steht mit Fabian Brüssow und Sarah Haide vor dem Haus Hohenstaufenstraße 17 A und erzählt den beiden jungen Leuten, dass ihre Kindheit hier nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 jäh endete. Im April 1939 rettete sich die Familie der damals 13-Jährigen mit Eltern und Bruder Ernst vor der drohenden Deportation durch Emigration in die USA.

2008 verlegte der Künstler Gunter Demnig vor diesem Haus einen Stolperstein: Für Sigmunde Friedmann. „Das war meine Großmutter“, erklärt Charlotte Isler ihren interessierten Interviewern. Die Großmutter wollte nicht mit in die Emigration. Warum nicht?, fragen Fabian und Sarah. „Ich denke, weil sie uns nicht zur Last fallen wollte“, sagt Charlotte Isler. 1942 wurde ihre Großmutter nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 5. April 1944 mit 72 Jahren.

Mit der Verlegung des Stolpersteins begann für Charlotte Isler eine neue Phase in der Beziehung zur ehemaligen Heimatstadt. Zwar konnte sie der kurzfristigen Einladung zu diesem Anlass nicht folgen, nachdem Irma Glaub von der Stolperstein Initiative sie ausfindig gemacht hatte. Doch im September desselben Jahres kam Charlotte Isler mit ihrem Mann nach Stuttgart, wo sie ihr erster Weg zum Stolperstein für die Großmutter in die Hohenstaufenstraße führte. Als Zeitzeugin für das Reichspogrom, das sich kurz darauf zum 70. Mal jährte, gab sie auch den Stuttgarter Nachrichten ein Interview.

Beziehungen zwischen Stuttgart und Irvington on Hudson

Seither sind die Beziehungen zwischen Stuttgart und Irvington on Hudson, dem Wohnort von Charlotte Isler, etwa 20 Kilometer nördlich von New York, nicht mehr abgerissen. Und ihren letzten Besuch zusammen mit dem Sohn Donald im vergangenen Sommer nutzten Harald Stingele und Irma Glaub von der Stolperstein Initiative zusammen mit dem Stadtjugendring, die damals 90-Jährige für das Filmprojekt „Frage-Zeichen“ vor die Kamera zu holen.

Es ist bereits Teil zwei dieses ambitionierten Projektes gegen das Vergessen. 2012 entstand der erste Film unter der Regie von Steffen Kayser: Ein lebendiger und eindrücklicher Geschichtsunterricht für mehr als 20 Jugendliche aus Stuttgarter Schulen, die von zehn Zeitzeugen erfahren konnten, was sich einst in dieser Stadt und damit in ihrer direkten Umgebung abgespielt hat. Von ihren Schicksalen und prägenden Ereignissen, von Ausgrenzung, Flucht und Widerstand berichteten damals unter anderem Johannes Schwarz, dessen Vater im Widerstand war und 1940 im KZ Mauthausen ermordet wurde, Franz Hirth, ein Neffe von Georg Elser, der ehemalige Stuttgarter Stadtrat Alfred Motzer und Gretel Weber, beide ebenfalls im Widerstand aktiv.

„Die Stadt hatte dieses Projekt mit 60 000 Euro unterstützt und auch für die Fortsetzung Mittel bereitgestellt“, berichtet Alexander Schell vom Stadtjugendring. Denn es herrscht Einigkeit darüber, dass dieser Schatz an mündlicher Überlieferung be-wahrt werden muss. Für den zweiten Film reisten Steffen Kayser, der Regisseur, und Harald Stingele zusammen mit Alena Kress und Fiona Knieling, Abiturientinnen des Fanny-Leicht-Gymnasiums, sogar nach Israel, um dort Henry Stern und Ruchama Neuman zu treffen. Auch an die Eltern und die Schwester von Henry Stern erinnern Stolpersteine in der Azenbergstraße, sie wurden 1942 in Riga ermordet.

Geschichten, die nahe gehen

Den heute 91-Jährigen und seinen Bruder Hermann hatten die Eltern dem Kindertransport nach England anvertraut. Ruchama Neumann, 1922 in Stuttgart als Ella Zanger geboren, kam schon als 15-Jährige mit der Jugend-Alija (Auswanderung) nach Palästina und erinnert sich dennoch lebhaft an den Eugensplatz: „Da soll es heute das beste Eis geben“, hat sie von Stuttgartern gehört.

In Stuttgart konnten die Schüler Thomas Naegele, den Sohn des bekannten Malers Reinhold Nägele, befragen. Er erzählte den Jugendlichen, welchen Diffamierungen er von 1933 an als Sohn einer Jüdin ausgesetzt war: „Ihr macht euch keinen Begriff davon, wie die Deutschen dem Hitler gefolgt sind.“ Die Familie emigrierte daher 1939 zuerst nach England und dann nach New York, wo Naegele heute noch lebt.

Steffen Kayser ist beeindruckt von den Menschen, die er bei dieser Regiearbeit getroffen hat: „Ihre Geschichten gingen mir teilweise sehr nahe.“ Er wird seinen Film im Kino EM vorstellen. Charlotte Isler, eine Journalistin und Autorin, wird als Einzige der Protagonisten bei der Filmvorführung dabei sein: „Weil ich nach Jahren der Distanz zu Stuttgart nun wieder so viele gute Freunde und Bekannte hier habe, auf die ich mich freue. Und weil ich Stuttgart liebe. Trotz allem, was uns angetan wurde.“

„Frage-Zeichen“: Der Film von Steffen Kayser wird am Mittwoch, 24. Juni, 17.30 Uhr, im Kino EM 4, Bolzstraße 4, vorgeführt. Eine Anmeldung ist erforderlich über Telefon 07 11 / 2 37 26 31 oder per Email: alexander.schell@sjr-stuttgart.de

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