Die FBI-Agenten Ray (Chiwetel Ejiofor) und Jess (Julia Roberts) stoßen bei ihren Ermittlungen auf viele Hindernisse. Foto: Universal Pictures

Julia Roberts liefert als Polizistin, deren Tochter ermordet wird, eine ganz große Leistung. Und der Kontext – eine observierte Moschee in New York, Terrorverdacht, zwielichtige V-Leute – ist höchst aktuell. Trotzdem reicht das Remake des argentinischen Oscar-Gewinners „In ihren Augen“ nicht ans Original heran.

Stuttgart - Wenn ein europäischer oder südamerikanischer Film internationale Erfolge feiert, weckt das in Hollywood oft Begehrlichkeiten. In den USA werden fremdsprachige Filme nicht synchronisiert, der Markt für untertitelte Versionen ist beschränkt. Deshalb kauft man den bedürftigen europäischen Produzenten die Rechte ab und dreht den Film einfach noch einmal in englischer Sprache mit heimischen Stars. Oftmals wirken diese Werke dann wie entseelte Blaupausen, denen der eigene künstlerische Zugang zum Stoff fehlt.

Dies kann man Billy Rays „Vor ihren Augen“ nicht vorwerfen, einer Neuverfilmung des argentinischen Oscar-Gewinners „In ihren Augen“ (2009) von Juan José Campanella, die sich von allen Werktreueverpflichtungen löst. Das Original verschränkte über die Zeitspanne von 25 Jahren hinweg einen vertuschten Kriminalfall aus der Phase der Militärdiktatur mit einer melancholischen Liebesgeschichte. Billy Ray („Captain Phillips“) verfrachtet die Story nun ins Post-9/11-Amerika, in dem die FBI-Agenten Ray (Chiwetel Ejiofor) und Jess (Julia Roberts) im Jahre 2002 eine verdächtige Moschee in Los Angeles überwachen.

Eine Tote im Müllcontainer

In der Nähe des Gebetshauses wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Was als Routineuntersuchung beginnt, führt direkt in ein Drama, denn die Tote im Müllcontainer ist Jess’ Tochter. Ray stürzt sich zusammen mit der neuen Staatsanwältin Claire (Nicole Kidman) in die Ermittlungen. Aber der Verdächtige, den die beiden im Verhör überführen, ist ein wichtiger FBI-Informant in eben jener Moschee und wird auf Drängen von Rays Vorgesetzten (Alfred Molina) wieder freigelassen. Das alles wird in Rückblenden aus dem Jahr 2015 heraus erzählt, in dem der inzwischen aus dem Dienst geschiedene Ray wieder bei seinen früheren Kollegen auftaucht und sich sicher ist, dass er den Mörder ausfindig gemacht hat.

Was im Original im großen Erzählkinoformat verhandelt wurde, schrumpft im US-Remake zu einem ungelenk zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselnden Thriller-Plot zusammen, der mehr in die eigene Konstruktion als in seine Figuren verliebt ist. Das Verschmelzen von kriminalistischer und amouröser Obsession, das der Vorlage ihren ganz eigenen Drive gab, will im Neuaufguss nicht funktionieren. Zwischen Chiwetel Ejiofor und Nicole Kidman bleiben alle vergeblichen Sehnsüchte und melodramatischen Gesten nur behauptet.

An den Haaren herbeigezogen

Ähnlich unglaubwürdig wirkt der politische Kontext, in dem der Mord an der Tochter einer FBI-Ermittlerin zum Schutz eines zwielichtigen Informanten unter den Teppich gekehrt wird. Das klingt selbst vor dem Hintergrund von Patriot-Act und Islamisten-Hysterie an den Haaren herbeigezogen. Trotzdem gibt es einen guten Grund, diesen Film einem EM-Vorrundenspiel vorzuziehen. Und der heißt Julia Roberts. Es ist schlichtweg brillant, wie sie den Schmerz der Mutter, die ihre Tochter an ein grausames Verbrechen verliert, im besten Sinne des Wortes verkörpert.

Als hätte man ihr die Seele herausgerissen, steht Jess dreizehn Jahre nach dem Mord nur noch als Schatten ihrer selbst im Raum. „Du siehst eine Million Jahre alt aus“ sagt Ray zu ihr, und man glaubt, jede schmerzhafte Minute davon in Roberts’ Gesicht und Körperhaltung zu sehen. Gerade im Vergleich zu Nicole Kidman, die zunehmend ins Statuenhafte konserviert wirkt, beweist Julia Roberts schauspielerisches Format und Reife. Man darf gespannt sein, was diese vom Pretty-Woman-Lächeln befreite Frau in den nächsten zehn, zwanzig Jahren noch so anstellt.

Vor ihren Augen. USA 2015. Regie: Billy Ray. Mit Julia Roberts, Nicole Kidman, Chiwetel Ejiofor, Alfred Molina. 112 Minuten. Ab 12 Jahren.

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